Zum Hauptinhalt springen

Im unterschätzten Reich der Sentimentalität

TRIVIALLITERATURSolothurn hat nicht nur die Literaturtage. Seit zehn Jahren ist es auch ein Zentrum für Trivialliteratur. Ein kleines Museum in der Altstadt widmet sich der sentimentalen Literatur, die schon immer breiter gelesen wurde als Goethe&Co.

Es begann im Museum für Science-Fiction in Yverdon. Lotte Ravicini-Tschumi besuchte dort eine Ausstellung und sah es plötzlich vor sich: ihr Museum. Auch der Name stand von Anfang an fest: Kabinett für sentimentale Trivialliteratur. Was damals nur ein ferner Traum war, ist heute ihr Lebenswerk. Ein Salon wie vor 150 Jahren Systematisch hat sie einschlägige Werke gesammelt. Anfangs waren die Bestände in einem Kellerlokal untergebracht, doch dann konnte das Ehepaar Ravicini ein geeignetes Haus kaufen, renovierte es auf eigene Kosten, und so steht das Kabinett nun seit zehn Jahren am Klosterplatz 7 in Solothurn. So kann man jetzt am nächsten Wochenende an den Solothurner Literaturtagen, die der gehobenen und akademisch geachteten Literatur gewidmet sind, auch jener Literatur einen Besuch abstatten, deren Ruf zwar weniger gut, deren Publikum und Unterhaltungswert aber weit grösser sind. Lotte Ravicini-Tschumi hat im Jahr 2008 für ihre Bemühungen den Preis des Kantons Solothurn für Literaturvermittlung bekommen. Nun hat sie für Forschung über Trivialliteratur einen Preis gestiftet, der nächstes Jahr erstmals vergeben wird. Ihr Kabinett ist ein schmales vierstöckiges Haus, liebevoll eingerichtet. Da gibt es, neben den Büchergestellen und Vitrinen, auch einen Salon, ein Puppenhaus, wie es in einem bürgerlichen Wohnzimmer des 19.Jahrhunderts zu finden war oder, in einer Ecke, ein Nähtischchen, ähnlich dem, an dem Effi Briest gearbeitet und ihre Briefe geschrieben haben mag. Erfolgreiche Frauen Den Grundstock für das Kabinett bildeten Bücher und Hefte aus Lotte Ravicinis Berufszeit. Die gelernte Modejournalistin arbeitete für die Modeseiten bei Ringier. Später war sie Redaktorin für Mode- und Frauenfragen beim «Emmentaler Blatt» und schliesslich bei der «Berner Zeitung». So besass sie vor allem Mode- und Haushaltbücher. Dazu kamen einige Romane. Als junge Frau kaufte sie sich das Buch «Sein Kind» von Hedwig Courths-Mahler. Es ist ein typisches Werk der vermutlich erfolgreichsten deutschen Schriftstellerin überhaupt. Ihre Romane sind der Inbegriff des trivialen Liebes- und Familienromans. Die Protagonistinnen kämpfen sich jeweils durch allerlei Hindernisse, bleiben dabei aber zurückhaltend und angepasst. Courths-Mahler selber war das uneheliche Kind einer Marktfahrerin. Mit 17 Jahren, 1884, publizierte sie ihre erste Geschichte in einer Lokalzeitung. Sie war äusserst produktiv und verfasste insgesamt 208 Bücher, die schon zur Mitte des 20.Jahrhunderts eine Auflage von mehr als 30 Millionen erreichen. 1950 starb das ehemalige Dienstmädchen als Millionärin am Tegernsee. Auch das recht typisch. Sie ist nicht die einzige Frau, die mit dem Schreiben trivialer Romane reich und berühmt wurde. Emanzipiert, erfolgreich, selbstständig, ganz anders als ihre Hauptfiguren. Schreiben war eine der Möglichkeiten, die Frauen schon früh offenstanden. Dennoch publizierten viele dann doch lieber unter einem männlichen Pseudonym. Von Liebe bis Katastrophe Das Solothurner Museum beschränkt sich auf Werke ab der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts