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Geister des Regenwaldes

LemurenMadagaskar ist Afrika, dennoch leben auf der viertgrössten Insel der Welt weder Löwen noch Elefanten oder Giraffen. Hier hat die

An diesem Tag ist es ganz trocken im Regenwald. Die Sonne gleisst zwischen den Äste der Palmen und Pinien hindurch. Das Laub knistert bei jedem Schritt. Es ist noch kühl, und Luc trägt einen Fleecepulli, der wie ein abgewetztes Fell aussieht. Entgegen dem madagassischen Motto «Mora Mora» – was so viel wie «immer mit der Ruhe» heisst – eilt er der Gruppe voraus, als müsse er den letzten Zug erwischen. Dabei ruft er mit piepsiger Mädchenstimme «Maki maki makiiiiii» durch das Dickicht, gefolgt von einem «sifakakakaaaa» in Jan-Fedder-Tonlage. Luc will seinen Gästen so viele Makis und Sifakas wie möglich zeigen. Er arbeitet seit zehn Jahren im Nationalpark Andasibe-Mantadia im Osten Madagaskars und weiss, wie man die Lemuren anlockt. Die seltsamen Geschöpfe gelten als Urahnen der Menschenaffen. Manche sind klein wie ein Daumen, andere gross wie Babys. Luc zeigt in die Krone eines Eukalyptusbaumes: Dort klammert sich ein Indri am Ast und schaut wie ein erschrockener Teddybär auf die Regenwaldneulinge herab. Er hat Puschelohren wie Staubwedel, und seine gelben Augen mit stecknadelgrossen Pupillen leuchten, als hätte er in seinem Innern eine Lampe angeknipst. Jeden Morgen singt er so laut, dass man ihn drei Kilometer weit hören kann. Die Melodie erinnert an eine Feuersirene oder ein Nebelhorn. Dennoch taugen seine Songs nicht als Wecker, denn Meister Indri ist ein Langschläfer – erst drei Stunden nach Sonnenaufgang wacht er auf, schmettert seine Morgenarie in den Wald und schwingt sich auf der Suche nach den saftigsten Blättern von Ast zu Ast. Der Indri ist die grösste von etwa 90 Lemurenarten auf Madagaskar. Der «achte Kontinent» Seit sich die Insel vor etwa 150 Millionen Jahren vom afrikanischen Festland abgelöst hat, konnten sich Rotstirnmakis, Schleichkatzen, igelähnliche Tenreks und Fleisch fressende Kannenpflanzen entwickeln – Tausende Tier- und Pflanzenarten, die man sonst nirgendwo auf der Welt findet! Und ständig werden neue entdeckt. Naturforscher bezeichnen die Insel wegen ihrer Artenvielfalt als «achten Kontinent». Kein Wunder, dass die Regenwälder an der Ostküste 2007 zum Weltnaturerbe ernannt wurden. Ein Wahrzeichen ist der Ravenala – der «Baum der Reisenden» – ein palmengrosses Bananengewächs, das Durstige mit Wasser versorgt, weil es in seinem Stamm bis zu zwei Liter Regen speichern kann. Auch die Lemuren sind nur hier zu Hause. Viele Madagassen sehen in ihnen die Geister ihrer Vorfahren. Ein besonders Unheimlicher ist der Aye-Aye. Er hat fledermausgrosse Ohren und einen langen Finger wie E.T., mit dem er Ameisen aus den Baumstämmen herauspult. «Crazy animal», sagt Luc dazu, «aber leider wuselt es nur nachts umher und ist kaum jemals zu sehen.» Lucs Lieblinge sind die lustigen Sifakas, grosse Blond-gescheckte mit roten Augen. Es hört sich an, als würden sie niesen, wenn sie Angst haben, und sie knurren, wenn sie zufrieden sind. Wandern und faulenzen Urlauber kommen nicht nur wegen der Lemuren nach Madagaskar. Sie besuchen die einzigartigen Affenbrotbäume, wandern durch das zerklüftete Felsmassiv im Westen oder faulenzen an den palmengesäumten Traumstränden. Zwei Wochen reichen bei weitem nicht für die Erkundung der Insel, die eineinhalbmal so gross wie Deutschland ist. Längst nicht alle Strassen sind asphaltiert, und die Fahrt über staubige Buckelpisten dauert oft Stunden. Seit dem Präsidentenputsch 2009 ist auch die Benzinversorgung nicht überall gewährleistet. Deshalb ist es ratsam, ein Auto mit einem Chauffeur, der sich auskennt, zu mieten. So vielfältig die Tierwelt ist, so verschieden sind auch die Einheimischen. Alle 18 Völker sind dunkelhäutig, und doch ist jedes anders, denn die Vorfahren stammen vom Festland, aus Asien, Arabien, von europäischen Seefahrern und französischen Kolonialisten. In einigen Stämmen sind Hexen- und Zauberglaube noch lebendig und das Wissen der Medizinmänner gefragt. Die Betsimisaraka an der Ostküste glauben an Meerjungfrauen und orakelnde Waldgeister. Sie führen ein sehr einfaches Leben, wohnen in Hütten, gebaut aus Ravenala-Stielen, leben vom Fischfang und bauen Reis, Kaffee und Vanille an. 80 Prozent der Vanille auf dem Weltmarkt wird in Madagaskar produziert. In den Städten und Touristenregionen hat man inzwischen auch Fernseh- und Handyempfang. Der hellhäutige Fremde – der «Vazaha» – wird fröhlich gegrüsst, und sobald er seine Digitalkamera aus dem Rucksack kramt, von neugierigen Kindern umringt, die sich gegenseitig schubsen, um aufs Bild zu kommen. Auf dem Land betteln (bisher) nur wenige um Bonbons. Knallrot vor Zorn Die Lemuren im Reservat Palmarium schnorren häufiger und dreister. Sylvain kann ein Lied davon singen. Jeden Morgen hocken die «Geister des Waldes» im Baum vor seiner Lodge, die am Ampitabe-See liegt. Sobald sich einer von ihnen nähert, um Bananen vom Frühstückstisch zu ergattern, verscheucht Sylvain ihn. Der Madagasse aus Andranokoditra musste sich erst an die vielen Tiere gewöhnen, als er vor 15 Jahren hierherkam. «Anfangs hatte ich besonders vor den Chamäleons Respekt. Als ich mal eines hochhob, wurde es knallrot vor Zorn, ich habe es schnell wieder auf den Ast gesetzt», erzählt Sylvain. Am Mittag serviert er Zebufilet vom madagassischen Rind mit Karotten und Zucchini. Immer wieder schweift sein Blick zum Baum hinauf. «Klar, ist es etwas anstrengend, die Tiere fernzuhalten, aber wenn ich sie zwei Stunden nicht gesehen habe, vermisse ich sie richtig» gesteht er. Dabei leuchten seine Augen fast so wie die der glutäugigen Kerlchen. Monika Hippe >

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