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Jawohl, für Deutschland

Die Ausgangslage war vielversprechend, ja sogar durchaus brisant. In der zur WM-Halle umfunktionierten grossräumigen Bibliothek des Spiezer Hotels sassen in etwa gleich viele deutsche wie britische Gäste. Dazu gesellten sich einige Kalifornier und ein paar wenige Einheimische. Das könnte eine interessante Verhaltensstudie geben, dachte ich mir, als ich bei Halbzeit des Spiels Deutschland gegen England ebenfalls auftauchte. Die englischen Hotelgäste schienen das nicht gegebene zweite Tor ihrer Mannschaft einigermassen verkraftet zu haben – und hofften auf eine glücklichere zweite Hälfte. Die deutsche Delegation wusste nach dem 3:1 nicht so richtig, ob sie nun laut jubeln sollte – oder durfte. Sie tat dies sehr diskret, um die Gefühle der sichtlich geschockten britischen Gäste nicht noch ärger zu strapazieren. Ich freute mich immer mehr über die schnellen, dynamischen Passkombinationen und das Löcher aufreissende Spiel der Deutschen – endlich ein WM-Spiel, das von den Sitzen riss! Und so schmunzelte ich diskret, um meine Sympathien den kriselnden Hotel-Engländern nicht allzu offensichtlich zu zeigen. Meine Studie erhielt plötzlich eine neue Ebene: Darf ich mich öffentlich über und für die deutsche Nationalmannschaft freuen? Aber klar! Vor etlichen Jahren wäre ich und wären wir bei dem Murks-Fussball der Deutschen mit dem bekannten Siegestor in den letzten Minuten gar nicht auf so eine Idee gekommen. Aber jetzt? Absolut salonfähig! Da spielen kunterbunt gemischt als Abbild der Gesellschaft Türken, Polen, Brasilianer und ja ein paar Deutsche einen schwungvollen Offensivfussball, der diese WM erfreulich belebt und (als zwar fast utopisch anmutendes, aber anzustrebendes Gesellschaftsziel) signalisiert: Hej, wir verstehen uns doch gut! Lasst uns spielen und Freude haben! Gar keine Hemmungen zeigte eine Sitzreihe weiter vorne meine Tochter (8). Für sie war schon vor Turnierbeginn klar, dass die Deutschen Weltmeister werden (warum, weiss ich eigentlich auch nicht genau). Sie jubelte nach dem 3:1 und 4:1 vergnügt und schilderte später zuhause meiner Frau und unseren Nachbarn mehrmals und sehr detailgetreu, wie Thomas Müller seine beiden Tore auf raffinierte Zuspiele von Schweinsteiger und Özil reinmachte! Der 20-jährige Müller holte im ARD-Interview vor laufenden Kameras weitere Pluspunkte: «Jetzt möchte ich unbedingt noch meine beiden Omis grüssen. Es ist höchste Zeit, ich habe mich schon lange nicht mehr bei ihnen gemeldet.» Kann es mir jemand übel nehmen, wenn ich im heutigen Viertelfinal-Spiel gegen Argentinien für die Deutschen bin?Svend Peternell >

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