Vielfalt als Erfolgsgeheimnis?

Die seit dem 15. Jahrhundert durchgeführten

Jahrmärkte sind in Langnau nicht mehr wegzudenken. Auch bei den Händlern stehen sie hoch im Kurs, wie ein Rundgang zum 100-Jahr-Jubiläum des Marktverbandes zeigt.

Caramelier Hans-Rudolf Ginsig packt ein Mödeli Butter aus, so schnell und geschickt, wie es nur jemand kann, der das vielleicht schon 100000 Mal getan hat. Hurtig landet es im kleinen Kupferkessi, dazu kommen Zucker und Rahm. Der Schwingbesen wirbelt, geführt vom Meister, durch die heisse Masse – und schon bald duftet es nach Nidletäfeli. «Mueti, hesch gseh?» Die Kinder ziehen ihre Eltern zum Stand, beobachten den Caramelier mit staunenden Augen. «Die Leute haben Freude, zuzusehen», sagt Ginsig. «Das ist eben Erlebnisgastronomie», fügt ein Besucher an, der auf seinen Sack Nidletäfeli wartet. Ginsig und sein Team stellen ihren Stand jedes Jahr an 220 Märkten auf. Der Langnau-Märit sei von allen der einträglichste. «Ob im Februar oder im November, hier hat es immer Volk.» 340 Millionen pro Jahr Deshalb hat der Schweizerische Marktverband ausgerechnet Langnau erkoren, um den Medien aus nah und fern sein Schaffen vorzustellen. Der Verband feiert heuer sein 100-Jahr-Jubiläum. 800 Mitglieder gehören ihm an, und landesweit seien 4900 Arbeitsplätze vom Markthandel abhängig. Jahresumsatz: 340 Millionen Franken. Und die Konkurrenz durch die grossen Einkaufscenter – macht sie den Markthändlern nicht zu schaffen? «Wer nach dem Motto ‹Geiz ist geil› lebt, wird bei uns nicht fündig», antwortet Otto Rindisbacher, Präsident der Berner Sektion. «Aber dafür bieten wir den Leuten Ambiente, Düfte, Gespräche. Manchmal ist der Markthändler auch ein bisschen Seelsorger.» Oder mit anderen, philosophischen Worten: «Ein Markt ist wie ein Teller. Je mehr Zutaten es drauf hat, desto besser ist es für die Menschen.» Die Daten sind fix In Langnau werden die Standplätze von der Gemeinde vergeben. Und dafür, dass der Zutatenmix stimmt, sorgt Marktchef Alfred Glauser. «Heute», erklärt Glauser auf dem Rundgang, «hätten wir noch Platz für weitere Imbissstände gehabt.» Trotzdem habe man Gesuche abgelehnt. Denn die Vielfalt sei ein Erfolgsrezept des Langnau-Märits, der übrigens 1467 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Damals hiess es, «dass ein Wynschenk wegen der vier grossen Jahrmäriten mangelbar sei». 80 Prozent Profis Mittlerweile finden in Langnau jährlich sechs Märkte statt – und zwar an fix vorgegebenen Daten, der gestrige Fasnachtsmärit zum Beispiel immer am letzten Mittwoch im Februar. «Daran gibts nichts zu rütteln», sagt Alfred Glauser. Würde einmal einer ausfallen, gäbe das einen Aufstand. Silvia Stämpfli vom Marktverband kann das bestätigen. «Hier in Langnau gibt es viele Leute, die in ihren Sonntagskleidern an den Märit kommen. Man spürt: Das ist ihr Tag.» 180 Stände umfasst der Langnau-Märit. Für manche Händler ist es eher ein Hobby, wie für Rudolf Röthlisberger, der hier seine selbst geschnitzten Tiere, Weinboxen und Vogelhäuser verkauft. Oder für den pensionierten Lokomotivführer Hansruedi Ramseyer, der Schuhe putzt und für den Schwager Lederbalsam verkauft. Etwa 80 Prozent der Stände werden aber an professionelle Markthändler vergeben. An Leute wie Angelo und Silvia Simonini. Bei ihnen duftet es nach Knoblauch. In allen Variationen bieten sie die Würzknolle an: Chili-Knoblauchzehen, Chnobliwürste, Knoblauchflocken. «In welchem Einkaufscenter finden Sie das sonst?», fragt Otto Rindisbacher, der Mann vom Marktverband. Markus Zahno>

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