«Lebende Bücher» erzählen

LangenthalAls Begleitanlass zur Ausstellung «Im Fall» im Museum Langenthal

bietet die Regionalbibliothek Langenthal die Gelegenheit, mit Sozialhilfebeziehenden

ins Gespräch zu kommen – und in ihrem Leben zu «lesen».

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Zurap S., ein vorübergehend auf Sozialhilfe angewiesener Familienvater, war sofort bereit, in der Regionalbibliothek als «lebendes Buch» fremden Menschen Red und Antwort zu stehen. «Ich bin ein offener Mensch», sagt er. «Und ich möchte Vorurteile gegenüber Sozialhilfebeziehenden abbauen.» Er gesteht, dass auch er früher diesen gegenüber skeptisch war und ihnen ihre Geschichten nicht abnehmen wollte. Doch seit gesundheitliche Probleme sein Leben verändert haben, sieht er es anders.

Mit seiner Geschichte will er den Gesprächspartnern zeigen, dass jeder Mensch in die Armut geraten kann und dann auf Unterstützung vom Staat angewiesen ist. Dass Zurap S. mit seiner Bereitschaft, sich als Sozialhilfebeziehender zu outen, eher die Ausnahme ist, bestätigt Adrian Vonrüti, Leiter des Sozialamtes Langenthal. «Es war nicht einfach, Leute zu finden, die bei der Aktion ‹Lebende Bücher› mitwirken wollten.» Neben Zurap S. ist auch eine junge Frau dieses Wagnis eingegangen.

Der Armut ein Gesicht geben

Im Sommer dieses Jahres gelangte das Sozialamt Langenthal an verschiedene öffentliche Institutionen und Vereine mit dem Anliegen, ein Rahmenprogramm zur Wanderausstellung «Im Fall» mitzugestalten. Die von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe organisierte Ausstellung ist derzeit im Museum Langenthal zu sehen (wir berichteten). Die Leiterin der Regionalbibliothek Langenthal, Monika Hirsbrunner, entschied sich für das aus Dänemark stammende Projekt «Lebende Bücher»: In einem geschützten Rahmen geben Menschen unter vier Augen Einblick in ihr Leben.

«Auch die Rekrutierung von Leuten, die zu einem Gespräch mit den Sozialhilfebeziehenden bereit sind, ist nicht einfach», bestätigt Monika Hirsbrunner. «Wir haben immer noch offene Gesprächstermine.» Das Gespräch findet in einem eigens dafür eingerichteten Raum statt, der Privatsphäre ermöglicht. «Eine Vertreterin der Bibliothek ist in der Nähe, falls jemand Unterstützung benötigt», so die Leiterin.

Sie hätten klare Regeln aufgestellt bezüglich des zeitlichen Rahmens. Und es sei selbstverständlich, dass die Interessierten die Würde des Gesprächspartners respektieren und mit dem von ihm Erfahrenen sorgfältig umgehen. Bedingung zur Teilnahme am Gespräch ist, dass man sich als Nutzer der Bibliothek eingeschrieben hat. «Es ist uns wichtig, dass wir die Identität der Leute kennen, denen Zurap S. und Michelle M. Auskunft geben», begründet die Bibliotheksleiterin diese Auflage.

Schicksalsgemeinschaft

Erika Ingold suchte in der Bibliothek den Gedankenaustausch mit einem Menschen, der wie sie mit Schicksalsschlägen konfrontiert wurde, und kam so ins Gespräch mit Zurap S. «Menschen, die in Not geraten und finanzielle Unterstützung benötigten, schämen sich und reden nicht gerne darüber» meint sie. Sie zögen sich zurück und vereinsamten.

Prisca Rotzler KöhliDie Regionalbibliothek Langenthal hat am Freitagnachmittag und am Samstagvormittag noch offene

Gesprächstermine. Interessierte melden sich telefonisch unter der Nummer 062 9222922 an.

Informationen zur Wanderausstellung: www.im-fall.ch. >

Erstellt: 02.12.2010, 00:31 Uhr

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