Als die Demokratie noch nicht erfunden war

Schon vor 600 Jahren politisierten im Berner Rathaus Grossräte. Allerdings mussten sie manchmal laut schreien, um entscheiden zu dürfen. Einen Eklat gab es 1470, als sie einen Metzgermeister statt eines Adligen zum Schultheissen wählten.

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Zurzeit herrscht wieder reger Betrieb im Berner Rathaus. 160 Frauen und Männer aus dem ganzen Kanton treffen sich im Grossen Rat, um über die politischen Geschicke Berns zu bestimmen. Fünfmal im Jahr kommen sie zusammen, jeweils für etwa anderthalb Wochen.

Sie entscheiden über Budget und Steuern, Asylwesen und Sicherheit, Bildung und Wirtschaft, Soziales und Gesundheit. In dieser Session etwa bewegen die Reitschule, die Spitalversorgung oder das Angebot im öffentlichen Verkehr die Grossrätinnen und Grossräte.

Schon vor 600 Jahren debattierten Grossräte im Berner Rathaus. Allerdings ging es damals ziemlich anders zu und her – wie genau, ist am Donnerstag und Freitag Thema einer Fachtagung zum 600-Jahr-Jubiläum. Mit einem Parlament hatte der damalige Grosse Rat jedenfalls noch kaum etwas gemeinsam.

Wichtige Militärgeschäfte

Denn Demokratie war vor 600 Jahren ein Fremdwort. Wer im Spätmittelalter politisch mitreden wollte, musste zwar nicht zwingend adlig sein, aber zur Bürgerschaft der Stadt Bern gehören. Dazu musste man ein Haus in der Stadt besitzen und seit 5 Jahren in Bern wohnen.

«Leute, die viel Geld hatten, gute Beziehungen etwa zu Adelshäusern vorweisen konnten oder nützliche Fähigkeiten fürs Allgemeinwohl mit sich brachten, wurden bevorzugt.» Regula Schmid, Dozentin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Bern

«Leute, die viel Geld hatten, gute Beziehungen etwa zu Adelshäusern vorweisen konnten oder nützliche Fähigkeiten fürs Allgemeinwohl mit sich brachten, wurden bevorzugt», sagt Regula Schmid, Dozentin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Bern. Eigenheiten also, die auch heute für Politiker von Vorteil sind.

Im 15. Jahrhundert waren vor allem Kämpfer, Schützenmeister und Kanonengiesser, aber auch Ärzte, Schreiber und Juristen als neue Bürger hochwillkommen. Denn Bern war der grösste Stadtstaat nördlich der Alpen, und meist herrschte Krieg. Finanzielles, Militärisches und die Verwaltung neuer Gebiete dürften die Grossräte in der damaligen Zeit vor allem beschäftigt haben. Und sie sprachen auch Recht, denn die Gewaltentrennung gab es noch nicht (siehe Infobox).

An Ostern wird gewählt

Besonders gut lässt sich die Politik des Spätmittelalters seit den 1460er-Jahren rekonstruieren, etwa anhand von Ratsmanualen – Notizbüchern aus Ratssitzungen, in denen Regula Schmid forscht. 1470/1471 zum Beispiel sassen 292 Männer im Grossen Rat.

Jedes Jahr an Ostern wurden Räte und Beamte neu gewählt – in einem Prozedere, das sich über mehrere Tage erstreckte. Elektoren waren für die Wahl des Grossen Rates zuständig. Bestimmt wurden diese 16 Wahlmänner von den vier amtierenden Vennern. Das waren Polizei- und Militärfunktionäre, die aus den vier mächtigsten Zünften der Stadt Bern gestellt wurden: den Pfistern (Bäcker), Gerbern, Metzgern und Schmieden.

Die von den Vennern bestimmten Sechzehner schlugen dann Kandidaten für den Grossen Rat vor. Der Stadtschreiber prüfte, ob die Vorgeschlagenen des Amtes würdig waren. Die Sechzehner und die Venner bestätigten danach die Wahl.

Die frisch gewählten Grossräte wählten anschliessend den Kleinen Rat. In diesem sassen 27 Personen, darunter der Schultheiss, der Seckelmeister und die Venner. Im Kleinen Rat konzentrierte sich die wahre Macht in Bern, er bestimmte über Gesetze und kam fast täglich zusammen. Weil dies sehr aufwendig war und Politik nicht entlöhnt wurde, konnten sich nur sehr wohlhabende Männer ein solches Amt leisten – meist also ältere, durch Handel oder als Grundbesitzer reich gewordene Herren.

Eklat um Metzgermeister

Der Grosse Rat hingegen durfte nur zusammenkommen, wenn der Kleine Rat ihn einberief. Das kam selten vor. Oft traf sich dieses Gremium deshalb nur an Ostern zu den Wahlen. Die Mitglieder des Grossen Rates hätten – darin ähnelten sie wohl dem heutigen Parlament – gerne mehr Macht gehabt.

