Zum Hauptinhalt springen

«Es geht hier um die fehlende Moral»

Seit einigen Wochen sorgt die

Wenn man das ganze Hin und Her im Fall Hildebrand betrachtet: Ist der ehemalige Nationalbankpräsident unter dem Strich mehr Opfer oder doch mehr Täter? Christian Haas (wie aus der Pistole geschossen): Ganz klar Täter! Er hätte in seiner Position die Geldangelegenheit besser kontrollieren und entsprechend reagieren müssen. Ein Vergleich: Es geht doch nicht, dass derjenige, der Lottozahlen zieht, im Nachhinein noch selber einen Tippschein ausfüllt. Hanspeter Buholzer: Er ist ein Opfer. Ein Opfer seiner Frau. Thomas Müller: Ich denke, sowohl als auch. Moralisch trifft ihn sicher eine Schuld. Michel Gygax: Wir wissen in diesem Fall ja längst nicht alles. Wir müssen aufpassen, dass wir uns als Aussenstehende bei der Beurteilung nicht wichtiger machen, als wir sind. Ich selber bin gespalten bei dieser Frage. Er spielte in der Spitzenliga – aber er genügte dort wohl nicht. Rosmarie Bernasconi: Ich denke, er ist wohl beides. Es gab ja schon immer gewisse Kreise, die ihn von seinem Posten verdrängen wollten. Und er wurde in der Geldangelegenheit seiner Frau sehr rasch vorverurteilt. Man darf einfach etwas nie vergessen: Es geht hier auch um einen Menschen. Buholzer: Aber ein Spekulant war er zweifelsohne. Und das finde ich gruusig. Es geht nicht um Millionen, die verschoben wurden. Und auch nicht um Millionengewinne. Wurde da aus einer Mücke ein Elefant gemacht? Bernasconi: Ganz klar! Ich finde bireweich, was da losgetreten wurde. Müller: Aber es ist halt schon so: Wenn der Name Blocher ins Spiel kommt, gibts Schlagzeilen. Und das kann eine Lawine auslösen. Gygax: Die ganze Angelegenheit wurde total aufgeblasen. Und die Medien sind voll auf den Hype aufgesprungen Buholzer (poltert): also Moment mal. Der Hildebrand hat doch den Elefanten gemacht. Wer soll denn jetzt daraus eine Mücke machen? (Die Runde grinst.) Haas: Genau. Für mich handelt es sich hier um den grössten Skandal seit der Fichenaffäre. Zuerst wollte man alles unter den Teppich kehren. Man wollte nicht wahrhaben, worum es geht. Die Behörden versagten, und alle haben immer nur häppchenweise zugegeben, was man bereits nachweisen konnte. Müller: Zwischenfrage: Gegen welches Gesetz hat Philipp Hildebrand denn eigentlich verstossen? Haas: Es geht hier in erster Linie um die fehlende Moral. Müller: Aber wenn es um Moral geht, möchte ich auch mal wissen, wen und was zum Beispiel Christoph Blocher mitfinanziert. Buholzer: Moralisch richtig gehandelt hat hingegen der Whistleblower. Aber eben: Es geht um einen Gewinn von 75000 Franken Haas: nein, darum geht es eben nicht Buholzer: er hätte auch zurücktreten müssen, wenn es bloss um einen Stutz gegangen wäre. Gygax: Da kam doch eindeutig Insiderwissen zum Zug. Und für Wirbel sorgte nicht zuletzt seine hohe Position. Bernasconi (wiegt den Kopf hin und her): Aber wer kam denn schliesslich zu Schaden? Müller: Das ist wohl nicht das Zentrale: Man muss nun einfach eine gesetzliche Lücke stopfen. Dafür sorgen, dass ein ‹Fall Hildebrand› in Zukunft nicht mehr möglich ist. Querbeet wurden in dieser Affäre von fast allen Beteiligten widersprüchliche Informationen, Halb- oder gar Unwahrheiten verbreitet Buholzer: und es ist blanker Zynismus, wenn man nicht zu Wahrheit und Ehrlichkeit steht. Haas: Ich finde das ganz schlimm. Es gibt offensichtlich kein Ehrenwort mehr. Gygax: Es ist aber wohl in allen Gesellschaftsschichten so: Ein Teil der Leute neigt eher zur Wahrheit, ein anderer halt nicht. Müller: Also mich erstaunt das überhaupt nicht. Die verschiedensten Interessen spielen bei dieser Affäre doch eine Rolle. Da ist es eigentlich logisch, dass nicht gleich die ganze Wahrheit auf den Tisch kommt. Wie denkt ihr eigentlich über die Beziehung Blocher - SVP - «Weltwoche»? Haas: Also das ist wirklich problematisch. Das riecht nach Klüngel. Gygax: Gewisse Medien sind wohl immer stärker von reichen Leuten abhängig. Und dass Reiche Einfluss nehmen, ist nachvollziehbar. Müller: Ich als SPler habe damit keine Mühe. Jeder weiss ja, dass die «Weltwoche» SVP-lastig ist. Das ist ihr gutes Recht. Welche Beteiligten haben in dieser Angelegenheit das Gesicht verloren? Die ganze Runde unisono: Alle! Gibt es auch Gewinner? Buholzer: Schliesslich vielleicht die politische Moral. Bernasconi: Ganz sicher die Anwälte. Müller: Die Moralisten. Gygax: Die Transparenz. Und sicher auch die Medien, die so viel darüber berichten konnten. Haas: Ein Gewinn ist sicher auch, dass man wieder einmal merkt, dass in diesem Land schliesslich alle «drankommen» können. Zum Schluss noch etwas rein Hypothetisches. Falls ihr in der Position des Nationalbankpräsidenten wärt: Seid ihr sicher, dass ihr keine spekulativen, brisanten Finanzgeschäfte abwickeln würdet? Haas: Nein, so etwas würde ich nie tun. Buholzer: Ich würde sicher darauf verzichten, bei einem so hohen Lohn noch mehr Geld zu scheffeln. Mehr als sechs Koteletts kann ich pro Tag ja gar nicht essen. (Lacher links und rechts) Gygax: Ich würde es wohl nicht machen, weil ich zu Sicherheit neige und nicht zu Spekulation. Müller: Hmmm Ich weiss nicht so recht. Falls alles im gesetzlichen Rahmen abgewickelt wird und niemand zu Schaden kommt? Hmmm Bernasconi: Ganz ehrlich: Ich würde mir selber wohl nicht hundertprozentig über den Weg trauen. Gespräch/Text: Christian Werder>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch