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«Ich lebe in zwei verschiedenen Welten»

Chantal Lüthi (25)Zwei Jahre suchte die Köchin aus Münchenbuchsee eine Lehrstelle: «Es existieren zu wenig Ausbildungsplätze für junge Menschen mit Behinderung.»

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Chantal Lüthi (25) nicht von anderen Misskandidatinnen. Sie ist hübsch, gertenschlank, hat makellose Haut und stets ein Lächeln auf den Lippen. Und Werbung für sich selber macht sie mit einer grossen Portion Charme. Hat sie das bei den Vorbereitungen für die Wahlnacht gelernt? «Ich war schon immer sehr kommunikativ», sagt Lüthi und lacht. Ihre Kommunikation funktioniert ein bisschen anders: Lüthi ist gehörlos. Sie beherrscht das Lippenlesen und die Gebärdensprache. Wenn sie spricht, dann gut verständlich. Liebend gerne möchte die junge Köchin Repräsentantin von Menschen mit einer Behinderung werden. Sie betrachtet die Misswahl als ideale Plattform für die Anliegen von Menschen mit Behinderung: «Auch wenn sie provoziert.» Dass die Miss-Handicap-Kandidatin von vollkommener Stille umgeben ist, davon spürt das Gegenüber nichts. Lüthi ist eine quirlige Frau, die ständig lacht. Ihre Freizeit verbringt sie wie andere, gemeinsam mit Freunden. Auch Klubs besucht sie. «Mich findet man in der Nähe der Boxen. So spüre ich den Bass und kann im Rhythmus der Musik tanzen.» Den Hörenden sei es neben den Boxen ja meist zu laut. Wenn sie Ruhe sucht, so verbringt Lüthi Zeit draussen in der Natur, zum Beispiel an der Aare. Die grosse Reise Die Krone wird in diesem Jahr bereits zum dritten Mal vergeben. «Ich wollte schon an der letzten Wahl teilnehmen», erzählt Lüthi. Doch eine grosse Reise nach Australien kam ihr in die Quere. Die junge Frau reiste während sieben Monaten gemeinsam mit einer anderen gehörlosen Freundin durch Down Under. Ein Traum, der zur Wirklichkeit wurde. «Ich wollte mir und anderen beweisen, dass sich Menschen mit einer Behinderung alleine durchschlagen können.» Die Eindrücke hat Lüthi in einem Tagebuch verarbeitet. Das bekommen ihre Freunde nun zu lesen. Würde die Köchin zur Miss gewählt, so möchte sie eine Plattform gründen, um Ausbildungsplätze zu vermitteln: «Es hat zu wenig Lehrstellen für junge Menschen mit Behinderung.» Lüthi selbst hat zwei Jahre lang eine Lehrstelle als Köchin gesucht. «Es war zermürbend.» Heute arbeitet sie im Tibits in der Küche – und ist überglücklich mit ihrer Arbeit. Ihre Kollegen sind alle hörend. Die Kommunikation funktioniere reibungslos. «Wir haben so unsere Tricks.» Will jemand Lüthis Aufmerksamkeit, so tippt er ihr auf die Schulter oder winkt. Und manche würden bereits die einfachsten Ausdrücke der Gebärdensprache beherrschen, erzählt die Köchin. Zwei Welten Chantal Lüthi lebt in zwei Welten: «In derjenigen der Hörenden und in einer stillen. Ich habe Freunde in beiden Welten.» Ihre Familie hat sich bewusst für die erste Welt entschieden, denn die Eltern wollten, dass ihre Tochter lernt, Lippen zu lesen. So beherrschen sie die Gebärdensprache nicht. «Aber ich bin ihnen dankbar, dass sie sich so entschieden haben und ich das Lippenlesen beherrsche.» Warum Lüthi als Kind das Gehör verloren hat, wissen die Ärzte nicht. Gemerkt hat ihre Mutter es, als sie einen Teller fallen liess. Das damals einjährige Mädchen reagierte nicht auf den Lärm. Annina Hasler>

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