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Geigen-Galopp am Abgrund

Kultur-CasinoWider das Schwelgerische: Carolin Widmann machte das Violinkonzert von «Hollywood»-Komponist Korngold zur schnörkellosen «One-Woman-Show» – und vergass dabei das Berner Symphonieorchester.

Das Glatte und Gefällige mag sie nicht. Carolin Widmann (34) gilt als kompromisslose Verfechterin einer Musik jenseits der «schönen Töne», als «eigensinnigste Geigerin ihrer Generation», die es sich in den Kopf gesetzt hat, mit zeitgenössischen Klängen und Raritäten aus der Musikgeschichte den Klassikbetrieb aufzumischen. Flink, mit energischen Gesten äusserte sich die Deutsche Anfang Jahr im Gespräch mit dieser Zeitung über ihre Abneigung gegen den «Mainstream», gegen alles «Süssliche». Klänge aus der Traumfabrik Und nun das: Carolin Widmann, die «Anwältin der Revolutionäre», tritt an der Seite des Berner Symphonieorchester auf – mit einem Werk im spätromantischen Stil, das die Gefälligkeit und Publikumswirksamkeit zum Programm macht: Das Violinkonzert von «Hollywood»-Komponist Erich Wolfgang Korngold (1857–1957) nährt sich fast ausschliesslich aus Filmmusik, die der Exilant in den Dreissigerjahren für die Traumfabrik schrieb. Gewiss, da gibt es halsbrecherische Stellen, die zum Schwersten gehören, was für Violine geschrieben worden ist. Der rustikale Schlusssatz, in dem Korngold die Melodie aus dem Film «The Prince and the Pauper» (1937) zitiert, ist eine Tour de Force. Doch Korngold verband sie mit einem geradezu schwelgerisch-beschwipsten Breitwand-Sound. Avantgardistisch war das auch zu Korngolds Zeiten nicht. Und von einem «Geheimtipp» kann spätestens seit der viel gelobten Einspielung von Anne-Sophie Mutter (2004) keine Rede mehr sein. Rauhe Modernität Was macht nun Widmann daraus? Im giftgrünen Kleid betritt die Deutsche das Podium, und schon die ersten Takte machen klar: Da tritt eine Violinistin an, die wenig von jener sinnlich-warmen Tonfülle hält, mit der Anne-Sophie Mutter das Violinkonzert ausgestattet hat. Widmann sucht auch nicht die grossen Melodielinien, sie stöbert nach der Brüchigkeit, der rauhen Modernität. Direkt und schnörkellos geht sie ans Werk, mit Sinn für die Extreme: Manche Passagen wirken überraschend nachdenklich und zerbrechlich. Umso kühner präsentieren sich die raschen Läufe, gerade im Schlusssatz, der klingt wie ein teuflischer Geigengalopp dem Abgrund entlang. Erfrischend ist das allemal. Und doch: Widmanns Spiel scheint an diesem Abend seltsam routiniert, als «One-Woman-Show» einer Interpretin, die kein Rechts und Links kennt, obwohl da noch ein Symphonieorchester wäre – mit einem versierten Gastdirigenten von auffälliger Unauffälligkeit. Christoph Poppen, der deutsche Dirigent und Violinist, verzichtet nicht auf schlagende Akzente – namentlich am Ende des ersten Satzes, wo der Solopart donnernd zum Schweigen gebracht wird. Ansonsten bemüht er sich um einen Zugriff, der dem Werk – durchaus im Einklang mit Widmanns Interpretation – einiges von seiner «hollywoodesken» Dimension nimmt. Die Umsetzung überzeugt indes nur bedingt: Dem begleitenden Orchester fehlt es an Eleganz und Farbe. Und wenn Widmann im Finale zu ihrem Galopp ansetzt, hinkt das Orchester wie ein schwächelnder Gaul hinterher. Bereits zu Beginn des Abends – in Mozarts «Haffner»-Symphonie – zeigten sich die Grenzen des Orchester: So klug das Werk von Christoph Poppen durchgestaltet wurde, fehlte es vor allem den Streichern an der nötigen Wendigkeit und Prägnanz, um die Leichtigkeit und Festlichkeit der Symphonie zu vermitteln. Es war ein recht gemütlicher Mozart, kaum auf der Höhe der Zeit. Plädoyer für Nielsen Erst nach der Pause ist der Klangkörper in seinem Element – bei der 2.Symphonie des dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865–1931), die in vier Sätzen die «vier Temperamente» karikiert, wie sie in der antiken «Viersäftelehre» entwickelt wurden: den Choleriker, den Lethargiker, den Melancholiker und den Sanguiniker. Letzterer stürmt als leichtsinniger Draufgänger im Schlusssatz munter vorwärts, bis er jäh ins Klangloch fällt. Das Orchester spielt das Werk mit grosser Geste, ohne die Finessen aus den Augen zu verlieren. Schneidend präsentieren sich die Blechbläser, präzis und energisch der neue BSO-Paukist Didier Métrailler. Es ist ein vehementes Plädoyer für eine kaum bekannte Symphonie, die nie glatt und gefällig daherkommt und wohl auch Carolin Widmann gefallen würde, die vielleicht schon auf dem Weg zum Flughafen ist. Oliver Meier>

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