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Gustav Mahler – ganz verinnerlicht

interlaken classicsDer erste von zwei Mahler-Sinfoniekonzert-Abenden durfte sich hören lassen. Dirigent Philippe Jordan bot mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester sowie den Sängern Burkhard Fritz und Thomas Hampson eine überzeugende Innensicht.

Man schaut ihm gerne zu. Geschmeidig in den Armbewegungen und weich gerundet in den Einsätzen formt Philippe Jordan eine plastische Innenwelt voller Zweifel und Zerrissenheit. Der 36-jährige Schweizer steht am Dirigentenpult im ausverkauften Kongressaal des Casino Kursaals Interlaken. Er leuchtet zusammen mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester am ersten Sinfoniekonzert der Interlaken Classics in die Abgründe von klar, Gustav Mahler (1860-1911). Jordan tut dies unexaltiert, mit viel Spürsinn, vielleicht aber auch etwas zu freundlich und zu wenig vehement. Er überzeugt dabei nicht nur als klar stukturierender Ästhet – er bringt ebenso die Klangfarben im 120-köpfigen Orchesterkörper filigran und irisierend zum Leuchten. Auch die hoch motivierten Jungmusikerinnen und -musiker – sie gehören zu den führenden Europas – schauen genau zu ihm hin. Und entlocken ihren Instrumenten Töne von ungemeiner Klarheit und Präzision. Eine Welt bricht zusammen Gespielt wird das 25-minütige, kammerspielartig anmutende Adagio aus der 10. Symphonie. Die Komposition aus den Jahren 1910 und 1911 ist Fragment geblieben, wurde aber unter anderem von Deryck Cooke nachbearbeitet und nach Mahlers Skizzenmaterial 1960/76 zu Ende gebracht. Die 10. Symphonie ist ein autobiographisches Krisenbekenntnis. Mahler ist schwer herzkrank. 1907 hat er seine vierjährige Tochter Maria Anna verloren. Ausserdem musste er nach einer antisemitisch motivierten Pressekampagne als Direktor der Wiener Hofoper zurücktreten. 1910 erfährt er, dass seine Frau Alma einen Geliebten (Walter Gropius) hat. Eine Welt bricht zusammen – innen wie aussen. Der schwer gekränkte Mahler formt ein Klanggemälde, das eine Gesellschaft zeigt, die auf den Abgrund zusteuert. Der Zusammenbruch der habsburgischen Doppelmonarchie steht bevor. Innen drin wuchert und schreit es. Ein Abbild der Verzweiflung mit schrill-klagenden Geigen- und dunklen Cellotönen tut sich vor der Zuhörerschaft auf. Philippe Jordans Auslegung des Adagios spricht an. Auch wenn es Abstriche gibt. Seine Interpretation glüht dabei nicht wie ein Brennstab (was sie auch könnte). Sie dürfte auch noch abgründiger, doppelbödiger, erregter und noch mehr vom Schmerz der Zerrissenheit geprägt sein. Aber sie erfüllt in der musikalischen Umsetzung höchste Ansprüche. Dieses Fazit kann man auch vom sechsteiligen «Lied von der Erde» ziehen (1908/09), das sich auf Hans Bethges (1876-1949) Nachdichtung alter chinesischer Gedichte aus dem 8. und 9. Jahrhundert stützt. Gustav Mahler selbst bezeichnete diese zum Sinfonischen hin verdichtete Liedfolge als sein innerlichstes Werk, das durch die drei scherzoartigen Lieder 3 bis 5 aufgelockert wird. Die gut einstündige Komposition spiegelt das menschliche Leben in der Abfolge der Jahreszeiten, zitiert dabei auch chinesisches Musikgut. Besonders der sechste Liedteil («Der Abschied»), für sich alleine schon 30 Minuten lang, verdichtet die schwermütige Innenschau. Zwei Sänger im Fokus Der amerikanische Starbariton Thomas Hampson (55) hat hier gewissermassen alles zuvor noch keck Verspielte abgelegt. Er agiert wortdeutlich, stellt den Wohlklang seiner sinnlichen, warmen Stimme in den Dienst von Schmerz und Innigkeit. Damit kann er nachholen, was ihm zuvor noch Burkhard Fritz an längeren Einsätzen präsenzmässig voraus war. Der deutsche Tenor setzt sich in seinem Liedpart emotionsgeladen im Stile wagnerianischen Draufgängertums in Szene. Gegen das riesige Orchester kann er sich im ersten Lied- teil nicht immer gleich wunschgemäss durchsetzen. Aber insgesamt gelingt ihm eine überzeugende Darbietung. Wieder haftet der Blick auf dem sympathischen, stilsicheren Dirigenten, der nichts Geringeres ist als Musikdirektor der Pariser Oper. Philippe Jordan ist auch im Kursaal Interlaken eine Entdeckung. Selbst wenn nicht alle Mahler-Anhänger seine Sichtweise teilen werden. Und das ist gut so.Svend Peternellwww.interlaken-classics.ch>

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