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«Ich war immer gerne Polizist und bin ein gewöhnlicher Mensch geblieben»

OberlandHeute ist für Otto von Allmen der Tag, an dem er damit rechnet, feuchte Augen zu haben. Der Chef der Regionalpolizei Berner Oberland hat heute seinen letzten Arbeitstag.

Vor mehreren Wochen hat sich Otto von Allmen für die Einweihung des Polizeischiffs Iris 2 angemeldet. Die geht heute Freitag an der Messe Swiss Nautic in Bern mit viel Prominenz und Presseleuten über die Bühne. Doch je näher dieser Tag heranrückte, desto klarer wurde dem Chef der Regionalpolizei Berner Oberland, dass er heute viel lieber wie meistens in den vergangenen zehn Jahren in Thun bei «seinen» Leuten ist. Und doch wird es ein ganz spezieller Freitag. Denn heute geht Otto von Allmen in den Ruhestand. Den Tag wird er auf dem Polizeiposten in Meiringen beenden. «Hier hat für mich alles begonnen. Hier habe ich vor 33 Jahren meine erste Stelle als Polizist angetreten», blickt der 62-Jährige zurück. In Meiringen erlebte er die ganze Palette des Polizeiwesens. Von Verlustmeldungen über Diebstähle, Schlägereien bis hin zu Tragödien wie schlimme Verkehrsunfälle oder der Lawine am Gauligletscher, bei der sieben Menschen starben. Rolle klären Otto von Allmen war neben seiner Polizeiarbeit auch Rettungsspezialist des SAC. Dabei war ihm wichtig, sich im Klaren zu sein, ob als Retter oder als Polizist arbeitete, und das auch allen Beteiligten darzulegen. Aber am Ende eines Einsatzes war er immer nur eines: Mensch. Und oft hat er seine beiden extremen Seiten erlebt: «Ich funktionierte in der Akutphase eiskalt.» Er habe zwar die Tragik erkannt. «Doch da muss man einen klaren Kopf bewahren, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und die richtigen Handgriffe machen zu können.» War ein schwerer Fall jedoch abgeschlossen, hat Otto von Allmen sich manchmal auch mit seinem Hund in die freie Natur zurückgezogen, viel mit seiner Frau Ruth sowie Berufskollegen geredet, um das Erlebte verarbeiten zu können. «Eigentlich war ich auch immer erleichtert darüber, dass mir all das Tragische nicht einfach ‹kalt den Buckel runtergerutscht› ist», sagt Otto von Allmen. Auf ein Gefühl hat der Rettungschef und Chef der Regionalpolizei aber bei allen Einsätzen geachtet: auf das in seinem Bauch. Und das hat ihm mehrmals geholfen. So wie damals in der Nacht auf der Mägisalp, als er eine Lawinenrettung trotz der grossen Unsicherheit, die beiden im Schnee zu finden, trotz der Dunkelheit und der aufkommenden Müdigkeit aller Helfer nicht abgebrochen hat und zwei Jugendliche lebend geborgen werden konnten. Ein prägender Einsatz war für den Meiringer das Canyoningunglück im Saxetbach, welches 21 Tote forderte. Doch auch Einzelschicksale hat er nicht vergessen. Die Tragödie eines jungen Mannes, der am Tag, nachdem er erfahren hatte, dass er die Lehrabschlussprüfung bestanden hatte, völlig unverschuldet von einer Eisscholle erschlagen wurde. «Das Schicksal kann grausam sein», weiss der Polizist. Umso dankbarer ist er, dass seine schlimmste Befürchtung nie eingetreten ist: Er hat keine Entscheidung getroffen hat, die sich im Nachhinein als überstürzt oder fahrlässig erwiesen hat. Der richtige Zeitpunkt Dass er heute als Chef der Regionalen Polizei in Rente geht, «hätte ich nie gedacht». Die Karriere habe «sich irgendwie so ergeben». Er sei die Leiter nicht gezielt oder bewusst Schritt um Schritt hochgeklettert. Der zweifache Vater hätte durchaus Chancen gehabt, früher Karriere zu machen. Doch als die entsprechende Anfrage zum ersten Mal kam, hat er sich bewusst dafür entschieden, in Meiringen zu bleiben, auch um seine Familie nicht zu