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«Ich bemitleide fast alle Menschen»

TheaterWenn sich Ratten als Motivationstrainer ausgeben und Angestellte in den

Frau Berg, macht Ihnen Ihre Arbeit Spass? Sibylle Berg: Also ich schlage mir nicht pausenlos kichernd auf die Knie, aber ich bin zufrieden. Im Moment kann ich noch von dem, was ich mache, leben. Was nach der Neuordnung der Welt, in der wir uns gerade befinden, passiert, weiss ich nicht. Haben Sie Existenzängste? Ab und an nehme ich mich zu wichtig, und verliere meinen Humor. Das sind die unangenehmen Momente, dann habe ich Angst vor dem nächsten Tag, dem nächsten Job, von dem ich nie weiss, ob er kommt. Und vergesse, dass in der Schweiz nicht viele Menschen verhungernd auf der Strasse liegen. Wenn keiner mich mehr lesen will, muss ich versuchen, einen Job auf einem Strassenreinigungswägelchen zu bekommen. Waren Sie schon mal angestellt? Ich war ungefähr hundert Mal angestellt. Immer sehr kurzfristig, muss ich zugeben, denn ich war kein guter Arbeitnehmer. Ich kann erst seit ungefähr 16 Jahren vom Schreiben leben, vorher war ich Gärtner und Lasterfahrer und Reinigungskraft – und ich war in allem sehr schlecht. Das Theater befasst sich selten mit der Arbeitswelt. Was hat Sie dazu verleitet? Mein grosses Unglück, an das ich mich aus Angestelltenzeiten erinnerte. Ich fand es demütigend, mich zum Toilettengang abmelden zu müssen. Ich fand es deprimierend, am Abend zu wissen, wie ich den nächsten Tag verbringen musste. Ich fand es unmenschlich, in einen Raum mit Neonlicht gesperrt zu werden, um eine Wohnung zahlen zu können, die ich nur am Abend sah. Und die Gespräche mit vielen Menschen, die gerade entlassen worden waren, aus einem Job, den sie nie mochten. In Ihrer Sozialsatire «Hauptsache Arbeit!» macht Arbeit unglücklich und führt bei den meisten zum Tod. Degeneriert der Mensch als Angestellter? Das muss nicht sein. Es gibt viele Menschen, die sehr gerne angestellt sind und Berufe gefunden haben, die sie sehr glücklich machen. Es geht mir in diesem Stück um die anderen. Die aus Angst in Angestelltenverhältnissen verharren und dann doch gefeuert werden, wenn sie über fünfzig sind. Nicht wenige Menschen sehen ihre Arbeit heute als Selbstverwirklichung. Dass Arbeit Selbstverwirklichung bedeutet, ist einer der zynischsten kapitalistischen Slogans. Er sagt: Wenn du nicht arbeitest, bist du nicht wirklich. An dem Umstand, dass vermutlich 90 Prozent aller Berufstätigen nicht das Glück haben, Künstler zu sein, Handwerker mit eigenem Betrieb, Arzt aus Leidenschaft, Bauer mit Passion, hat sich in den letzten hundert Jahren vermutlich nichts geändert. Nur dass heute jeder Versicherungsangestellte irgendwelchen Motivationsmist hören muss und gesellschaftlich geächtet würde, wenn er zugäbe, dass er seine Arbeit nicht mag und dass er kaum mehr atmen kann, vor Angst, sie zu verlieren. Weshalb sind die Menschen in Ihrem Stück entweder bemitleidenswert oder widerwärtig? Ich bemitleide fast alle Menschen, ausser die bösen, die andere bewusst schädigen, denn wir müssen alle sterben. Das klingt banal und albern, aber es ist doch die grösste Traurigkeit unseres Daseins, dass wir so eine befristete Zeit haben. Widerwärtig finde ich nur Menschen, die sich darüber nicht klar sind und die sich verhalten, als lebten sie für immer. In dem Stück geht es überdies nicht um Personen mit Entwicklung, Psychogramm, Kindheit und so weiter. Es ist eine Art Versuchsanordnung, die Stimmungen, Zustände und Gefühle untersucht, um – was zugegeben anmassend ist – Widerstände und das Nachdenken über die eigene Position anzuregen. «Hauptsache Arbeit!» ist auch eine Kritik am Kapitalismus. Was schwebt Ihnen als Alternative vor? Ich bin offen für Gespräche mit dem Bundeshaus. Wenn man mich fragte, wäre ich für eine Verstaatlichung der Banken, des Transportwesens, der Nahrungsmittelindustrie, der Gesundheitsbetriebe. Wer dann Kapitalismus will, kann Parfüm herstellen oder Pralinen. Falls mich mal wieder keiner um Rat fragt, bin ich schon sehr froh, wenn sich die Zuschauer gut unterhalten. Und noch einen Gedanken behalten für fünf Minuten. Interview: Lucie Machac;«Hauptsache Arbeit!»: Sa, 17.9., 19.30 Uhr, Vidmar, Köniz. Vorstellungen bis 5.1.2012. www.stadttheaterbern.ch>

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