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Geister und Ungeheuer lauern überall

Das Berner Oberland war schon immer Schauplatz von Gruselgeschichten. Hier einige (zum Teil leicht gekürzte) Beispiele von Sagen und Legenden: Die Geister auf der Jungfrau Wenn die Alpen unter der Last des Winterschnees begraben liegen, Menschen und Vieh zu Tal gezogen sind und in den zugeschneiten Hütten die Männer beim flackernden Kienspan Holzwaren schnitzeln und die Weiber an der altmodischen Spindel zupfen, beginnt die Herrschaft der Berggeister. Dann steigen sie aus ihren Sommerpalästen, den unzugänglichen Höhen des Finsteraarhorns, der Jungfrau und ihrer Nachbarn, tiefer herab in die niedrigen Gegenden, sammeln sich in den Schlünden und Tobeln der Felsen, scherzen mit der Wut der Elemente, heulen grausame Zaubergesänge, zu welchen der Sturm die Begleitung pfeift. Oft stellen sie sich auf die vereisten Firsten und fordern einander höhnend heraus, necken sich in lächerlichen Entgegnungen und werfen einander Schneelasten, ungeheure Lawinen zu. Da sie alles hassen, was Leben zeigt, üben sie auch gern und häufig die Jagd. Mit lautem Hallo jagen sie dann pfeifend, klappernd und rasselnd hinter den schönen Gämsen her. Ihr grösster Hass trifft aber die Menschen. Wehe daher dem Wanderer, der zu solcher Zeit sich in ihren Bereich wagt, oder dem Jäger, der ihr Revier durchstreift, dem Strahler, der ihre Wohnungen, das Bergesinnere, ihres schönsten Schmuckes, der Strahlen oder Kristalle, zu berauben trachtet! Ihnen allen droht der sichere Tod. Das wilde Heer Durch die Täler und über die Höhen unseres Landes zieht in dunkeln, stürmenden Nächten oft ein gespensterhafter Zug, das wilde Heer. Niemandem, der es ruhig seine Bahn dahinziehen lässt, tut es Leid an. Wer ihm begegnet, stellt sich zur Seite und lässt die flüchtenden Gestalten weiterziehen. Sie kehren auch oft in Stadeln, Ställen und Sennhütten ein. Darum muss man in gewissen Nächten die Türen offen lassen. So hörte einst ein Senn, welcher auf der Gasteren, der gewohnten Lagerstatt im Heu über dem Stall, schlief, darunter merkwürdige Stimmen, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Vorsichtig schlich er sich zur Futterlücke, um hinabzuschauen. Er ahnte, das wilde Heer sei bei ihm eingekehrt. Und wirklich, das Nachtvolk war in seiner Hütte. Die absonderlichen Gestalten hatten sichs bequem gemacht. Einige sassen um den russigen Herd, wo sie ein lohendes Feuer angesteckt hatten, während andere Spiegel, die schönste Kuh im Stall, von ihrem Platze losbanden, sie schlachteten und brieten und vergnüglich von ihrem Fleisch schmausten. Die Frechheit wurmte den Senn im Innersten. Er sprang auf und wollte dazwischenfahren, besann sich aber noch beizeiten und blieb stumm. Da richtete einer aus der geheimnisvollen Schar sein Auge nach ihm hin und bot ihm artig einen Bissen Fleisch von seinem Eigentum an. Er schlug nicht ab und ass das Stück, ohne ein Wort zu sagen. Nach vollendeter Mahlzeit verschwand das Nachtvolk wieder, das Feuer erlosch, und der Senn, noch immer gelähmt vor Furcht und Ärger, kroch auf sein Lager zurück. Des Morgens aber, wie er in den Stall hinunterstieg, dem Vieh zu warten, siehe, da stand auch der geschlachtete Spiegel wieder am altgewohnten Platze und brachte dem über alle Massen Erstaunten den üblichen Morgengruss dar. Doch, o Wunder! Am Hinterteil fehlte der Kuh ein Stücklein Fleisch. Der Kettenhund von Lauterbrunnen In alten Zeiten kam beim Schniêrahorn in der Wegmitte zwischen Lauterbrunnen und Wengen oft zu Neumondnachtzeit bei Sturmwetter ein riesigmächtiger Hund zum Vorschein. Der hatte feurige Augen, tellergross und schleppte eine glühende eiserne Kette nach. Mit dieser kam er herunter bis auf die Eybrücke gerasselt, bellte und jaulte schauerlich über alle Massen, dass das Echo zwischen Staubbach- und Schiltwaldfluh hin- und hergeworfen wurde. Niemand wusste, was es mit dem Untier für eine Bewandtnis hatte, niemand wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen, aber alle zitterten, wenn sie die grässliche Kette die Wengenkehre herunterschleifen hörten. Die Scheintote Früher befand sich der Gottesacker der Talschaft neben dem Herrenbächlein und rings um die Kirche. Draussen im Sandweidli war in einem Spendhaus die alte Rungga gestorben. Die Vorschrift, die Toten drei Tage im Hause aufzubahren, bevor man sie in den Schoss der Erde senkte, bestand damals noch nicht. In ein Leintuch geschlagen, trug man sie in den sechs Brettern auf den Talfriedhof. Aus irgendeinem Grunde schaufelte der Sigrist am Begräbnistag das Grab des Weibleins aus dem Sandweidli nur halbwegs zu. Als er am Abend am Grab der alten Runggen vorbeiging, hörte er aus der Erde heraus dumpfes Rufen und lautes Pochen. Er eilte zum Pfarrer und meldete ihm die schauerliche Wahrnehmung. Der schenkte ihm weder Gehör noch Glauben. Das Erlebnis drückte den Sigristen aber so schwer, dass er am gleichen Abend noch zum Kirchgemeindeoberhaupt ging und Öffnung von Grab und Sarg durchsetzte. Als man das vornahm, da lag die Alte wohl tot darin, aber auf dem Bauche und das Leintuch in einem Knäuel neben ihr. Nach dieser grauenvollen Begebenheit bekam der Tod im Tal wieder seinen Schrecken wie zur Zeit der Pestilenz, und wo er an eine Türe pochte, da bat der Sterbende die Angehörigen, bevor sie ihn der Erde übergäben, sich ja zu vergewissern, ob seine Seele den Leib auch wirklich verlassen habe. Entnommen aus:«Sagen aus dem Berner Oberland», gesammelt von Hermann Hartmann, Druck und Verlag Schlaefli AG. Und: «Ein Kratten voll Lautenbrunner Sagen», gesammelt von Hans Michel, Druck und Verlag Schlaefli AG. >

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