1:12 träfe auch die Berner Spitäler

Nicht nur das Inselspital, sondern auch mehrere Regionalspitäler müssten bei einer Annahme der 1:12-Initiative reagieren. In Einzelfällen verdienen Ärzte mehr als das Zwölffache des tiefsten Lohns. Zahlen nennen die Spitäler keine.

Am Inselspital verdienen etwa fünf bis zehn Chefärzte mehr als das Zwölffache des tiefsten Lohns.

Am Inselspital verdienen etwa fünf bis zehn Chefärzte mehr als das Zwölffache des tiefsten Lohns.

(Bild: Susanne Keller)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Spontan denkt man an Banken, Versicherungen und Pharmakonzerne, wenn es um die 1:12-Initiative geht. Doch auch andere Unternehmen wären betroffen, wenn Volk und Stände der Juso-Initiative am 24.November zustimmen. Etwa Spitäler.

So hat zum Beispiel die Solothurner Spitäler AG gegenüber der «Solothurner Zeitung» ihre Zahlen offengelegt: Der bestverdienende Chefarzt erzielt ein Einkommen von 567'000 Franken. Das ist 12,3-mal mehr als der tiefste Lohn, den die Solothurner Spitäler zahlen. Folglich wäre die Lohnspanne gemessen an den Vorgaben der 1:12-Initiative knapp zu gross.

Berner Spitäler mauern

Auch im Kanton Bern wären mehrere öffentliche Spitäler direkt betroffen, wenn die Initiative angenommen wird. Allerdings legen sie im Unterschied zu den Kollegen in Solothurn keine Zahlen offen. Bei den Privatspitälern ist der Fall anders, da bei ihnen dem Vernehmen nach vorab die Belegärzte sehr hohe Einkommen erzielen; sie sind aber nicht angestellt, sondern freiberuflich tätig.

Das Inselspital und die Spital Netz Bern AG halten in einer gemeinsamen Antwort fest, «abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen» werde die Lohnspanne von 1:12 eingehalten. Es handle sich um fünf bis zehn Chefärzte, die mehr als das Zwölffache des tiefsten Lohns verdienen. Dabei ist laut der Insel das gesamte Einkommen berücksichtigt, das die Ärzte als Spitalangestellte erhalten, inklusive Einnahmen aus privat versicherten Leistungen. Insgesamt arbeiten rund hundert Chefärzte an der Insel und im Spital Netz Bern.

Unsere Anfrage ging zudem an die beiden anderen grossen regionalen Spitalzentren in Biel und Thun. Sie schalteten den Verband der öffentlichen Spitäler ein, dessen Geschäftsführer Beat Straubhaar im Namen aller Regionalspitäler diese Stellungnahme abgab: Auch in den Regionalspitälern werde die Lohnspanne von 1:12 «grossmehrheitlich» eingehalten. Es seien insgesamt weniger als zehn Chefärzte, die mehr als das Zwölffache des tiefsten Lohns verdienen.

Löhne von 540'000 Franken

Geht man von einem Mindestlohn von 48'000 Franken aus, dann verdienen diese Chefärzte insgesamt mindestens 580'000 Franken. Ist das viel? Zu viel? Jedenfalls ist es mehr als Regierungs- oder auch Bundesräte verdienen. «Aber solche Vergleiche sind unsinnig», wehrt sich Beat Straubhaar. «Spitäler müssen aus Marktgründen die Möglichkeit haben, diesen Chefärzten vergleichbare Verdienste wie in Privatspitälern zu ermöglichen.» Er zeigt sich überzeugt, dass diese Ärzte für das Spital das Geld wert seien.

Beat Straubhaar zeigt sich auch weiter überzeugt, dass die Spitäler nach Annahme der Initiative ihre Wege fänden, um diese für sie wichtigen Chefärzte zu halten. Einen möglichen Ausweg sieht er in der Berechnung der 1:12-Lohnspanne nach Stundenlohn, was laut den Initianten denkbar wäre. Da Chefärzte weit mehr als 42 Stunden arbeiten, liesse sich das Verhältnis so allenfalls einhalten. Aus Sicht des Inselspitals würde sich bei Annahme der Initiative das Risiko erhöhen, dass medizinische Spitzenkräfte als Belegärzte an Privatspitäler oder mittlere und kleinere Spitäler wechseln.

Mehr Transparenz ab 2014

Und warum legen die Berner Spitäler ihre höchsten Löhne nicht offen? Die Regionalspitäler begründen das vor allem damit, dass es in der kurzen Zeit nicht möglich sei, vergleichbare und umfassende Zahlen zu den unterschiedlichen Einkünften der Chefärzte zusammenzustellen. Das Inselspital hält dies fest: «Bei einer Gesamterhebung über alle Spitäler (Branchenvergleich) und unter Einbezug anderer komplexer Grossunternehmen des Service public (Grössenvergleich)» würde man die Zahlen offenlegen, aber unter Wahrung des Datenschutzes der jeweiligen Personen. In der Tat halten andere staatsnahe Betriebe wie Swisscom (1:35), SBB (1:23) und Post (1:17) die 1:12-Initiative deutlich nicht ein.

Wie auch immer: Für eine gewisse Transparenz wird das neue kantonale Spitalversorgungsgesetz sorgen, das 2014 in Kraft tritt. Es auferlegt allen Spitälern – auch den privaten – die Pflicht, einen Vergütungsbericht zu veröffentlichen. Er muss nicht nur die Bezüge der operativen und strategischen Chefs enthalten, sondern auch jene der Klinikleiter. Das heisst nicht, dass damit automatisch die höchsten Löhne erfasst werden. Die Privatspitäler werden jedenfalls die Bezüge der Belegärzte nicht nennen müssen.

Berner Zeitung

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