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Gericht: Keine Vergewaltigung

thunGestern hat das Regionalgericht einen Beschuldigten vom Vorwurf freigesprochen, in Steffisburg eine Frau mehrfach vergewaltigt und bedroht zu haben.

Schwere Anschuldigungen hatte die ehemalige Kollegin gegen den 22-Jährigen erhoben. Ende 2009 solle er sie vier bis fünf Mal vergewaltigt haben. Dazu habe er sie mit mündlich ausgesprochenen Drohungen gezwungen, und habe auch körperliche Gewalt angewendet. Dabei habe er sie festgehalten und ihr die Hose ausgezogen, obwohl sie mit Armen und Beinen gezappelt habe. Zu diesen Vorwürfen sagte der Beschuldigte, dass es stimme, er habe Verkehr mit besagter Frau gehabt, doch dies sei im gegenseitigen Einvernehmen passiert. Vielleicht habe sie die Anzeige gemacht, weil sie Gefühle für ihn empfunden hätte. Er habe keine Gefühle gehabt, aber das hätte sie auch gewusst. Somit stand Aussage gegen Aussage. Anzeige aus Eifersucht? Ein Blick in die Akten verschafft mehr Übersicht. Zur selben Zeit, zu der ihm die Vergewaltigung vorgeworfen wurde, hatte der Schweizer eine innigere Beziehung zu einer anderen Frau entwickelt. Die Zeugenaussagen dieser Frau erschienen dem Gericht sehr überzeugend. Sie war gleichzeitig auch eine enge Vertraute der Frau, die die Anschuldigungen erhoben hatte. Diese habe ihr damals vom Verhältnis zum Beschuldigten erzählt. Auch vom Sex mit ihm habe sie berichtet. «Es war schön», habe sie gesagt, und auch Details erzählt. Über den Vorwurf der Vergewaltigung war die Zeugin in der Folge erstaunt. Später habe die Klägerin gesagt, sie bereue, mit ihm geschlafen zu haben, doch sie sei eben verknallt. Als klar wurde, dass der Beschuldigte der Zeugin innerlich näher stand als der Klägerin, war an ihr ein zunehmend merkwürdiges Verhalten aufgefallen. Das liess den mutmasslichen Schluss zu, dass die Anzeige aus Rache erstattet worden war. Die Frau, die die Vorwürfe erhoben hatte, war zwar nicht vor Gericht anwesend, doch wurden ihre Aussagen schon zuvor mehrfach festgehalten. Diese waren für ein Opfer einer Vergewaltigung derart ungewöhnlich, dass sogar der Staatsanwalt auf Freispruch plädierte. Die Konstellation, dass der Staatsanwalt und die Verteidigung die selben Anträge stellen, ist in der Tat sehr selten anzutreffen. Die Frau behauptete, sie habe die Anzeige mehr wegen der Drohungen erstattet, als wegen der mehrfach begangenen Vergewaltigung. Zum Tatherhang sagte sie bloss, er habe sie «ausgezogen und genommen», doch nannte sie kaum Details. Was sie genauer geschildert hatte, schien hingegen wirklichkeitsfremd. In der Verhandlung wurde zum Beispiel die Ansicht geteilt, dass es kaum möglich sei, mit einer Hand ein Opfer festzuhalten, und mit der anderen diesem die Hose auszuziehen. Zudem blieb noch die Frage offen, warum die Frau den Mann nach der ersten behaupteten Vergewaltigung überhaupt noch mehrere Male in ihre Wohnung eingelassen hatte. Auch der Umstand, dass die Frau bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen war – unter Anderem stationär – sprach gegen ihre Glaubwürdigkeit. Der Verteidiger sprach in diesem Zusammenhang vom «false memory syndrome» – einem Phänomen, das vor allem bei jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren vorkommt. Betroffene erinnern sich an Tatsachen, die objektiv nicht so passiert sind, wie sie erinnert werden. Im Umfeld des Beschuldigten zeigen sich alle über das Urteil erleichtert. Wassilissa Burger>

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