und dabei vor allem auf sentimentale Trivialliteratur, also auf Liebes- und Familienromane. Doch Trivialliteratur gab es schon lange vorher und gibt es immer noch, auch in anderen Gattungen: historische Romane, Räuber- und Piratengeschichten, Wildwestromane, Krimis, Heimatromane und Science-Fiction. Die ersten Schriften, die ab dem 15.Jahrhundert Verbreitung fanden, waren aber keine Romane, sondern meist religiöse Geschichten, grausame und blutige Erzählungen vom Martyrium der Heiligen, daneben auch Schilderungen von Schlachten, Naturkatastrophen und Morden. In der Regel waren es Ein- oder Zweiblattdrucke, oft reich bebildert. Vormarsch der Unterhaltung Mit der Aufklärung im 18.Jahrhundert fand dann ein grundlegender Wandel statt. Technische Verbesserungen im Buchdruck ermöglichten nun die Massenproduktion von Büchern, und die Zahl der lesenden Menschen nahm stetig zu. Bis zur Mitte des 18.Jahrhundert waren es praktisch nur die akademisch Gebildeten gewesen, die lasen. Nach und nach wurde die Schulpflicht flächendeckend eingeführt. Zunächst war es das Bürgertum, dann die Kleinbürger und zuletzt die Arbeiterschaft, die die Lust am Lesen für sich entdeckten. Neben Büchern lasen sie vor allem Kalender mit Ratschlägen, Rätseln, Horoskopen und Geschichten. Manche dieser Kalender waren speziell für Frauen gemacht, klein und handlich, sodass sie sie in ihren Handtaschen verstauen konnten. Taschenbücher eben. Bis es ein ausgebautes Post- und Schienennetz gab, war es nicht immer einfach, an Lesestoff zu kommen. Lange waren es die sogenannten Kolporteure, die Bücher, Heftchen und Kalender in die Marktorte oder sogar direkt bis in die Haushalte brachten. Sie trugen ihre Waren im Bauchladen um den Hals gehängt. Daher ihr Name: «Col», Hals, «porter», tragen. Kolporteur. Unter Kitschverdacht Der Begriff Trivialliteratur hat sich eingebürgert, definiert wird er aber ganz unterschiedlich. Das Wort trivial hat von seiner Herkunft her mehrere Bedeutungen, wobei die eher abschätzigen heute dominieren: Trivial wird gleichgesetzt mit platt oder abgedroschen, was zum schlechten Ruf passt, den die sentimentale Unterhaltung in Kreisen hat, die sich für gehoben halten. Trivial kann aber auch alltäglich, leicht zugänglich oder allgemein bekannt bedeuten – es sind diejenigen Eigenschaften, die die Popularität der Trivialliteratur ausmachen. Nicht überall aber, wo man Trivialliteratur vermutet, ist auch Trivialliteratur drin. Von der Aufmachung und Auflage lässt sich nicht so einfach auf die Qualität der Texte schliessen. Und auch Grosse der Literatur haben Fortsetzungsromane in Zeitschriften publiziert, so zum Beispiel Theodor Fontane. Die Literaturwissenschaften haben sich lange gar nicht mit diesem Thema beschäftigen wollen: «Wenn ich es gewagt hätte, das Wort Trivialliteratur in einem Seminar zu erwähnen, hätte mich mein Professor wohl rausgeworfen», sagt der Germanist Mario Andreotti, inzwischen längst selber Professor. Für ihn ist heute klar, dass sich die Trivialliteratur nicht grundsätzlich von der Hochliteratur unterscheidet. Höchste Zeit, dass sich auch die Germanisten damit beschäftigten, meint er: «Es geht einfach nicht, dass über 90 Prozent der Bücher, die gelesen werden, aus der Forschung ausgeklammert sind.» In seinem Buch « Die Struktur der modernen Literatur», das nun schon in vierter Auflage im Berner Haupt-Verlag