Das Potenzial der Kleinstadt

Die Band stammt aus Bern, ist nach einem Aargauer Dorf benannt und klingt nach Hamburg: Schöftland lässt sich schwer festlegen.

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Schöftland bezeichnet eine Gemeinde im aargauischen Suhrental mit 3500 Einwohnern. Schöftland ist ausserdem eine Band um den Berner Songschreiber Floh von Grünigen, die am Freitag in der Dampfzentrale ihr erstes Album mit hochdeutschen Indierock-Liedern tauft. «Der Schein trügt» – der Albumname ist Programm: Die Songs klingen ausgesprochen städtisch und wollen so gar nicht zur Provinz im Bandnamen passen.

«‹Schöftland› habe ich mal in einem Fahrplan gelesen», sagt Frontmann Floh von Grünigen. Er möge es, dass der Name zwar etwas Konkretes bezeichne, gleichzeitig aber Platz lasse für Interpretationen. «Wenn man nicht weiss, was Schöftland ist, klingt es irgendwie geheimnisvoll», sagt er. In Deutschland, wo Schöftland 2007 eine Tournee per Zug unternahmen und Anfang 2009 als Vorband des Songwriters Gisbert zu Knyphausen auf Tournee waren, kennt kein Mensch das Dorf im Aargau.

Die Berner Band dagegen kommt ennet der Grenze allmählich ins Gespräch. Die hochdeutschen Texte, sagt von Grünigen, scheinen beim deutschen Publikum gut zu funktionieren, «die Distanz ist weniger gross, weil die Sprache unmittelbarer ist», erklärt sich der 29-Jährige die guten Rückmeldungen aus dem Nachbarland. Nach wie vor erhält Schöftland E-Mails von deutschen Fans, die sich nach Konzertterminen erkundigen. «In der Schweiz erhält man nicht so viel direktes Feedback.»

Hamburger Exilschüler

In der Schweiz ist es auch schwieriger, Schöftland einzuordnen: Welche andere Band singt hier zu Lande schon hochdeutsch? Vielleicht die Aeronauten. Aber sonst? Rasch sind Vergleiche mit Deutschen zur Hand, mit Element of Crime oder mit Bands aus der Hamburger Schule, Tocotronic, Blumfeld. Floh von Grünigen ist sich längst auch skurrile Vergleiche gewohnt: «Jemand sagte einmal, Schöftland klinge wie Xavier Naidoo, nur nicht so gut.»

Dabei hat die Band keine konkreten Vorbilder. «Die Texte sind hochdeutsch, weil es meine Notizsprache ist», sagt er. «Und die meisten Bands, mit welchen wir anfangs verglichen wurden, kannten wir damals gar nicht.»

Familiensache

Damals, das war 2005, als Floh von Grünigen, bis dahin Schlagzeuger und Keyboarder in diversen anderen Bands, seine eigenen Texte vertonen wollte. Der gebürtige Berner Oberländer scharte vier ausgebildete Musiker um sich, darunter sein Bruder Kaspar (Bass), mit dem er schon bei der Mundartband Sonus Fluctus zusammenspielte.

Die erste Schöftland-CD erschien 2007: «Nur Touristen» enthielt sieben live eingespielte Lieder. Der erste Longplayer «Der Schein trügt» nun wäre schon seit einem Jahr praktisch fertig, mitsamt dem Cover, das von Grünigen selbst gemalt hat. «Aber es dauerte, bis wir ein Label gefunden hatten.» Das gelang zunächst nur für die Schweiz. In Deutschland soll das Album im Frühling erscheinen.

Für Türöffner ins Nachbarland haben Schöftland gesorgt. Bei zwei Stücken wirken Hamburger Songschreiber mit, Nils Koppbruch bei «Liebesbrief» und besagter Gisbert zu Knyphausen bei «Kleinstadt». «Auch hier in der Kleinstadt ist vieles global / auch hier in der Kleinstadt gibts grosses Potenzial», singt der Hamburger da für die Berner.

Tiefe statt Pointe

Das Potenzial einer Band aus der Kleinstadt beweisen Schöftland allemal. Und schon hat von Grünigen neue Lieder in petto. Seine Sprache ist bildhaft, oft abstrakt und reich an Wortspielen. «Wir wissen alles / nur nicht weiter», heisst es da, oder: «Wieder nur ’ne Kurznachricht / darauf lange warten / statt ein guter Rat von dir / soll ich dreimal raten.» Wie beim Bandnamen gilt auch bei den Texten: Es soll nicht alles auf den ersten Blick offenliegen, «ich mag es, wenn ein Text mehrere Ebenen hat», sagt er. «Das geht halt manchmal auf Kosten einer guten, direkten Pointe.» Und auch auf Kosten einer gewissen Eingängigkeit, die es wohl für einen Hitparadenhit bräuchte. Aber vielleicht trügt ja auch dieser Schein.Sarah PfäffliCD: Schöftland. Der Schein trügt. Chop Records. Ab 8.1. Plattentaufe: Fr, 8.1., Dampfzentrale, Bern. www.schoeftland.com >

Erstellt: 06.01.2010, 00:30 Uhr

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