entwurzeln. Zudem habe er dort die ganze Palette der Polizeiarbeit erledigen können, die es ihm zudem erlaubte, nebenbei als SAC-Rettungschef und Retter zu arbeiten. «Erst vor zehn Jahren passten dann die Zeit und die Umstände, den Schritt zu tun und eben nach Thun in die Regionalleitung zu wechseln», blickt der Oberländer zurück, der in Kien bei Reichenbach aufgewachsen ist. Die Aufgabe, 290 Mitarbeiter zu führen, habe ihm sehr gefallen, zudem fühlt er sich im Oberland verwurzelt. Es war auch nie sein Ding, die Karriere bewusst zu planen oder sich gar mit Ellbogen dafür einzusetzen. Denn: «Ich war immer gerne Polizist und bin ein gewöhnlicher Mensch geblieben.» Objektiv ermitteln Und seine Vorgesetzten haben offenbar erkannt, dass es nicht nur auf die akademische Laufbahn ankommt. Dass auch die Erfahrung ein grosser Lehrmeister ist und es Sachen gibt, die nicht mit Lehrmitteln vermittelt werden können. «Für mich ist es nie darum gegangen, Schuldige zu finden, sondern den Unfallhergang, respektive die Unfallursache, objektiv zu ermitteln und der Justiz zur Beurteilung vorlegen zu können.» Das sei aber nicht wie im Fernsehkrimi passiert. Gerade beim Unglück im Saxetbach habe er den Befragten viel Zeit gelassen, die Gespräche immer wieder unterbrochen, wenn die Emotionen zu stark wurden. «Aber es geht natürlich ganz klar um Fakten. Und gerade bei diesem Fall habe ich erkannt, dass bei der Gerichtsverhandlung, die über zwei Jahre später stattfand, die Gefühle keine Rolle spielen.» Der Polizist gibt unumwunden zu, dass er gelegentlich auch eine grosse Wut auf Täter hatte. Vor allem, wenn Stärkere auf Schwächere losgingen. Richtig Angst hatte von Allmen nie. Auch nicht, nachdem auf ihn geschossen worden war. Die Kugel pfiff haarscharf an seinem Kopf vorbei. «Ich habe damals rational überlegt, wie und ob die Situation hätte anders verlaufen können. Emotional ging es vor allem darum, meine Familie zu beruhigen.» Nach einer kurzen Pause gesteht Otto von Allmen, dass er lange Zeit nicht realisierte, wie belastend sein Beruf und seine andere Berufung, Menschen zu retten, für seine Familie waren. Hat er diese Einsicht nun, weil seine Tochter ebenfalls Polizistin ist? Bangt er gelegentlich um sein Kind? «Nein», sagt der Chef der Regionalpolizei klipp und klar. «Ich habe Vertrauen in sie und in das Leben. Ein Restrisiko bleibt immer. Wer das nicht will, muss unter eine Glasglocke. Doch dort ist kein Leben.» Er habe seine Tochter denn auch bestärkt, Polizistin zu werden. Das, obwohl die Polizeiarbeit im Gegensatz zu seinen Anfangsjahren als Polizist viel formeller geworden sei. Mit der Einführung der neuen Strafprozessordnung sei der administrative Aufwand noch mal deutlich gewachsen. «Mit dieser Änderung wurden der Polizei und der Justiz noch engere Fesseln angelegt», sagt Otto von Allmen. Mit Wehmut und Dankbarkeit Aber das ist es nicht, warum ihm sein Gefühl im Bauch sagt, dass es nun an der Zeit und richtig ist, in Rente zu gehen. «Ich habe immer gerne Verantwortung getragen. Doch nun freue ich mich darauf, sie abgeben zu können.» Sein Abschied und Anfang als Pensionierter werden vor allem von zwei weiteren Gefühlen geprägt: Wehmut, dass nun die Zeit als aktiver Polizist vorbei ist. Aber gerade weil er so viele Schicksalsschläge miterlebt hat, spürt er auch eine grosse Dankbarkeit für all das, was er erleben konnte, und dass er den neuen Lebensabschnitt in einem gesundheitlich sehr guten Zustand gemeinsam mit seiner Frau in Angriff nehmen kann. Er und seine Frau werden einen Camper übernehmen, um jederzeit losfahren zu können, wann und wohin sie wollen. Susanna Michel>

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