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Hochschulautonomie auf Abwegen

Rudolf Strahm

Gesundheitsspezialisten und zahlreiche Bürger im Kanton Bern haben kürzlich mit einer Eingabe an den Regierungsrat die Ausbildung in Palliativmedizin (Schmerzlinderung) an der Universität und in Palliativpflege an einer Fachhochschule gefordert. Sie wollten, dass eine Alternative zur Sterbehilfe aufgebaut wird. Doch die Berner Regierung wich einem Entscheid aus mit der Begründung, man überlasse dies der Lehr- und Forschungsfreiheit der Universität Bern. Ein paralleler Fall betraf die lange vernachlässigte Hausarztmedizin: Erst nach vielen Jahren und zahlreichen politischen Vorstössen wurde an der Universität ein Institut für Hausarztmedizin gegründet, nachdem sich die Medizinische Fakultät mit Berufung auf die Lehr- und Forschungsautonomie dagegen gewehrt hatte. Vielmehr pflegten die Professoren ihre Spezialisierung, die ihnen mehr Prestige und den Ärzten viel höhere Einkünfte brachte als die allzu gewöhnliche, aber notwendige Allgemeinmedizin. In der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ist vor zehn Jahren ein Professor aus den USA angestellt worden mit der vertraglichen Abmachung, er müsse die deutsche Sprache erlernen, damit er sich auch in der schweizerischen Wirtschaftspolitik zurechtfinden kann. Diese Verpflichtung wurde bei der Vertragsverlängerung aus dem Anstellungsvertrag gekippt. Und heute, ein Jahrzehnt danach, kann der Dozent immer noch nicht Deutsch. Kein Problem, wenn er Englisch spricht und schreibt. Aber wie kann er praktische Studienarbeiten zur schweizerischen Volkswirtschaft betreuen, wenn er nicht einmal die schweizerische Wirtschaftspresse zu lesen im Stande ist? Immer, wenn die Universität an den Auftrag zu einer praxisorientierten Bildung und an den Dienst an der Öffentlichkeit gemahnt wird, berufen sich die Professoren auf die Lehr- und Forschungsfreiheit. Die Hochschulautonomie hilft bloss, die Professoreninteressen zu kaschieren. Die Selbstkontrolle der Uni ist nirgends, die Finanzkontrolle des Kantons ist wirkungslos, und unsere Regierungsräte wollen sich nicht mit den Professoren anlegen. Die Universitätsautonomie ist immer, vor allem auch 1968 und danach, hochgehalten worden. Doch aus der autonomen Hochschule wurde ein selbstreferenzielles System, das heisst, eine Institution, die sich selber befriedigt, sich intern gegenseitig bestätigt und vor allem den Karriereinteressen der Professoren dient. Die Uni-Autonomie wird heute falsch verstanden. Der bernische Steuerzahler zahlt immerhin 280 Millionen an das 680-Millionen-Budget der Uni, abgesehen von den Beiträgen anderer Kantone und des Bundes. Der Grosse Rat wird im Januar 2010 mit der Beratung des Universitätsgesetzes beginnen, das eine stärkere Universitätsautonomie in eine völlig falsche Richtung vorsieht. Hoffentlich erwachen die bernischen Politiker, bevor es zu spät ist! Zumindest bei der Festlegung der Prioritäten und bei den Kriterien für die Professorenwahl braucht es klarere Vorgaben der Politik. Nicht in dem Sinne, dass die Regierung jede Professorenwahl absegnen muss. Aber im Gesetz muss klar festgelegt werden, dass ein Uni-Dozent neben seinen wissenschaftlichen Publikationen auch Praxiserfahrung, Lehrbefähigung und Befähigung zur Organisation der Forschungsarbeiten mitbringen muss. Die Universität wird mit grösserer Autonomie nicht besser. Aber sie wird noch arbeitsmarktferner. Zwei Gründe sind der Ursprung dieses Trends: Zum Ersten liegt ein Grundübel in der Professorenwahl. Es zählen nur noch die Publikationen in internationalen Journalen. Die Universitätskarriere wird geplant nach dem Motto «Publish or perish» – publiziere oder verschwinde. Dabei ist unter diesen Publikationen neben wertvollen Arbeiten sehr viel Schrott, eben «Uni-Schrott», enthalten. Deutsche Assistenten und Dozenten haben einen enormen Vorsprung, weil an den Massenuniversitäten in Deutschland die Forschungs- und Publikationstätigkeit von Staates wegen besonders gefördert wird. 44 Prozent der Professoren und über 50 Prozent der Assistenten der Universität Bern sind Ausländer, mehrheitlich Deutsche. Die Ausschreibungen werden von den deutschen Professoren oft so formuliert, dass die deutschen Assistenten einen Vorsprung haben. Der hiesige akademische Nachwuchs wird dabei vernachlässigt. Sind deutsche Wissenschafter besser? Dafür gibt es nirgends Beweise. Aber sie sind kommunikativer, selbstbewusster, geschwätziger – und sie sind im Blendertum geübter als Einheimische, was in der akademischen Welt besonders zählt. Ein zweites Übel liegt im Bologna-System, welches unbesehen vom Hochschulsystem der lateinischen und angelsächsischen Staaten übernommen worden ist. Wer die Fächerkombination geschickt auswählt, wer das Punktesammeln mit schnellem Kurzzeitlernen und minimalem Leistungsnachweis rasch hinter sich bringt, kommt am besten durch. (Der Schreibende kennt als Dozent das System aus eigener Erfahrung.) Der Zürcher Professor Kurt Imhof hat dies als «Bulimie-Lernen» bezeichnet: reinfuttern – rauskotzen – vergessen. Aus diesem Grund wäre es so entscheidend, dass die Mehrheit der Professoren und Dozenten aus dem Praxisumfeld stammt. Diese messen ihre eigene akademische Tätigkeit und die Ausbildung der Studierenden viel stärker an der praktischen Intelligenz, der beruflichen Befähigung und an der Arbeitsmarktorientierung. Fragt sich je ein Professor, der viele hundert Studierende vor sich im Hörsaal sieht, wie sich diese jungen Leute nach dem Studienabschluss auf dem Arbeitsmarkt bewegen können? Ich schlage vor, dass im Universitätsgesetz auch ein Rating zur Arbeitsmarktfähigkeit verankert wird: Dieses soll Auskunft geben, wie viele Studienabgänger einer Fakultät oder Studienrichtung eine Anstellung gefunden haben, die ihrem Studienabschluss entspricht. kolumne@bernerzeitung.ch Mit diesem Text verabschiedet sich Rudolf Strahm als Kolumnist dieser Zeitung.>

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