«Es war wie eine abgestorbene Seele»

Freiburg

Über 100'000 Verdingkinder gab es im 20. Jahrhundert in der Schweiz. Einige von ihnen haben als Erwachsene für das Projekt «Verdingkinder reden» Zeugnis abgelegt. Jetzt gastiert die Ausstellung in Freiburg.

Die Ausstellung über Verdingkinder ist bewusst subjektiv: Im Zentrum stehen die Erinnerungen.

(Bild: Alain Wicht)

Die Ausstellung «Verdingkinder reden», die morgen im Museum für Kunst und Geschichte Freiburg eröffnet wird, ist in erster Linie eine Ausstellung zum Hören: Kernelement sind vier Hörstationen, an denen ehemalige Verdingkinder von ihrem Leben in den fremden Familien erzählen. Es sind Zeugnisse, die berühren und aufrütteln. Es sind Geschichten von einsamen, ausgenutzten und misshandelten Kindern, Geschichten aber auch von überforderten Familien, von grenzenloser Armut und von Behörden- und Kirchenvertretern, die viel zu lange die Augen schlossen.

Eine Frau erzählt von der «Demütigung, sich auszuziehen und auspeitschen zu lassen». Eine andere erinnert sich an das Sprechverbot bei Tisch und daran, dass man nur über sie, nicht aber mit ihr gesprochen habe. Eine dritte berichtet von systematischen Vergewaltigungen und darüber, dass sie irgendwann aufgehört habe, sich zu wehren: «Es war wie eine abgestorbene Seele.»

Noch viele Lücken

«Verdingkinder reden – Fremdplatzierungen damals und heute» ist eine Wanderausstellung, die seit 2009 in Bern, Lausanne, Basel, Baden, Chur, Zürich und im Thurgau zu sehen war. Weitere Stationen sind bis 2013 geplant. Ziel sei, ein breites Publikum für das Thema der Fremdplatzierungen zu sensibilisieren und den ehemaligen Verdingkindern eine Stimme zu geben, sagte Projektleiterin Jacqueline Häusler am Dienstag vor den Medien.

Durch die Ausstellung, durch verschiedene Publikationen und Forschungsarbeiten und nicht zuletzt durch den Film «Der Verdingbub» ist das Verdingwesen in jüngerer Zeit vermehrt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas ist jedoch nach wie vor sehr lückenhaft. Man schätze, dass im 20.Jahrhundert in der Schweiz mehr als 100000 Buben und Mädchen fremdplatziert worden seien, so Häusler. «Oft waren Familien aus purer Armut gezwungen, ihre Kinder wegzugeben.» Sehr häufig seien es aber auch Fälle gewesen, in denen die Behörden den Eltern ihre Kinder gegen deren Willen weggenommen hätten. «Dies passierte, wenn eine Familie nicht den sozialen Normen entsprach, wenn die Eltern sich etwa scheiden liessen oder wenn eine Mutter unverheiratet war.»

Die Aussagen der Ausstellung beruhen auf rund 300 Interviews. Diese sind zwischen 2003 und 2007 im Rahmen von zwei Forschungsprojekten in Basel und in Lausanne entstanden und beziehen sich auf die Zeit von 1920 bis 1960. Das Ergebnis ist bewusst subjektiv: Im Zentrum stehen die Erinnerungen der Interviewten.

«Gefallene Mädchen»

Auch in Freiburg bleibe bei der Erforschung des Themas viel zu tun, sagte Verena Villiger, Direktorin des Museums für Kunst und Geschichte. Wie an allen Ausstellungsorten gibt es hier eine regionale Ergänzung. Ein Thema ist beispielsweise das Institut Bon Pasteur in Uebewil, wo von 1926 bis 1964 «gefallene und lasterhafte» Mädchen untergebracht waren.

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