Wanners persönliche Klimabilanz ;Wanners Klimabilanz

Der Berner Klimaforscher Heinz Wanner ist ein Weltstar – auch wenn er selber sich nie

so bezeichnen würde. Kurz vor seiner Pensionierung spricht der unkonventionelle Denker unverblümt über schmelzende Gletscher, wachsende Wüsten und eilfertige Kollegen.

Draussen vor dem Fenster im fünften Stock des Geographischen Instituts bläst ein nasskalter Wind dunkle Nebelschwaden über die triefenden Häuser der Länggasse. Es ist Anfang Mai und für Frühlingsgefühle viel zu kühl, man ist froh, im geheizten Büro sitzen zu dürfen. Heinz Wanner (65) würde jetzt am liebsten in Hemd und Kittel aufs Flachdach steigen und dem beissenden Wind begeistert die hohe Stirn bieten – wie früher, als die Behörden das noch nicht aus Sicherheitsgründen verboten hatten. Man versteht auch ohne Worte, wie wenig der Professor für Klimatologie/Meteorologie und Präsident des Berner Oeschger-Zentrums für interdisziplinäre Klimaforschung von solcher Einschränkung der persönlichen Freiheit hält. Wanner lächelt nur. Den unangenehm kühlen Wind, den Wanner auf dem Dach angetroffen hätte, kennt er bestens. Er hat ihn – wie unzählige Klimaphänomene des alpinen Raums – leidenschaftlich untersucht. Es ist ein besonderer Wind. Die schwarze Bise. Klima- und YB-Fan Normalerweise bringt der kalte Nordostwind dem Mittelland schönes Wetter und keinen Niederschlag. Aber manchmal gleitet aus dem Mittelmeerraum feuchte Luft ins Mittelland, wird dann von der Bise Richtung Westen geschoben und dort gestaut. «Durch den anhaltenden Feuchtigkeitsnachschub wird der Himmel fast schwarz», erklärt Wanner mit seiner legendären Stimmgewalt, die selbst tosende Stürme locker übertönen würde. Und der gebürtige Bieler fügt mit einem Lächeln auf den Stockzähnen an: «Die Welschen kennen la Bise noire besser, weil sie bei ihnen noch schlimmer ist.» Wenn Heinz Wanner mit Inbrunst über die schwarze Bise redet, sagt er viel über sich selber. Mit der gleichen Verve, mit der er sich um weltbewegende Fragen der Klimaerwärmung kümmert, befasst er sich mit lokalen Eigentümlichkeiten des Wetters – und hat kein Problem damit, sich ohne hochgestochene Fremdwörter auszudrücken. Im Gegenteil: YB-Fan Wanner, der als früherer Aktiver auch von Fussball viel versteht, benützt selbst in wissenschaftlichen Diskussionen gerne eine handfeste Sprache. Fast wie ein Rockstar Was nicht selbstverständlich ist: Denn er hat mit seiner weltweit beachteten Arbeit die Karriere des Klimawandels von der naturwissenschaftlichen Randdisziplin zum Topthema auf der globalen Agenda in den letzten 30 Jahren mitbeeinflusst. Und entscheidend dazu beigetragen, dass Bern zu einer Metropole der Klimaforschung wurde. 2006 erhielt Wanner den Vautrin-Lud-Preis, den inoffiziellen Nobelpreis für Geografie. Und jetzt, zu seinem altersbedingten Abschied als Uni-Professor, wird Wanners internationale Ausstrahlung noch einmal deutlich. Für seine Abschiedsvorlesung am übernächsten Mittwoch haben sich über 400 Personen angemeldet, sein Auftritt muss als Video in einen Nachbarraum übertragen werden. Ein bisschen wie bei einem Rockstar. Wanners Wort hat Gewicht. Aber er geht sparsam damit um. «Im heutigen Betrieb der Klimawissenschaft halte ich es für sehr wichtig, dauernd um Bescheidenheit und Ehrlichkeit zu kämpfen. Auch gegenüber mir selber.» Man habe im Unterschied zu früher grosse Chancen, für Klimaforschung Geld zu erhalten. Gleichzeitig sei aber der Druck gestiegen, sich mit spektakulären Ergebnissen und plakativen Äusserungen dafür zu rechtfertigen. «Es ist enorm schwierig geworden, Stimmungen und Hypes zu widerstehen, nicht von aussen gesteuert zu werden», sagt Wanner. Ringen um Unabhängigkeit Er selber hält sich dafür an ein klares Rezept: «Ich bemühe mich, zusätzlich zu globalen auch immer regionale Forschungsfragen anzupacken, die von aussen nicht attraktiv erscheinen und kein weltweites Aufsehen erregen, mich aber persönlich interessieren.» Es ist, als hätte er für sein Forscherleben den Rat eines Paartherapeuten beherzigt: Um die Liebe am Leben zu erhalten, darf man nicht bequem werden, sondern muss immer wieder in sie investieren. Vielleicht verschafft ihm diese Disziplin die