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Im falschen Film

Ueli Bichsel

Guter Laune gönnte ich mir wieder mal einen Herrenabend, und zwar alleine. Ich war schon seit einiger Zeit nicht mehr im Kino, und die Affiche hat mich gluschtig gemacht: «Vier Kurzfilme – Politthriller – topaktuell». Ich bin Krimiliebhaber, und Kurzfilme liebe ich seit dem Filmfestival Thunersee vom letzten September besonders. Also nichts wie rein! Noch schnell die Tüte Popcorn und das Goggi gekauft, die Magnum White sparte ich mir für die Pause auf. Nach den üblichen Reklamen und zwei Vorfilmen ging es los: Kurzfilm No.1: Man sieht von hinten einen kleinen Mann, gut über sechzig, grossen Kopf, schütteres Haar, mit Robin Hood geschwellter Brust in die Wüste hinausschreiten, wie um mit dem Wolf zu tanzen. In einiger Entfernung stehen zwei Gestalten in wallenden Gewändern, nein, nicht mit Schafspelzen bedeckt, mit dunkelster Sonnenbrille. Sie kommen mir vor wie weiland Wilhelm Tell und sein Walterli vor der Stange mit dem Hut: Ein starker Vater, vom Wetter gegerbtes Gesicht, der seinen etwas bleichen Sohn fest an der Hand hält und in der anderen Hand den Ölhahnen und zwei Geiseln. Er sagt zum Sohn: «Wir beugen uns nicht vor dem Schweizer Gessler. Punkt.» Doch der kleine Mann kommt den beiden starken Schrittes näher und hält nicht das Strafgesetzbuch hoch und hält auch nicht die Waage hin, wie die Justitia auf dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen, nein, er stürzt auf die Knie, robbt zu den beiden grinsenden Ölhändlern, küsst ihnen die Hände, lächelt salbungsvoll, salbadert etwas von Entschuldigung und – Schnitt. Wir sehen nun den kleinen Mann aus dem Saal der Medienkonferenz stürzen und, hochrot im Gesicht, seine Entourage anbrüllen: «Wo sind die Näpfe?» Geflissentlich stellen ihm seine Untertanen vor jeden Fuss neue, prall mit Fett gefüllte Näpfe hin, in die er mit grosser Energie und Selbstverständlichkeit hineintritt und dazu ruft: «Das hat mir der Pelli gesagt!» – Platsch – «Das hat mir die UBS gesagt!» – Pflatsch – und so weiter, das Bild wird langsam unscharf, aber den kleinen Mann hört man noch lange, lange brüllen und pflatschen – pausenlos geht es weiter. Kurzfilm No.2: Freudestrahlend steigt der etwas bleiche und etwas unsicher wirkende, auch nicht mehr ganz junge Mann aus seinem Salon-Extrazug aus. Die Reporter bestürmen ihn, er macht eine gediegene Handbewegung und hebt zu sprechen an. Sofort kuscht die Meute. «Man muss immer einen Pfeiler mehr im Köcher haben oder, modern ausgedrückt, immer einen Plan B im Rucksäckli. Und (er zieht seinen scheu und dezent hinter ihm wartenden etwas angegrauten Herrn an der Hand nach vorn) das ist jetzt mein Peterli. Mit dem läuft jetzt alles wie geschmiert, mit dem geht die Post ab, Sie werden sehen!» Das Blitzlichtgewitter ist so unerträglich, dass unser gediegener Herr das Wort seinem gelben Peterli übergibt. Er küschelet ihm noch ins Ohr, aber so dass nur das eine Mikrofon ein paar Sprachfetzten aufnehmen konnte: «Jetzt mach du mal, du bist ein Guter, du kannst füttern oder auch ausmisten, du kannst wild um dich schiessen. Und Länder erobern darfst du auch, nur, mach mir keine Arbeit, ich habe viel zu tun – Schnitt. Der feine Mann hat sich zurückgezogen und sitzt am barocken Bürotisch in seinem geliebten Zürich und ist lieblich sinnend seiner nächsten schöngeistigen Rede zugewandt, die er zu Ehren einer Wanderwegseröffnung im hinteren Turtmanntal halten will. Der Zuschauer glaubt, aus seinem Blick, den er in die Weite über die Limmat hinausschweifen lässt, förmlich lesen zu können, dass er wahrscheinlich noch eine Bahn dahin bauen lässt, damit er ökologisch einwandfrei hinkommt, oder er erfindet den Wasserstoffhelikopter, der Sauerstoff als Abgas ausspuckt und damit einen Minus-CO2-Wert ausweist – das Bild verschwimmt, das leise Knattern der Rotoren ist noch lange, lange fein zu hören Da wurde mir schlecht: Ich stürzte hinaus und übergab mich auf die Strasse. Der fürsorgliche Kinobesitzer wartete bereits draussen, trocknete mir meine schweissnasse Stirn und meinte, ich wäre nicht der Erste. Er könne mir aber leider das Eintrittsgeld und die Popcorns nicht zurückerstatten, obwohl ich nur zwei von vier Teilen gesehen hätte. Er glaube, er setze den Streifen bald ab, in Bern laufe er ja noch bis ins Jahr 2011! Geniessen Sie Schnee und Sonne, und lassen Sie die Finger von Politthrillern, davon wird einem schlecht. E-Mail: ueli.bichsel@hispeed.ch redaktion-tt@bom.ch >

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