Der Zorn über eine historische Panne

Als das Regime an einem chaotischen Pressetermin Berlins Mauer öffnete, ärgerte sich Eckhard Bibow in Ittigen vor dem Fernseher. Der letzte DDR-Botschafter in Bern stört sich noch heute an der eiligen Preisgabe der DDR.

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Als Eckhard Bibow am Abend des 9.Novembers 1989 in seiner Residenz am Brunnenrain im Berner Vorort Ittigen vor dem Fernseher sass, wuchs sein Zorn. Der Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in Bern verfolgte die Pressekonferenz des DDR-Zentralkomitees – erst auf dem DDR-Fernsehen, dann auf dem ZDF des westdeutschen Klassenfeinds, um sicherzugehen, dass er sich nicht verhört hatte.

Das Politbüromitglied Günter Schabowski verkündete völlig überraschend die Reisefreiheit für DDR-Bürger. Auf eine Nachfrage nach dem Termin las Schabowski seltsam verwirrt von einem Zettel ab: «Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.» Mit diesem offenbar nicht abgesprochenen Gestotter öffnete er am selben Abend die Berliner Mauer.

Vorschnell preisgegeben

Den Zorn über diese «unverständliche Äusserung» Schabowskis hört man dem 79-jährigen Eckhard Bibow noch heute an: «Der wusste gar nicht, was er da völlig unvorbereitet von seinem Zettel vorliest.» Die Grenzöffnung sei erst für den nächsten Tag geplant gewesen, am Abend des 9.Novembers seien die Grenzposten noch ohne jede Instruktionen gewesen. «Man kann doch eine Grenze nicht einfach ohne Befehl öffnen. Es ist ein Glück, dass die Grenzorgane nicht gegen den Ansturm der Bürger vorgegangen sind», kommentiert der letzte DDR-Botschafter in der Schweiz.

Für Bibow hat Schabowskis übereilter Auftritt mit dazu beigetragen, dass die DDR allzu schnell preisgegeben wurde. «Im westlichen Ausland gab es damals ein Interesse an zwei deutschen Staaten an Stelle eines grossen Deutschlands», sagt er. Viele hätten eine sanftere Annäherung der beiden deutschen Staaten gewünscht, eine echte Vereinigung, in die die DDR auch «ihre Werte, Waren und Errungenschaften» hätte einbringen können. So hätte die DDR auch noch länger weiterexistiert, glaubt Bibow. Unter dem Druck der finanzstarken BRD und der CDU von Kanzler Helmut Kohl sei die DDR aber ohne jede Mitbestimmungsmöglichkeit von der BRD faktisch geschluckt und ihre Wirtschaft verhökert worden.

Trauert Bibow dem Unrechtsstaat DDR nach? «Die DDR war ein international und auch von der Schweiz anerkannter Staat. Es mag in der DDR, wie in anderen Staaten auch, Unrecht gegeben haben, aber sie war kein Unrechtsstaat», wehrt er sich. «Unrechtsstaat» sei weder ein wissenschaftlicher noch ein juristischer Begriff, sondern nur «ein gegen die DDR angewandter politischer Kampfbegriff».

Dass der von der Sozialistischen Einheitspartei SED geführte Staat sich ändern und demokratisieren musste, das sei klar gewesen, räumt alt Botschafter Bibow dann doch ein. Er gehörte selber der SED an, «aus voller Überzeugung». wie er sagt. Heute ist er Mitglied der Partei Die Linke, die aus der SED-Nachfolgepartei PDS hervorging.

Berner Wohlwollen für DDR

Seinen Botschafterposten in Bern trat Bibow im September 1986 an. Die Beziehungen zwischen den zwei kleinen deutschsprachigen Staaten im Schatten der grossen BRD waren damals trotz des Kalten Kriegs erstaunlich gut. Bibow berichtet, dass für ihn damals in der Schweiz viele Türen offen gewesen seien, dass er mit allen Bundesräten Gespräche geführt habe, dass DDR-Unternehmen an der Basler Messe willkommen waren.

In Bibows Ära fallen besonders prestigeträchtige Treffen. Im November 1986 besuchte mit Ausbildungschef Roger Mabillard einer der ranghöchsten Schweizer Militärs eine ganze Woche lang die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR. SVP-Politiker und die NZZ kritisierten den neutralitätspolitisch heiklen Besuch. Später wurde eine Delegation des Nationalrats von der DDR-Volkskammer nach Ostberlin eingeladen.

Stasiposten in der Elfenau?

Kann Bibow Gerüchte bestätigen, wonach die DDR-Botschaft in der diskreten Villa an der Brunnadernstrasse 53 in der Elfenau, dem Berner Botschaftsviertel, ein Spionage-Aussenposten der berüchtigten DDR-Staatssicherheit (Stasi) war? Der Chiffreur und der Funker der Botschaft in Bern seien Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen, sagt Bibow. Es habe in der Botschaft überdies einen diplomatischen Mitarbeiter für «wissenschaftlich-technische Beziehungen» gegeben, der aber «ganz offizielle Kontakte gepflegt» habe.

Was sagt Bibow zu den Recherchen des Autors Peter Veleff, der in seinem Buch «Spionageziel Schweiz?» (Orell-Füssli 2006) davon berichtet, dass der Versand schwer zu beschaffender, ja gar für den Export gesperrter westlicher Waren über die DDR-Botschaft in Bern abgewickelt worden sei? «Das kann ich nicht bestätigen», sagt der Botschafter a.D.

«Vorgezogener Ruhestand»

Seinen Dienst in Bern hat Bibow am 9.September 1990 «aus eigenem Entschluss» quittiert. Fast einen Monat vor der Wiedervereinigung, die das offizielle Ende der DDR bedeutete. Zurück in Berlin, ging er in den «vorgezogenen Ruhestand», weil das neue Deutschland keine früheren DDR-Diplomaten übernehmen wollte.

Wie eine Ironie der Geschichte mutet es an, wer 1990 Nachmieter des DDR-Botschaftsgebäudes an der Brunnadernstrasse 53 wurde: der einstige grosse Bruder der DDR, die Sowjetunion. Da auch sie mittlerweile nicht mehr existiert, betreibt heute Russland im Haus im Berner Elfenauquartier seine Konsularabteilung.svb

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Erstellt: 07.11.2009, 00:33 Uhr

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