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Freud und Leid des Kontrolleurs

Sie sind fast täglich auf

Es ist kalt an diesem Morgen. Im Bus der Linie 4, die ins Thuner Lerchenfeld führt, sitzen nur eine Handvoll Fahrgäste; die meisten über 50 Jahre alt, nur gerade ein junger Mann in Arbeitskleidung, der einen Werkzeuggurt umgeschnallt hat. An der Haltestelle Kleine Allmend steigen zwei Männer in den Bus, einer bei der hinteren Türe, einer bei der vorderen. Der eine sitzt ab, der andere bleibt stehen. «Nichts ungewöhnliches», denkt sich wohl der junge Mann, um nur wenige Minuten später zu bereuen, dass er heute genau diesen Bus genommen hat – ohne ein Billett zu lösen notabene. Denn die beiden Männer, die sich nicht zu kennen scheinen, sind – obwohl in Zivil– keine gewöhnlichen Fahrgäste. Nachdem sich der Bus wieder in Bewegung gesetzt hat, zücken sie ihre Ausweise. «Fahrausweiskontrolle», tönt es praktisch gleichzeitig am vorderen und am hinteren Ende des Busses. Leben kommt in die wenigen Fahrgäste. Der junge Mann sitzt in der Falle. Seine Ausrede, er müsse an der nächsten Haltestelle aussteigen, hilft nichts. Als der Kontrolleur mit ihm aus dem Bus steigen will, überlegt er es sich kurzerhand anders. Und nimmt anschliessend zerknirscht die Busse von 80 Franken entgegen. Typische Schwarzfahrer? Er habe es dem jungen Mann sofort angesehen, dass er ohne Fahrschein unterwegs sei, sagt Kontrolleur F.S.*. Verraten habe ihn seine Reaktion, als sie sich als Kontrolleure zu erkennen gaben. Nach 22 Jahren Erfahrung entwickle man einen Riecher für so was, sagt der 58-Jährige. Den typischen Schwarzfahrer gebe es allerdings nicht. «Wir haben auch schon Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, beim wiederholten Schwarzfahren erwischt», sagt der 52-jährige R.W.*, der zweite Mann im Kontrollteam. Die beiden sind zwei von 15 Kontrolleuren der Thuner Verkehrsbetriebe STI (siehe Kasten). In den über 20 Jahren, in denen beide schon unterwegs sind, haben sie schon so ziemlich jede Ausrede gehört, die man sich ausdenken kann. Zu den häufigsten gehört auch jene, die der junge Mann an diesem Morgen gebracht hat. «Letzthin hat mir eine Frau gesagt, ihr Mann sei vor drei Monaten gestorben. Da löse sie nun sicher kein Billett für sich», erinnert sich F.S. an ein skurriles Beispiel. Beliebt sei auch der Trick, die Personalien eines Freundes, der ein Abo besitzt, anzugeben. Meist erfolglos. «Wir kommen Betrügereien eigentlich immer auf die Spur», sagt der 58-Jährige. Wer sich nicht ausweisen könne, dessen Personalien werden von der Polizei überprüft. Schwarzfahren lohnt sich nicht; das muss auch der Ertappte auf der Buslinie 4 schmerzlich erfahren. Brenzlige Situationen Nicht immer gehen Kontrollen allerdings so problemlos über die Bühne wie in diesem Fall. «In den letzten Jahren ist der Umgang rauer geworden», sagt F.S., der bei der STI auch für die Ausbildung der Kontrolleure zuständig ist. So musste vergangenes Jahr beispielsweise ein Kontrolleur ins Spital gebracht werden, nachdem ihn ein Schwarzfahrer angegriffen, verletzt und schliesslich noch seinen Hund auf ihn gehetzt hatte. «Es gibt manchmal brenzlige Situationen, besonders spät nachts oder am Wochenende, gerade auch wenn wir mit einem Fahrgast aussteigen müssen», sagt R.W. Im Gegensatz zum Busfahren ist die Fahrscheinkontrolle bei der STI deshalb bis heute Männerdomäne geblieben. Und: Die 15 Kontrolleure sind stets in Teams von mindestens zwei Personen unterwegs. «Kontrollieren wir auf Linien mit den langen Gelenkbussen, sind wir immer zu dritt», erklärt F.S. Trotz der latenten Gefahr, die immer mitfährt: Die Kontrolleure verfügen über keine spezielle Ausbildung, um sich gegen tätliche Angriffe zu wehren. «Solche Ereignisse kommen alles in allem doch relativ selten vor», betont F.S. Weitaus schlimmer seien hingegen verbale Attacken. «Beschimpfungen und Beleidigungen werden leider immer häufiger», sagt R.W. Zu schaffen machen würden ihnen vor allem Drohungen, die zum Teil auch gegen ihre Familien gerichtet seien. Aus diesem Grund steht auf den Ausweisen, die die Kontrolleure stets vorweisen müssen, neben dem Foto an Stelle des Namens lediglich ein dreistelliger Zahlencode. Nebst einer dicken Haut helfe bei schwierigen Situationen vor allem der Austausch mit den Teamkollegen, sagt R.W. «Psychohygiene nennen wir das.» Nicht Jäger, nicht Polizist Trotz solcher Erlebnisse; «die positiven Erfahrungen überwiegen bei weitem», sagt F.S., der sich weder als Schwarzfahrerjäger noch als Polizist verstanden haben will. «Wir repräsentieren die STI gegen aussen. Zu unseren Aufgaben gehört beispielsweise auch die Beratung der Kunden – und wenn die Zeit reicht auch ein kleiner Schwatz.» Besonders schön sei, dass man als Kontrolleur so viele Menschen kennen lerne und diese immer wieder treffe, betont R.W.: «Da entwickelt man manchmal sogar zu notorischen Schwarzfahrern eine gewisse Beziehung.»Lilly Toriola *Auf Wunsch der STI und aus Personenschutzgründen wurden die Namen der beiden Kontrolleure anonymisiert.>

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