erschienen ist, listet er Beurteilungskriterien auf. Trivialliteratur zeichnet sich demnach aus durch eine einfache bildhafte Sprache, Rollenklischees, stereotype Handlungsabläufe und leicht in gut und böse einteilbare Figuren, die oft aus sozial fernen Schichten stammen, aus dem Adel etwa. Es kommen auch immer wieder ähnliche Konstellationen, Landschaftsbeschreibungen und Redewendungen vor. Der Schluss, zu guter Letzt, ist leicht vorhersehbar. Doch auch mit diesen Kriterien ist es nicht so einfach, den einen Roman dem Kitsch, den anderen der Kunst zuzuordnen, denn die Übergänge sind fliessend. «Es gibt Passagen in Goethes ‹Werther›, die könnten ebenso gut bei Marlitt stehen», sagt der Fachmann. Mutter aller Illustrierten E.Marlitt, eigentlich Eugenie John, war ebenfalls eine sehr berühmte Schriftstellerin. Ihr Name ist ein Akronym aus «Meine Arnstädter Litteratur.» Arnstadt in Thüringen war ihre Heimatstadt. Auch sie kam aus einfachen Verhältnissen und erfüllte sich ihren Traum von der Villa in ihrer Heimatstadt. Sie war ein Kind ihrer Zeit. 1825 geboren, vertrat sie liberale Anliegen und fand einen Vertrauten im Verleger Ernst Keil. Wegen seiner liberalen Ansichten musste Keil einige Monate ins Gefängnis und entwickelte dort das Konzept für «Die Gartenlaube», die Vorgängerin wohl aller Illustrierten, eine sehr erfolgreiche Publikation. Im Titel schwingt die Sehnsucht nach einer schöneren Welt mit, von der heute alle Boulevard- und Promimedien lebend. In der «Gartenlaube» gab es Berichte über Reisen, Gesundheit, Politik, Wissenschaften, über alles Mögliche, illustriert mit aufwendig gestalteten Stichen und später Fotografien. Die Zeitschrift erschien von 1853 bis 1944, auch in der Schweiz, und ist übrigens in Solothurn fast vollständig vorhanden. Marlitt publizierte alle ihre Romane als Fortsetzungsromane in dieser Zeitschrift. Ihre Themen waren die Überwindung von Standesschranken sowie Frauenarbeit und Emanzipation. «Für uns heute wirken die Geschichten zwar harmlos und naiv», sagt der Literaturwissenschaftler Jesko Reiling vom Institut für Germanistik der Universität Bern: «Unterschwellig läuft aber in vielen Romanen des 19.Jahrhunderts Kulturkritik mit.» Allein der Gedanke, dass ein Dienstmädchen einen reichen Mann heiraten und das auch noch funktionieren könnte, war zu der Zeit für viele undenkbar. Privates Glück Im 20.Jahrhundert hat Reiling diese Kulturkritik nicht mehr gefunden. Thema ist nur noch das private Glück. Jesko Reiling hat zusammen mit drei Studentinnen eine kleine Ausstellung gestaltet, die sich mit dem Aschenputtel-Thema in verschiedenen Romanen, Märchen und Zeiten beschäftigt. Sie ist voraussichtlich noch bis am 7.Juni im Kabinett für sentimentale Trivialliteratur zu sehen. Das Aschenputtel-Sujet ist nur eines der Themen, die im Trivialroman immer wieder variiert werden. Die grosse Bandbreite in den Werken ist es denn auch, welche Lotte Ravicini besonders betont: «In der Trivialliteratur finden sich die dramatischen Ereignisse der gesamten Weltliteratur wieder.»Antoinette Schwabzeitpunkt@bernerzeitung.ch Kabinett für sentimentale Trivialliteratur, Klosterplatz 7, Solothurn www.trivialliteratur.ch, 032 6264646: Geöffnet am 7. jeden Monats um 19 Uhr. Gruppen auf Anfrage. Während der Solothurner Literaturtage (2.–5.Juni): Fr und Sa, 12–16 Uhr; So, 11–15 Uhr. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch