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In der Predigt schwingen die Gedanken der Gruppe mit

OstermundigenIn diesem Gottesdienst dreht sich alles darum, wer welchen Platz innehat, und für einmal sind nicht allein die Gedanken des Pfarrers zu hören: Matthias Jäggi hat die Predigt zusammen mit Interessierten aus seiner Gemeinde vorbereitet.

Wo ist der Pfarrer? Das fragen sich wohl einige an diesem Sonntagmorgen in der Kirche Ostermundigen. Eben noch hat Matthias Jäggi die gegen 50 Besucherinnen und Besucher begrüsst, doch nun, da mit der Predigt das Kernstück des Gottesdienstes ansteht, ist von ihm weit und breit nichts mehr zu sehen. Weder unten im Chor noch oben auf der Kanzel, wo doch ein Pfarrer, der seine Botschaft verkündigt, eigentlich hingehört. Plötzlich ertönt aus den Bankreihen im Schiff eine Melodie. Jäggi pfeift munter das Mani-Matter-Lied über Hansjakobli und Babettli – und ist gleich mitten drin im Thema. Ausgehend von einem Gleichnis im Lukas-Evangelium, will er sich Gedanken über die guten und die schlechten Plätze in der Gesellschaft machen. Die Bibel redet konkret von guten und schlechten Plätzen an einer Tafel und davon, dass Jesus davor warnt, sich voreilig auf einen Ehrenplatz zu setzen. Weil man sonst auf einen viel schlechteren verwiesen werden könnte und sich dann schämen müsste. Ehrenplatz auf der Kanzel Vor diesem Hintergrund hat sich Jäggi bewusst mitten in seine Gemeinde gesetzt. Immerhin hat er eine halbe Woche zuvor im kleinen Kreis genau dies zu hören bekommen: Gemeinsam mit neun Interessierten bereitete der Pfarrer am Dienstagabend die Predigt vor, und jemand stellte mit Blick auf seinen Bibeltext kecke Fragen. Wie es sich denn mit dem Pfarrer verhalte, der Sonntag für Sonntag vom Ehrenplatz auf der Kanzel herab die Leute belehre? Ob er nicht mit dem guten Beispiel vorangehen und unten bleiben müsste, genau dort eben, wo auch die Zuhörerinnen und Zuhörer sitzen? Dabei hätte eigentlich schon das Vorbereitungstreffen an sich derartige Kritik von vornherein verstummen lassen müssen. Zumal das vierköpfige Ostermundiger Pfarrteam im laufenden Jahr sein Publikum gleich viermal in dieser Weise bei der Predigt mitdenken und mitreden lassen will. Mit seinem Gottesdienst über das Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium macht Jäggi in diesem Reigen den Auftakt. Sofort hochpolitisch In seinen Gedanken hält sich der Pfarrer nun in der Tat eng an das, was die Gruppe am Dienstag diskutiert hat. Kommt zurück auf Hansjakobli und Babettli, die wechselweise den besseren Platz auf dem Chuchitaburettli und den schlechteren darunter einnehmen. Fügt an, dass die Sache sofort hochpolitisch werde, weil es doch auch im Alltag stets darum gehe, wer welche Position innehabe. In der Wirtschaft genauso wie in der Politik, und wer den besseren Platz innehabe, versuche, ihn mit allen Mitteln zu verteidigen. Derweil sich die Verlierer nicht selten für ihren Abstieg schämten. Dass im selben Text auch Leute vom schlechten auf einen besseren Platz gebeten werden, deutet Jäggi als Zeichen der Wertschätzung und Hoffnung. In dem Sinn, dass all jene, denen es so ergeht, mehr wert sind, als ihnen landläufig zugestanden wird – all das führt der Pfarrer übrigens auf der Kanzel aus. Aus rein praktischen Gründen, damit er, der in diesen Minuten die Hauptrolle spielt, auch tatsächlich für alle sichtbar ist. Und irgendwie auch, weil es halt die Tradition so will. Stephan Künzi>

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