Zum Hauptinhalt springen

Kanada: Schaulaufen mit Hockeystöcken

Die Schweiz ist Kanada 1:10 unterlegen. Das klare Ergebnis widerspiegelt die krasse Zweiklassengesellschaft im Fraueneishockey.

«Das chinesische Neujahr könnte ein schlechter Tag werden, denn wir müssen gegen die USA spielen», prognostizierte die Chinesin Rui Sun letzte Woche. Sie sollte Recht behalten – China bezog eine 1:12-Niederlage. Tags zuvor hatte die Slowakei gegen Kanada 0:18 verloren. Im olympischen Fraueneishockeyturnier prallen zwei Welten aufeinander, und der Unterschied ist derart frappant, dass man von der ersten und der dritten Welt schreiben muss. Kanada und die USA sind eine Klasse für sich. Die nordamerikanischen Nachbarn haben bisher alle zwölf WM-Endspiele und zwei von drei Olympiafinals gegeneinander bestritten. Vor der Partie Kanada - Schweiz stellt sich daher einzig die Frage nach der Höhe des Siegs der Gastgeberinnen. Gleich nach dem ersten Bully verlagert sich das Geschehen ins Schweizer Drittel. Die Kanadierinnen nehmen unter dem Jubel der begeisterten Zuschauer sofort die Powerplayformation mit zwei Spielerinnen an der blauen Linie ein und die helvetische Torhüterin Florence Schelling unter Dauerbeschuss. Die Frauen mit dem Ahornblatt auf der Brust, die seit Anfang August 2009 wie in einem Klubteam täglich gemeinsam trainiert haben, sind kräftiger, schneller, stocktechnisch besser. Das Team von René Kammerer stemmt sich mit grossem Engagement gegen die übermächtigen Gegnerinnen. Nach 6 Minuten und 27 Sekunden ist Schelling, die zuvor etliche Schüsse mirakulös entschärft hat, erstmals geschlagen. Nach dem ersten Drittel steht es 2:0 – nur 2:0. 85000 zu 792 Lizenzierte Die immensen Leistungsdifferenzen kommen nicht von ungefähr; in Kanada spielen gemäss Statistik des internationalen Verbands IIHF mit über 85000 mehr Frauen Eishockey als in Russland Männer. Zum Vergleich: In der Schweiz gab es 2009 nur 792 lizenzierte Damen. Dass Teamcaptain Hayley Wickenheiser den olympischen Eid ablegen durfte und John Furlong, der CEO des Organisationskomitees, den Match gegen die Schweiz live in der UBC Thunderbird Arena verfolgt, verdeutlicht den immensen Stellenwert, den das Frauenhockey hier geniesst. «Die Kanadierinnen werden fürs Spielen bezahlt, wir hingegen müssen zahlen, um zu spielen», fasst die Baslerin Darcia Leimgruber die Situation in einem Satz zusammen. Leimgruber, die in der Schweiz für den DHC Langenthal die Schlittschuhe schnürt, ist es, die kurz vor der zweiten Sirene das 1:5 erzielt. Der Treffer wird von den Aussenseiterinnen frenetisch bejubelt. Die 20-Jährige aus Binningen spricht von «einem grossartigen Gefühl, denn wir hatten zuvor gegen Kanada noch nie ein Tor geschossen». Das grossartige Gefühl verflüchtigt sich im letzten Abschnitt wieder. Innert knapp dreier Minuten erhöht Kanada von 6:1 auf 10:1. «Dass wir nun doch noch ein ‹Stängeli› kassiert haben, wurmt mich extrem, denn 50 Minuten haben wir gut gespielt», sagt Darcia Leimgruber. Auch Cherie Piper aus dem Siegerteam meint, «die Schweizerinnen haben lange ausgezeichnet dagegengehalten. Sie werden immer besser.» Die Spielerinnen aus anderen Ländern müssten gute Botschafterinnen sein, fügt Piper an, «damit Fraueneishockey in der Gesellschaft auch akzeptiert wird, so wie bei uns». Das dürfte freilich Wunschdenken sein. Warten auf den Showdown Nach dem zehnten Gegentreffer muss Schelling den Platz im Tor Dominique Longo überlassen. Und die Bernerin hält die letzten acht Minuten tatsächlich dicht. Ob die Kanadierinnen den Fuss vom Gaspedal genommen haben, ist schwer zu beurteilen Deren Cheftrainerin Melody Davidson sagt jedenfalls nach der Partie, ihre Spielerinnen, die nach dem 18:0 gegen die Slowakei als respektlos bezeichnet worden seien, hätten noch mehr geben können: «Es ist mental hart. Es ist uns nicht egal, was Kanada und die Welt von uns denken – wir können nur verlieren.» Der Stimmung im Stadion hat das einseitige Geschehen freilich keinen Abbruch getan; die kanadischen Fans geniessen es offensichtlich, wenn ihre Equipe ein Schaulaufen mit Stöcken absolviert. Das nächste Opfer wird Schweden sein, während die Schweiz gegen die Slowakei auf einen Sieg hofft. Doch letztlich sind all diese Partien nur ein Vorgeplänkel für den grossen Showdown zwischen den USA und Kanada. Diese beiden Nationen spielen in einer eigenen Welt, und daran wird sich so rasch nichts ändern. Adrian Ruch, Vancouver >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch