Zwei, die anpacken

Ruth und Christian Widmer helfen beim Mahlzeitendienst in Heimiswil mit. Sich in der Gemeinde engagieren, ist für die beiden eine Selbstverständlichkeit.

Ruth und Christian Widmer verladen beim Seniorenzentrum Oberburg Mahlzeiten in ein Auto.

Ruth und Christian Widmer verladen beim Seniorenzentrum Oberburg Mahlzeiten in ein Auto.

(Bild: Adrian Moser)

Franziska Zaugg

Nach seiner Pensionierung wollte Christian Widmer weiterhin etwas tun. Etwas Sinnvolles sollte es sein, «etwas, das anderen nützt», wie er sagt. So meldete sich der ehemalige Schreiner und Zimmermann bei der Gemeindeverwaltung Heimiswil und bot an, beim Mahlzeitendienst mitzuhelfen. Bei dieser von der Gemeinde organisierten Dienstleistung werden betagte und beeinträchtigte Personen täglich mit einer Mahlzeit beliefert (siehe Infobox).

An seine erste Tour vor fünf Jahren kann sich der 72-Jährige nicht mehr erinnern. Über eine Begebenheit muss er aber heute noch schmunzeln: Es komme vor, dass eine ältere Person vergesse, dass sie mittags mit Essen beliefert werde. So auch jene Frau, welche zusammen mit ihrem Sohn auf einem abgelegenen Heimetli lebte. «Als ich das erste Mal vor ihrer Haustüre stand, schaute sie mich verdutzt an, öffnete eine der Boxen und rief freudig: ‹Das ist ja gekocht und warm, das kann ich ja gleich essen.›» Tags darauf habe ihn die Frau bereits erwartet und ihm mit einem Lächeln mitgeteilt, dass ihr Sohn heute nicht zu Hause sei und sie somit beide Portionen essen könne.

Kaum Zeit für Gespräche

Diese Woche hat Christian Widmer frei. Zusammen mit seiner Frau Ruth, die seine Tour übernimmt, wenn er verhindert ist, sitzt er im Restaurant des Seniorenzentrums Oberburg. Hier werden die Mahlzeiten zubereitet und von den freiwilligen Fahrerinnen und Fahrern mit dem Privatauto abgeholt. Jede Person ist einmal pro Monat an sieben Tagen hintereinander im Einsatz.

Christian Widmer überlegt und schüttelt dann verneinend den Kopf. Ihm kämen keine weiteren Anekdoten in den Sinn. «Die Begegnungen sind halt nur flüchtig.» Eine kurze Begrüssung, wenige Worte über das Befinden oder das Wetter, dann geht die Fahrt weiter. An die acht Mahlzeiten werden pro Mittag in der Gemeinde Heimiswil verteilt. Damit das Essen warm und um die Mittagszeit abgeliefert werden kann, «muss man vorwärtsmachen», so Christian Widmer. Für die ganze Tour, die sich über etwa 22 Kilometer erstrecke, sei eine Stunde eingeplant – auch im Winter. «Manchmal würde ich gerne etwas länger bei jemandem bleiben», sagt Ruth Widmer. «Gerade bei alten Menschen spüre ich, dass ich Teil ihres Alltags geworden bin.»

Die beiden leben schon lange in Heimiswil, die Gemeinde zählt rund 1600 Einwohnerinnen und Einwohner; man sei sich nicht fremd. «Besonders wenn es jemandem nicht gut geht, möchte ich mich kurz an den Küchentisch setzen», sagt Ruth Widmer. Manchmal plage fast das schlechte Gewissen, «aber für die Pflege ist ja zum Glück die Spitex da».

Ruth Widmer ist Damenschneiderin und gibt im Dorf Nähkurse. Über viele Jahre hat sich die 69-Jährige in der Jugendarbeit und der Sozialkommission engagiert. Sie weiss, wie wichtig gemeinnützige Arbeit für eine Gemeinde ist. Ältere Menschen etwa, die nicht wie sie beide erwachsene Kinder und Enkelkinder hätten, müssten ohne Mahlzeitendienst früher in ein Heim umziehen. «Für uns ist klar, dass wir so lange mithelfen, wie unsere Gesundheit das zulässt.» Ihr Mann stimmt kopfnickend zu. «Wir bekommen aber auch etwas zurück», sagt Ruth Widmer, «das ist die Dankbarkeit der Betroffenen, und die tut gut.»

Aufgabe für Pensionierte

Christian Widmer blickt auf seine Armbanduhr und steht auf. Er möchte die Gelegenheit nutzen und dem Ehepaar, das in dieser Woche den Mahlzeitendienst erledigt, Hallo sagen. Die Fahrerinnen und Fahrer, alle sind pensioniert, kennen sich untereinander. «Wir schätzen diese Bekanntschaften», sagt Ruth Widmer beim Verlassen des Restaurants.

«Ohne uns Pensionierte wäre der Mahlzeitendienst nicht umsetzbar.»Christian Widmer

«Das Älterwerden hat etwas Verbindendes.» Es stünden die gleichen Fragen im Raum, etwa, wie lange man noch mobil sei. «Wir beide wissen nicht, ob wir bis ins hohe Alter selbstständig in unserem Haus leben können. Vielleicht sind auch wir einmal froh darüber, dass es den Mahlzeitendienst gibt.»

Die Begrüssung beim Kücheneingang ist herzlich. Christian und Ruth Widmer helfen beim Einladen der Boxen ins Auto. «Ohne uns Pensionierte wäre der Mahlzeitendienst nicht umsetzbar», sagt Christian Widmer. Diese Freiwilligenarbeit könnten nur Personen übernehmen, die am Mittag keine Verpflichtung haben, ergänzt Ruth Widmer,«das hat doch auch sein Gutes und zeigt, dass wir Pensionierten noch gebraucht werden.»

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