Ab und zu setzten sie diesen Anspruch auch durch, etwa an Ostern 1470: Mit Schreien bestanden die Grossräte darauf, über ein Verbot von Schnabelschuhen, langen Schleppen an Frauenkleidern und kurzen Männerröcken abstimmen zu dürfen. Ein Verbot, das gegen die Adligen im Kleinen Rat gerichtet war. Diesen blieb schliesslich nichts anderes übrig, als die Grossräte entscheiden zu lassen.

Twingherren waren Adlige wie Adrian von Bubenberg, die von ihrem Landsitz wie etwa dem Schloss Spiez aus über Untertanen geboten.

Doch damit nicht genug: Gleich darauf wählte der Grosse Rat den Metzgermeister Peter Kistler zum Schultheissen – also ins höchste Amt im Staate Bern. Und verwies dessen adlige Konkurrenten Konrad von Scharnachthal, Adrian von Bubenberg, ­Thüring von Ringoltingen und Niklaus von Diesbach auf die Plätze. Dies war ein Höhepunkt im sogenannten Twingherrenstreit. Twingherren waren Adlige wie Adrian von Bubenberg, die von ihrem Landsitz wie etwa dem Schloss Spiez aus über Untertanen geboten.

In dieser Funktion besassen die Twingherren Rechte, welche die Stadt gerne selber ausgeübt hätte. So wäre es für die Stadt einfacher gewesen, Leute fürs Militär direkt rekrutieren zu können, anstatt die Twingherren darum bitten zu müssen. Diese wiederum wollten ihre Rechte für sich behalten. Sie waren ja auch Beweis für ihre hervorstechende Stellung als Adlige.

Die Wahl des Metzgermeisters löste heftige politische Kämpfe aus. Der Stadtschreiber bezweifelte gar, dass sie rechtens war – denn Kistler war von jemandem vorgeschlagen worden, der eigentlich kein Recht dazu hatte.

Zurück zur Ordnung

Ein Jahr später wurde Kistler denn auch nicht wiedergewählt. An seiner Stelle wurde Petermann von Wabern gewählt, ein Adliger, der sich aber während des Twingherrenstreits nicht exponiert hatte. «Ein klassischer Kompromiss», sagt Schmid. «Mit den jährlichen Wahlen konnte jeweils die öffentliche Ordnung wieder hergestellt werden.»

«Mit den jährlichen Wahlen konnte jeweils die öffent­liche Ordnung ­wiederhergestellt ­werden.»Historikerin Regula Schmid

Dabei hatte Peter Kistler noch Glück gehabt. Im Mittelalter kam es durchaus auch vor, dass die öffentliche Ordnung wieder hergestellt wurde, indem die Amtsinhaber verbannt oder gar geköpft wurden. Politik barg also schon immer auch ein gewisses Risiko.

Fachtagung: Donnerstag ab 13.30 Uhr im Kuppelraum der ­Universität Bern (Vortrag Regula Schmid 13.45 Uhr); Freitag ab 8.30 Uhr im Berner Rathaus (Vortrag ­Sibylle Hofer 10.30 Uhr). Detailprogramm unter www.be.ch/rathaus. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.03.2017, 08:09 Uhr

Das Rathaus als Gericht

Bis 1921 diente das Berner Rathaus auch als Gericht. Damals zog mit dem Verwaltungsgericht noch die letzte rechtliche Instanz aus dem politischen Haus aus. Bis zur Gewaltenteilung von 1831 waren Politiker auch Richter. Im Spätmittelalter zum Beispiel, jener Zeit, in der das heutige Rathaus seine ersten Jahrzehnte erlebte, fällten Mitglieder des Kleinen und Grossen Rates die Urteile. Der Schultheiss als oberster Politiker leitete als oberster Richter auch die Prozesse, urteilte jedoch nicht.

Es war aber keineswegs selbstverständlich, dass Streitigkeiten im Mittelalter vor Gericht entschieden wurden. Bei Straftaten und bei Geldforderungen war es üblich, dass sich das Opfer oder der Gläubiger selber zu seinem Recht verhalf.

«Um die öffentliche Ordnung zu sichern, versuchten die Herrschenden jedoch zu erreichen, dass Konflikte vor Gerichten ausgetragen wurden», sagt Sibylle Hofer, Direktorin des Instituts für Rechtsgeschichte an der Universität Bern.

Im Rathaus wurden Zivilprozesse und kleinere Strafprozesse durchgeführt. Unter anderem dienten die Eingangshalle und das heutige Regierungsratszimmer als Gerichtsorte.

Schwere Straftaten – Mord und Totschlag zum Beispiel – verhandelte man aber unter freiem Himmel auf der Kreuzung von Kreuz- und Gerechtigkeitsgasse. «Dort hatte es genügend Platz für Zuschauer – denn die Obrigkeit wollte auch demonstrieren, dass sie solche Vergehen bestraft.

Das sollte abschreckend wirken», sagt Hofer. Für einen Schuldspruch genügten zu dieser Zeit zwei Zeugen oder ein Geständnis – wobei Folter auch in Bern gang und gäbe war. Wenn der Täter zum Tod durch das Schwert verurteilt wurde, köpfte man ihn wenige Tage später ebenfalls an der Kreuzgasse. Gehängt wurde im Galgenfeld, gerädert im Marzili. (sar)

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