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Fang zur Blauen Stunde

Bei jeder Witterung fährt Berufsfischer Silvano Solcà aus Gerolfingen im Morgengrauen hinaus. Hechte, Zander, Egli und vor allem Felchen zieht er aus dem Wasser, bis zu 150 Kilo pro Tag. Eine Fahrt mit ihm auf dem Bielersee.

Nein, schneien wird es heute wohl nicht. Der Blick in den nachtschwarz verhangenen Himmel über dem See lässt hier und da Risse in der Wolkendecke vermuten, vielleicht wird es für einzelne Sonnenstrahlen reichen. Das Garagentor schliesst sich. Tief liegt die Decke in dem mit Brettern verschlagenen Raum. Über einen schmalen Gang geht es im Dunklen durch einen anliegenden Schuppen, in dem unzählige Fischernetze hängen, und weiter in die dahinterliegende Kammer. Mit schnellen Griffen zieht sich Berufsfischer Silvano Solcà eine Öljacke über den dicken Wollpullover, steigt in ein Paar weite Fischerhosen, tauscht das Béret gegen eine Schirmmütze mit Nackenschutz, bis nur noch sein Schnauz und die wachen Augen zu sehen sind. Dann streift er sich Handschuhe über, packt zwei Plastikkisten und geht los. Frühmorgens auf den See Es ist kurz nach sechs Uhr früh. Leise schlägt das Wasser an die Rampe im Bootshaus. Schwarz wie Öl spiegelt die Seefläche das schemenhafte Licht, bevor der Tag anbricht. Zwei kleine Fischerboote, je kaum grösser als ein Ruderboot, schaukeln sanft an der Anlegestelle. Das Quecksilber zeigt zwei Grad unter null. Silvano Solcà streut eine Handvoll Salz über den Bootsboden, das Wasser könnte gefrieren. Dann wirft er den Motor an. Behutsam gleitet das Fischerboot den kleinen Hafen hinaus. Hinter der Mole dreht der Motor voll auf. Der Bug hebt sich, die Gischt spritzt, das Kielwasser zieht eine weiss schäumende Spur. Eisig schlägt der Fahrtwind ins Gesicht. Innert Kürze hat das Boot die Mitte des Sees erreicht, bald schon scheint die Silhouette der nördlich gelegenen Jurakette näher als das Schilfufer im Süden. Die Häuser von Twann tauchen aus dem Dunkel auf. Silvano Solcà drosselt den Motor, greift zu einem Scheinwerfer. Nur fünf Meter weiter vorne dümpelt lautlos ein leerer Plastikkanister auf der Wasserfläche. Auf Anhieb hat der erfahrene Fischer die Stelle, wo seine Netze ausgelegt sind, gefunden. Nun knipst er die Lampe an dem kleinen Mast des Fischerbootes an und zieht das Netz aus der Tiefe. Von Hand. Rechts ein Zug, links ein Zug, das Boot wippt sanft hin und her. Gut 40 Meter unter der Wasseroberfläche sind die Netze ähnlich wie auf einem Tennisplatz über dem Grund gespannt, zwei bis sieben Meter hoch. Ob sich Felchen in den Maschen verfangen haben? Ein silberner Schimmer scheint im Licht der Lampe auf. Der Fischer greift zu, löst den Fisch aus den feinen Maschen. Ein dumpfer Schlag auf der Bootskante, dann landet der erste Fisch in der Kiste. Rechts, links, das Boot wippt weiter, dann wieder ein silberner Streifen, der dumpfe Schlag, ein weiterer Fisch, wieder ein Felchen. Die Ausbeute scheint nicht schlecht zu sein. Rechts, links, diesmal wiegt das Netz schwer. Tatsächlich, ein Hecht hat sich in die Maschen verbissen. «Etwa ein Kilo», schätzt Solcà, ein eher kleines Tier. Gestern hat er einen zehn Kilo schweren Brocken gefangen, den er heute einem Restaurant liefern wird. Der Hecht kommt in einen mit Seewasser gefüllten Kanister. Verbreitetes Felchen Das Felchen ist der häufigste Fisch der Schweizer Seen, nicht Egli, der zumeist aus dem Ausland eingeführt wird und als Edelfisch gilt. «Dabei hat Felchen das feinere Fleisch. Egli hingegen ist praktisch geschmacklos», erklärt Solcà. Etwa zwanzig Felchen löst der Berufsfischer aus dem ersten Netz, daneben auch ein paar Weissfische und noch einen weiteren Hecht. Solcà knipst die Lampe aus, wirft wieder den Motor an und schnellt in seinem Boot zurück über den See. Fünf Schwebnetze, die er vor dem südlichen Seeufer in gut 20 Meter Tiefe ausgehängt hat, will er jetzt sichten. Hinter dem ersten grossen Plastikkanister ziehen sich in Abständen kleine Schwimmer über den See und zeichnen an der Wasseroberfläche nach, wo das Netz liegt. Aufzucht in der Brutanstalt Die Fischplätze sprechen die Berufsfischer untereinander ab. Meist setzen sie dabei die Tradition aus der Familie fort, denn wie Solcà haben die meisten den Betrieb vom Vater übernommen. Zehn Patente hat die Fischereiaufsicht für den Bielersee gesprochen, zwölf Berufsfischer gibt es am See. Ein neues Patent zu erhalten ist schwierig. Denn selbst wenn der Fang von heimischem Fisch nachhaltiger ist als der der meisten Meeresfische, gilt es auch hier, die Fischgründe nicht zu überfischen. Von Mitte Oktober bis Ende Dezember ist Schonzeit für die Felchen, März und April Schonzeit für den Hecht. «Dann machen wir Laichfänge», so Solcà. Die Tiere werden gestreift, dass heisst, ihnen werden Eier und Samen entnommen, die dann zur Aufzucht in die Kantonale Brutanstalt nach Ligerz kommen. «Wie die Bauern das Feld, so müssen auch wir die Fischbestände sorgfältig bewirtschaften», sagt Solcà. Kräftezehrender Job Erste Sonnenstrahlen überziehen die Wasserfläche mit goldenem Licht: Acht Uhr ist es, als Silvano Solcà sein Boot in den Hafen zurücksteuert. Etwa dreissig Kilo Felchen, zehn Kilo Rotaugen, acht Hechte, ein Zander, drei Trüschen und ein Egli bringt der heutige Fang ein. Nicht schlecht für die Jahreszeit. Hauptsaison ist in den Sommermonaten, dann zieht Solcà an einem Tag bis zu 150 Kilo Fisch aus dem Wasser. Bereits um vier Uhr früh steht er dann im Boot und sichtet die im See ausgelegten 3,2 Kilometer Netz. Die Fische dürfen im warmen Wasser nicht verderben. Bis zum Mittagessen muss der Fang verarbeitet sein. Auch heute noch, wenn Solcà heimkommt, heisst es: entschuppen, filetieren, entgräten, räuchern, vakuumieren, einfrieren, ausliefern. Am Nachmittag dann werden die Netze gelöst. Liegen Bestellungen vor, bereitet der zweifache Vater mit seiner Frau Fisch auf Apéroplatten oder im Bierteig frittiert für Feste vor. So erwirtschaftet er sich einen notwendigen Zusatzverdienst.Anne-Sophie Scholl ;>

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