Bern

Washingtons Lektion für Bern

BernMan ist versucht zu lachen, wenn das kleine Bern an der mächtigen US-Hauptstadt Mass nehmen will. Aber die neue Berner Geografieprofessorin Heike Mayer meint es ernst. Sie hat an der Umsetzung der Hauptstadtregion Washington mitgearbeitet und ist überzeugt, dass Bern einiges davon lernen könnte.

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Frau Mayer, Sie haben sich in den letzten Jahren mit der Hauptstadtregion Washington auseinandergesetzt. Jetzt arbeiten Sie in Bern, das sich aufmacht, zur Hauptstadtregion Schweiz zu werden. Wirkt hier alles ein bisschen klein und niedlich auf Sie?

Heike Mayer: Nein, gar nicht. Dass Bern auf seine Funktion als Hauptstadt setzen und das auch wirtschaftlich besser in Wert setzen will, halte ich für sehr sinnvoll. Und ich sage das gerade auch auf Grund meiner Erfahrungen in Washington.

Heisst das: Das kleine Bern könnte vom grossen Washington etwas lernen? Ganz sicher. Klar: Die USA sind eine Weltmacht, Washington hat 6 Millionen Einwohner. Das sind ganz andere Dimensionen. Aber wie Washington es schafft, sich selbstbewusst als Hauptstadt zu präsentieren, diese Funktion als wirtschaftliches Wertschöpfungssystem zu erkennen und auch zu fördern, da sehe ich für Bern ziemlich viele Inspirationsmöglichkeiten.

Sie leben seit einem halben Jahr in Bern. Spüren Sie in Bern etwas vom Selbstbewusstsein einer Hauptstadt?

Nur in Ansätzen, muss ich gestehen. Ich nehme in Bern zwar das kosmopolitische Flair wahr, das nur Hauptstädte haben. Bedingt durch die Botschaften leben hier Menschen aus der ganzen Welt, diese umfassende Internationalität findet man in grösseren Metropolitanräumen nicht. Aber sonst präsentiert sich Bern nicht sehr aktiv als Hauptstadt. Man sieht das Bundeshaus, aber wo etwa die verschiedenen Departemente sind, das muss man richtig suchen.

Bern gilt als träge und verschlafen, wenn man jetzt noch die Verwaltung so richtig herausstellen würde, wird dieses Image nur noch zementiert. Es kommt eben darauf an, wie man es macht. Washington hatte in den USA einen Ruf wie Bern: Langweilig, müde, fehlender Unternehmergeist. Dann gelang es, sozusagen den Spiess umzudrehen. Man erkannte, dass die Verwaltung kein lähmender Moloch ist, sondern ein zentraler Standortfaktor, der innovative Firmen anzieht.

Man erkannte das in Washington – das heisst, man muss hier in Bern einfach ein bisschen umdenken, um zur selbstbewussten Hauptstadtregion zu werden?

Das Umdenken kommt nicht von selber. Man muss etwas tun, damit man umdenken und Potenziale neu erkennen kann. In Washington hat man sich darauf konzentriert, genau zu verstehen, wie das Zusammenspiel zwischen öffentlicher Verwaltung und Privatwirtschaft funktioniert und wie die Agglomerationsgemeinden ihre Ansiedlungspolitik für Firmen ausrichten müssen, um diese Dynamik zu unterstützen. Ich denke, das ist die Richtung, die man in Bern jetzt einschlagen müsste.

In welcher Form haben Sie persönlich an der Gestaltung der Hauptstadtregion Washington mitgewirkt? Eine der vielen Teilgemeinden von Washington heisst Arlington County, wo sich der Nationalfriedhof befindet und das Pentagon, das US-Verteidigungsministerium. Erst durch eine Studie, die ich mit meinem Team von der Virginia Tech University gemacht habe, sind sich die Gemeindebehörden bewusst geworden, welches Potenzial die Präsenz von Teilen der Bundesverwaltung hat. Wir haben eine Standortstrategie ausgearbeitet und die Umsetzung begleitet.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Das Pentagon ist eine grosse Behörde, die viel von ausserhalb der Verwaltung beschafft: Kriegsmaterial, Software, Studien beispielsweise. Wer als private Firma solche Aufträge ergattern will, sich als wissenschaftliches Institut einbringen oder als NGO auf Entscheide des Verteidigungsministeriums einwirken will, muss physisch möglichst nahe dran sein – am besten direkt in Arlington, wo so viele hochstehende Arbeitsplätze geschaffen werden. So funktioniert, vereinfacht gesagt, das Wertschöpfungssystem einer Hauptstadtregion. Das haben wir den Behörden mit unserer Studie deutlich vor Augen geführt.

Und die haben gestaunt?

Ja, weil so klar war das bisher nicht im Bewusstsein.

Aus der Ist-Analyse entstand dann die Standortstrategie?

Genau. Wir definierten drei Stossrichtungen. Erstens: Man fördert aktiv Allianzen und Partnerschaften im Dreieck Verwaltung-Wirtschaft-Universität. Da hat es Arlington jetzt geschafft, den Satellitencampus einer Uni anzusiedeln, in dem in Zusammenarbeit mit dem Computergiganten IBM über Widerstandskraft von Städten gegen Zukunftsgefahren wie Klimawandel oder Terror geforscht wird. Zweitens: Gezieltes Branding und Marketing – Arlington vermarktet sich als Standort von Kreativen, Innovatoren, von Brainpower. Drittens: Konsequentes Monitoring – man untersucht kontinuierlich, wie die Wirtschaft vor Ort läuft.

Vom Tempo und der Dynamik von Washington ist die Hauptstadtregion in Bern ziemlich weit entfernt. Darüber, Bern zum politischen Headquarter der metropolitanen Schweiz zu machen, gibt es schon mehrere dicke Studien, und die Befürchtung ist gross, da wachse ein Papiertiger heran. Die Studien waren sicher notwendig, denn sie beschreiben, was die Region ausmacht. Noch fehlt es aber an einer differenzierten Analyse, wie sich die Funktion Hauptstadtregion als wirtschaftliches Wertschöpfungssystem real ausdrückt. Jetzt ist sicher der Moment, einen Schritt weiterzugehen. Was passiert genau zwischen Verwaltung und Privatwirtschaft? Wie funktioniert dieses System? Wer gehört überhaupt dazu? Wie könnte man es optimieren? Das sind für mich Fragen, die nun angegangen werden sollten.

Mit einer weiteren Studie?

Ohne fundierte Antworten auf diese Fragen, ist es nicht möglich, eine massgeschneiderte Strategie zu entwerfen, die eine ganze Region überzeugen soll. Studie ist nicht gleichbedeutend mit Papiertiger. In Arlington haben wir vor fünf Jahren mit unserer Arbeit begonnen, und heute ist die Umsetzung in der Realwirtschaft sehr weit. Ich denke, das ist ein Tempo, das sich sehen lässt.

Sie, Frau Mayer, wären prädestiniert dazu, das auch in Bern zu tun.

Es liegt mir fern, hier anzukommen und zu sagen, wo es langgehen soll. Aber klar, ich interessiere mich sehr für die Hauptstadtregion und engagiere mich gerne dafür, wenn das gewünscht wird. Es ist mir ein Anliegen, Wissenschaft zu betreiben, die den Menschen direkt vor Ort einen Nutzen bringt.

Washington ist eine andere Welt als Bern. Vermutlich leistet sich auch eine Supermacht nicht unser kleinparzelliertes System mit autonomen Gemeinden, die eine gemeinsame Strategie für die Agglomeration sehr schwierig machen.

Da täuschen Sie sich. Washington ist politisch eine äusserst komplizierte, fragmentierte Region. Da funken drei Staaten in die Agglomeration hinein, dazu ist da der District of Columbia, ein ganz eigenes Konstrukt, das sozusagen vom Kongress regiert wird. Ausserdem sind die einzelnen Gemeinden in den USA sehr autonom, die Konstellation ist eher noch komplexer als in Bern, würde ich sagen.

Hat man, wie das in Bern jetzt diskutiert wird, auch Gemeindefusionen vollzogen, um die Flexibilität im Standortwettbewerb zu erhöhen? Nein, da wäre das Theater viel zu gross geworden. Entscheidend, glaube ich, ist etwas anderes. Jeder wichtigen Gemeinde in der Agglomeration ist klar, wo ihre Stärke liegt, welche Rolle sie in der Hauptstadtstrategie hat. Wer beispielsweise wie Alexandria etwas weiter weg vom Zentrum liegt, konzentriert sich auf die Ansiedlung von NGOs und Verbänden mit kleineren Budgets, weil sie tiefere Mieten bieten können. Und wenn es dann einer Gemeinde gelingt, eine grosse Firma anzusiedeln, dann muss die Bereitschaft der anderen einfach da sein, das auszuhalten.

In Bern kann mit dem Wort Hauptstadtregion noch kaum jemand etwas anfangen. Identifizieren sich die Menschen in Washington mit diesem sperrigen Begriff?

Wenn Sie auf der Strasse jemanden fragen würden, was die Strategie von Arlington ist, wüsste er das sicher nicht. Trotzdem denke ich, dass ein Grundgefühl der Zugehörigkeit zu dieser Hauptstadtregion entstanden ist, ein gewisser Stolz vielleicht sogar. Es ist nicht mehr so, dass man sich fast entschuldigt, Standort der Bundesverwaltung zu sein, wie man das in Bern vielleicht manchmal heraushört.

Wie war das möglich?

Damit dieses positive Bewusstsein gestärkt wird, muss eine Strategie Hauptstadtregion auch kleine Programme enthalten, alltägliche Events, die die Bürgerinnen und Bürger ansprechen. In Arlington gibt es etwa das Café Scientifique, das mir sehr gefällt. Im Sitz der Gemeinderegierung treten da einmal im Monat prominente Wissenschaftler auf, die nach Arlington kommen, weil sie hier etwas zu erledigen haben. Das hilft, bei den Menschen das Bewusstsein zu stärken, dass das Wertschöpfungssystem zwischen Verwaltung, Privatwirtschaft und Universität nicht nur eine Fiktion von theoretisierenden Strategen, sondern eine handfeste Realität ist, an der man teilhaben kann.

Wie wichtig ist es für Bern, die Hauptstadtregion voranzutreiben?

Washington müsste Bern optimistisch stimmen. Wie gross das wirtschaftliche Potenzial der Hauptstadtregion hier in Bern wirklich ist, weiss im Moment noch niemand genau. Da, denke ich, sollte man sich möglichst schnell mehr Klarheit verschaffen. Klar ist für mich aber auch: Die Hauptstadtregion darf nicht das einzige wirtschaftliche Standbein sein, die Cluster, die Bern schon hat, müssen weiter gepflegt werden. Da muss man die Proportionen auf jeden Fall wahren.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.03.2010, 10:23 Uhr

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