Sie wollen nicht alleine ackern

WorbMarion Salzmann und Renate Fahrni bauen im Worbboden einen Gemeinschaftsgarten an. Was auf dem Acker wächst, wird geteilt – unter jenen, die selbst anpacken.

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Ein Schild hängt neben dem Pferdestall von Elisabeth und Ulrich Leibundgut in Worb: «Dieser Betrieb arbeitet ohne Gewinn. Das war nicht so geplant, das hat sich so ergeben.» Es sieht danach aus, dass auch der jüngste Handel die Bauersleute nicht reich machen wird. Sie nähern sich dem Pensionsalter, treten langsam kürzer und brauchen jetzt ein Stück Land nicht mehr. Es hat sich so ergeben, dass dies ein Glücksfall ist für Marion Salzmann und ihre Idee.

Auf dem fussballfeldgrossen Acker im Worbboden will Salzmann ab nächstem Jahr viele verschiedene Gemüse anbauen, zusammen mit anderen Menschen ernten und verarbeiten. Dafür verpachten die Leibundguts das Land. Aber eben, ein Geschäft machen sie damit nicht, wollen sie nicht machen. «Wir verdienen nichts daran», sagt er. «Wir wollen sie ja nicht plagen», sagt sie. «Doch wir finden das eine wirklich gute Idee», sagen beide.

Ein neues Gärtchendenken

Es ist nicht so, dass Marion Salzmann an einem Gemüsemangel litte. Die 39-jährige Naturpädagogin aus Worb hat einen eigenen Garten, sie kauft bei einem Biobauern ein. Sie weiss, wo Rüebli und Gurken wachsen. Aber sie will nicht ihr eigenes Gemüsesüppchen kochen. «Es geht hier vor allem um den sozialen Aspekt und um ein wirtschaftliches Umdenken», sagt sie.

Die Frauen gründeten — weil praktischer als eine Genossenschaft — einen Verein. Er bekam den Namen «Radiesli» und wird nun von einer siebenköpfigen Betriebsgruppe geführt. Die begegnet dem Gärtchendenken auf ihre Art. Wer mitmachen will, kauft zum einen Anteilsscheine à 250 Franken und löst zum anderen ein Gemüseabonnement, 1100 Franken für zwei Personen. Dafür gibts einmal in der Woche eine Lieferung Gemüse. Vor allem sollen die Mitglieder selbst mit anpacken, auf dem Feld, beim Verpacken und Verteilen.

Darin unterscheide sich «Radiesli» von anderen vertragslandwirtschaftlichen Projekten, sagt Salzmann. «Wir stellen uns vor, dass man etwa vier Tage pro Jahr mitarbeitet. Doch wir schreiben das nicht vor und kontrollieren es auch nicht.» Die gemeinsame Arbeit ist allerdings ein wichtiger Teil von «Radiesli».

70 verschiedene Sorten

Auf dem etwa 60 Aren grossen Feld im Worbboden wuchsen früher stets Erdbeeren, in diesem Sommer noch Sonnenblumen. Nun sollen es bald gut und gerne 70 verschiedene Sorten sein, neben gängigem Supermarktgemüse etwa blaue Bohnen, Pastinaken, gestreifte Auberginen oder Federkohl.

Was auf dem Acker gedeiht, hat Salzmann ausgerechnet, sollte während des ganzen Jahres den Bedarf an Gemüse von etwa 200 Personen decken. Im ehemaligen Schweinestall der Leibundguts wird das Gemüse gelagert und verarbeitet. Von da wird es in Depots verteilt, wo die Mitglieder ihre Ration abholen können. «Radiesli» richtet sich vorab an Personen aus Worb, dem Worblental, Muri und Bern.

Pläne für die Zukunft

Die kollektive Anbauschlacht beginnt im nächsten Frühling. Salzmann und Fahrni wollen einen Gärtner anstellen, denn sie sind nicht vom Fach. Wenn sich die Sache allerdings wie geplant entwickelt, möchten die beiden Pädagoginnen ihre berufliche Erfahrung mit einbringen und beispielsweise geschützte Arbeitsplätze anbieten oder kulturelle Projekte verwirklichen. Vorerst aber arbeiten sie ehrenamtlich.

Kommenden Sonntag werden sie an der Gründungsversammlung in Bern das Projekt öffentlich vorstellen. «Wenn wir mit 50 Personen starten können, wäre das gut», sagt Renate Fahrni. Aber sie und Marion Salzmann machen sich dazu keine grossen Gedanken. Denn sie sind überzeugt: Die Radieschen und «Radiesli» werden gut wachsen.

Johannes ReichenVersammlung: Sonntag, 30. Oktober, 14 Uhr, Punto, Thunstrasse 104, Bern. www.radiesli.org

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Erstellt: 27.10.2011, 00:32 Uhr

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