innere Unabhängigkeit, unbeeindruckt von moraltriefenden Klimapolitikern auf der einen und missionarischen Skeptikern des menschgemachten Klimawandels auf der anderen Seite seinen Weg zu gehen. Beispielsweise hält er den jetzt gerade wieder aufkommenden Zweifeln daran, ob die aktuelle rasche Gletscherschmelze wirklich eine Folge des Klimawandels sei, weil die Eismassen vor 7000 Jahren ganz natürlich viel weiter zurückgegangen waren, keine verärgerte Replik entgegen. Sondern zwei, drei glasklare, in typisch Wannerscher Heiterkeit formulierte Sätze. Gedächtnis der Gletscher Vor rund 7000 Jahren, sagt Wanner, erhielt die Erde wegen ihrer Lage zur Sonne mehr sommerliche Wärme als heute, weshalb die Gletscher logischerweise zurückgingen. Derzeit bekommt die Nordhalbkugel im Sommer deutlich weniger Energie von der Sonne, sodass wir eigentlich in einer kleinen Eiszeit mit wachsenden Gletschern stecken müssten – womit das rasche Abschmelzen der letzten Jahrzehnte eine Folge der Klimaerwärmung sei. Abgesehen davon, so Wanner, dürften wir «das lange Gedächtnis der Gletscher» nicht vergessen: Bei grossen Strömen wie dem Aletsch- oder Rhonegletscher werde die heute geringere Eiszunahme in der Höhe sich unten an der Zunge erst in 10, 20 Jahren so richtig bemerkbar machen. «Ungesunder» Ruhestand Für Wanner ist der von den Menschen verursachte Klimawandel eine Realität. Katastrophenszenarien entwirft er deswegen keine. Das Know-how über die Klimaerwärmung sei in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen – aber mit ihm auch die Zahl neuer Fragen: «Wir sehen heute nicht nur klarer, wie das Klimasystem funktioniert, sondern auch, wo unsere Wissenslücken noch sind.» Die Rolle der Wolkenbildung etwa verstehe man heute noch wenig, redet sich der Forscher in ihm in Fahrt. Geht er nicht in wenigen Wochen in Pension? Man kann sich Heinz Wanner im Ruhestand nicht so richtig vorstellen – er sich, wie er freimütig bekennt, auch nicht: «Das wäre wohl ungesund.» Rebellion des Körpers Wanner hat in den letzten 35 Jahren ein Spitzensportlerleben für die Wissenschaft geführt. Dass er mit seinen natürlichen Ressourcen nicht immer sorgfältig umging, verschweigt er nicht. Zwei, drei Mal rebellierte sein Körper – etwa mit einem Gehörsturz. Mental allerdings habe er nie einen Einbruch verspürt: «Ich sah immer eher zu viel, das mich interessierte und motivierte.» Seine Frau und seine heute erwachsene Tochter mussten oft auf ihn verzichten, und das ist ihm bewusst: «Ich bin ihnen zeitlebens zu grossem Dank verpflichtet.» Nach seiner Pensionierung, hat Heinz Wanner versprochen, will er einen Tag pro Woche mit seiner Frau wandern. Aber sein Kopf wird nicht zur Ruhe kommen. Wanner möchte versuchen, Berns Gunstlage als Standort weltweit einmaliger, Tausende von Jahren zurückreichender Klimaarchive, die aus Eisbohrkernen, Baumringen, Sedimenten, Tropfsteinen und historischen Dokumenten zusammengetragen wurden, mit der globalen Kulturgeschichte zu verbinden. Er möchte etwa verstehen, wie der Crash der Inka- und Maya-Reiche oder der chinesischen Monsun-Hochkulturen mit Klimaveränderungen zusammenhingen. Klima als Migrationsgrund Denn diese Wechselwirkung, glaubt Heinz Wanner, wird uns künftig immer mehr beschäftigen. In den Subtropen in Asien, Afrika und Südamerika wächst die Bevölkerung rasant. Genau diese Zonen sind wegen der Klimaerwärmung mit Wasserknappheit und wachsenden Wüsten konfrontiert. «Wir müssen über die Rolle des Klimawandels als Auslöser für Migration mehr Klarheit bekommen», fordert er. In seinem kleinen Büro im Oeschger-Zentrum oder zu Hause in Boll wird Wanner künftig versuchen, Antworten auf diese grossen Fragen zu finden. Als kleiner, aber freier (und glücklicher) Forscher, der weiterhin Supercomputer mit komplexesten Klimadaten füttert. Und an seinen Schreibtisch ungerührt eine oft belächelte Handmaschine zum Spitzen der Bleistifte montiert – als Mahnmal seiner Bodenständigkeit. Sicher, Prognosen der Klimaentwicklung sind eine heikle Domäne. Aber Heinz Wanner scheint definitiv eine produktive Wärmephase bevorzustehen. Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch >

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