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«Ich wusste, dass diese Wahl für mich kein Spaziergang würde»

Alexander TschäppätEr habe wohl die Problematik

Alexander Tschäppät, haben Sie Ihren Parteikollegen Matthias Aebischer unterschätzt? Alexander Tschäppät: Nein, das glaube ich nicht. Was ich wohl unterschätzt habe, ist die Problematik des Doppelmandats. Rot-Grün-Wähler schätzen Doppelmandate nicht besonders. Matthias Aebischers Kandidatur habe ich sehr ernst genommen. Ich habe auch immer gesagt, dass es für mich kein Spaziergang werde, wie viele meinten. Ist es frustrierend, als Vollblutpolitiker von einem Quereinsteiger überholt zu werden? Ich bin enttäuscht, keine Frage. Niemand kandidiert, um nicht gewählt zu werden. Rein von der Lebensqualität und von der Konzentration aufs Stadtpräsidium her werde ich eines Tages zurückblicken und mir sagen: Es sollte wohl so sein. Zum Thema Quereinsteiger sage ich, dass Matthias Aebischer den gleichen Bekanntheitsgrad hat wie ich, einfach über einen anderen Kanal. Er vermittelte folgendes Bild: jung, neues Gesicht, telegener Auftritt. War diese Bekanntheit ausschlaggebend für seine Wahl? Ein Quereinsteiger wie Matthias Aebischer ist natürlich noch nirgendwo angeeckt, hat noch keine Ecken und Kanten und entsprechend wenig Leute, die ihm etwas verübeln. Das zeigte sich bei diesen Wahlen auch bei anderen Kandidaten. Es ist ein Trend, der dazu führt, dass alle Parteien die bisherigen Strukturen der Personalrekrutierung hinterfragen müssen. Die Prädikate «jung, unbeschrieben, noch nichts falsch gemacht» sind offenbar für eine Wahl wichtiger als die politische Ochsentour. So gesehen waren diese Wahlen auch eine kleine Abrechnung mit dem Establishment. Sie haben bewusst auf Wahlkampf verzichtet. Ein Fehler? Ich habe nicht auf einen Wahlkampf verzichtet. Aber ich bin jetzt 30 Jahre in der Politik und habe einen Leistungsausweis, den ich vorzeigen kann. Diese Kleininserate und -plakate, diese Penetranz der Wahlwerbung finde ich eher bemühend und habe das bewusst weggelassen. Würden Sie das im Nachhinein anders machen? Neueinsteiger müssen ja auf sich aufmerksam machen, das ist klar. Aber ich trete seit 11 Jahren regelmässig an Veranstaltungen auf und habe meine Plattformen. Zum Wahlkampf: Ich würde nichts anders machen und auch nicht anders politisieren. Mit einem riesigen Aufwand hätte ich eventuell noch einige Stimmen rausholen können, aber das wollte ich nicht. Eine Hintertüre bleibt offen. Wenn Hans Stöckli im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt wird, rutschen Sie in den Nationalrat nach. Hans Stöckli soll nicht in den Ständerat, damit ich nachrutsche, sondern um zu verhindern, dass zwei Oberländer aus der gleichen SVP-Schule den ganzen Kanton vertreten. Das wäre nicht repräsentativ. Bern ist auch ein urbaner und nicht nur ein landwirtschaftlicher Kanton. Wie hoch schätzen Sie die Chancen einer Wahl Stöcklis ein? Amstutz und Luginbühl machten ein sehr gutes Resultat. Im zweiten Wahlgang wird entscheidend sein, wer besser mobilisiert. Stöckli hat Chancen, aber es wird ein knüppelharter zweiter Wahlgang. Wenn Sie nicht nachrutschen, ist der Nationalrat vom Tisch. Ja, definitiv. Ich wollte als Stadtpräsident für den Nationalrat kandidieren, um mich für die Stadt Bern einzusetzen. Wie werden Sie die Interessen Berns nun national vertreten? Ich mache weiter wie bisher. Zudem ist Gemeinderatskollegin Regula Rytz (GB) gewählt und damit mindestens ein Jahr lang die direkte Vertreterin Berns im Nationalrat. Als Stadtbewohnerin ist sie eine Garantin, dass die Interessen Berns vertreten werden. Sie waren selber schon Nationalrat und Gemeinderat gleichzeitig. Was kommt auf Regula Rytz zu mit dieser Doppelbelastung? Es ist viel Arbeit. Als Stadtpräsident bin ich aber überzeugt, dass man im Bundeshaus mehr rausholen kann für seine Stadt als mit der indirekten Einflussnahme über Kommissionen, Verwaltung oder Parlamentarier. Wie deuten Sie den Wahlausgang mit Blick auf die Berner Gemeindewahlen in einem Jahr? Mit meiner Kandidatur habe ich etwas beigetragen zur Sicherung des sechsten SP-Sitzes sowie zum guten Resultat der SP in der Stadt mit mehr als 30 Prozent. Zusammen mit den Grünen ist damit eine Fortsetzung der rot-grünen Politik in Bern legitimiert. Zumindest, wenn die Ergebnisse 2012 bestätigt werden. Wie viele Sitze sind möglich für Rot-Grün-Mitte (RGM)? Drei wie bisher sind vernünftig. Alles andere ist fast nicht möglich im Proporzsystem. Aber das ist gut so. Zementierte Mehrheiten haben auch was Verhärtetes. Die bürgerlichen Parteien werden sich nach diesen Wahlen wohl zusammenraufen, damit ihr Sitz im Gemeinderat nicht verloren geht. Jetzt haben Sie kein Doppelmandat und entsprechend mehr Freizeit. Wie füllen Sie sie aus? Ich habe ja schon drei Hunde. Im Ernst. Meine Frau sagte: So viel Lebensqualität wie am Wahlsonntag hast du schon lange nicht mehr zurückbekommen. Interview: Wolf RöckenTobias Habegger>

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