Der Gnomenvater findet wieder Worte

Schwarzenburg

Nach einem Hirnschlag letzten Herbst verlor Jürg Ernst die Sprache – aber nicht seinen Humor. Über den Winter hat der Künstler seinen Gnomengarten um eine Skulptur erweitert und wieder sprechen gelernt.

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Anna Tschannen

Jürg Ernst spricht eigentlich wie immer: Schnell, überlegt und witzig. Einzig bei komplizierten Fremdwörtern kommt es vor, dass der Schöpfer des Schwarzenburger Gnomengartens ins Stocken gerät. Dann setzt er noch einmal an, meist funktioniert es dann auch mit den schwierigen Wörtern. Das fällt nicht weiter auf, ist jedoch absolut beeindruckend, wenn Jürg Ernst vom letzten Herbst zu erzählen beginnt.

Diagnose: Hirnschlag

Kaum war die Saison des Gnomengartens zu Ende, begann für Jürg Ernst eine ganz andere Geschichte: Mitten in den Aufräumarbeiten nach der Finissage im Oktober fiel der Gnomenvater um und verlor das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, beugten sich seine Ehefrau Maria Messerli und der Arzt mit sonderbaren Mienen über ihn. «Das fand ich komisch, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass es mir schlecht ging», erinnert sich Ernst. Er stand auf, sagte vermeintlich, er gehe nach den Hühnern sehen und ging nach draussen. Erst als er wieder ins Haus zurückkam, realisierte er, dass mit seiner Sprache etwas nicht in Ordnung war. Offenbar hatte er sich nicht verständlich machen können. Die Diagnose: Hirnschlag.

«Wie ein Drittklässler»

Erst in der Neurologischen Uniklinik am Inselspital realisierte Jürg Ernst, wie bedrohlich sein Zustand war: «Ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich einzig nicht mehr reden konnte. Da hatte es so viele Leute mit Lähmungen.» Das wäre für den Künstler, der seit Jahren Betonskulpturen für seinen Gnomengarten fertigt, eine Katastrophe gewesen.

Es folgten Wochen des Sprachlernens bei einer Insel-Logopädin: «Da fühlt man sich wieder wie ein Drittklässler, der buchstabieren lernt.» Besonders amüsiert hat sich Ernst darüber, dass er oft Wortsilben verkehrt herum zusammengesetzt hat. Das passiert noch heute manchmal. Der Cartoonist Pfuschi, ein Freund des Gnomenvaters, fertigte eine Karikatur, die Aufschluss über das Leiden von Jürg Ernst gibt: «Gmeart-n-ate scht seien ortsatz» steht über einem Mann, der einigermassen ratlos den Rest des Buchstabensalats mustert. «Das konnte ich dann den Leuten zeigen, wenn ich mich nicht ausdrücken konnte», sagt Ernst.

Betonieren als Ablenkung

Kaum war er wieder zu Hause an der Milkenstrasse in Schwarzenburg, arbeitete Ernst weiter an seiner neuesten Skulptur. Ein Voyeur ist es geworden, der sich mit langem Hals über den Eingang zu Gaias unterirdischem Reich beugt. Die Krawatte flattert im Wind, mit dem Zwicker sieht er so gut in das Kellergewölbe hinunter, dass er gar nicht merkt, wie sehr ihm der Sabberfaden zum Mund heraushängt. Die Idee dazu trug Jürg Ernst schon länger mit sich herum, «Monsieur le voyeur» hat nichts mit seiner Erkrankung zu tun. Das wird sich vielleicht nächsten Winter ändern: Der Gnomenvater plant, eine Persiflage auf Rodins «le Penseur» zu bauen.

Weiter wie gewohnt

Mit dem Fortschritt der Arbeiten an der Skulptur kamen auch die Worte wieder. Unterdessen hat Ernst mit dem Logopädieunterricht aufgehört. Nun hat er auch wieder eine Menge anderes zu tun, die Saison steht vor der Tür: Anfang Juni feiert der Gnomengarten Vernissage (siehe Kasten). Die privaten Führungen und öffentlichen Wochenenden werden wie geplant stattfinden, versichert Ernst. Er spürte eine Verunsicherung bei den Leuten, «viele fragten sich vermutlich, ob der Gnomengarten überhaupt noch weiterhin offen ist». Das ist er: Auch wenn Jürg Ernst etwas schneller ermüdet als vor dem Hirnschlag – der Gnomenvater wird wie üblich seinen skurrilen Garten höchstpersönlich vorstellen.

Berner Zeitung

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