Zentimeterarbeit mit der Kettensäge

NIederbipp

Wenn die 59 geschicktesten Förster der Schweiz zum Wettkampf antreten, muss jeder Schnitt sitzen. Mit Philipp und Urs Amstutz sägen in Niederbipp zwei Berner Brüder auf höchstem Niveau mit.

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Quentin Schlapbach@qscBZ

Das Holz beginnt zu knacken. Der Stamm löst sich langsam vom Strunk. Mit gebannten Blicken schauen der Wettkämpfer, die vier Juroren und die Zuschauer, wohin der fallende Baum zum Erliegen kommt. Es ist der entscheidende Moment in der Königsdisziplin der Schweizer Meisterschaft der Holzhauerei: dem Fällen eines Baumes.

Was simpel klingt, wurde am vergangenen Wochenende im Äbisholz in Niederbipp zum Kampf um jeden Zentimeter. Während mit vier von insgesamt fünf Disziplinen der Grossteil der Holzhauerei-Schweizer-Meisterschaft im August auf dem Messegelände in Luzern stattfindet, wird diese Disziplin jeweils bereits im Vorfeld ausgetragen. Denn Bäume können logischerweise nur in ihrer natürlichen Umgebung gefällt werden, dem Wald.

59 Bäume fallen

Aber auch wenn ringsherum vor allem Bäume stehen und nicht wie im August in Luzern Zuschauer, gelten strengste Sicherheitsvorkehrungen. Insgesamt 59 Teilnehmer zählt das Feld. Das heisst gleichzeitig auch, dass 59-mal ein Baum gefällt werden muss. Da dabei neben den herunterkommenden Naturgewalten auch Kettensägen im Spiel sind, besteht für jedermann im Umkreis des Wettkampfgeländes Helm- und Sicherheitswestenpflicht.

Weltmeister aus Rebevelier

Zwei Teilnehmer, die in dieser Disziplin nicht nur schweiz- sondern auch weltweit zur Spitze gehören, sind die beiden Berner Philipp und Urs Amstutz. Ersterer wurde vergangenen September in Brienz gar Weltmeister. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, wenn der Forstwart aus Rebevelier, der kleinsten Gemeinde im Berner Jura, zur Kettensäge greift. Jeder Teilnehmer erhält einen Baum zugeteilt, welcher auf Brusthöhe zwischen 35 und 38 Zentimeter misst, um möglichst faire Wettkampfbedingungen zu gewährleisten. Das Exemplar von Philipp Amstutz ist wie alle anderen auch eine Rottanne.

Drei Minuten bevor es ernst gilt, darf er den Baum begutachten und muss dann punktgenau voraussagen, wohin der Stamm fallen wird. Ein Stock wird in die Erde eingeschlagen, und seitlich wird ein Korridor von je 50 Zentimetern errichtet. Für jeden Zentimeter Abweichung vom prophezeiten Fallpunkt gibt es Punktabzug.

Es fehlen nur 18 Zentimeter

Dann gilts ernst. Wruuummm, die Kettensäge wird in Betrieb genommen, und Philipp Amstutz macht sich ans Werk. Drei Minuten hat er Zeit, dann muss der Baum am Boden liegen. Mit ausgeklügelter Schnitttechnik bearbeitet er die Rottanne Stück für Stück: Fallkerbe, Band, Fällschnitt – sie alle werden in die Schlussbewertung mit einfliessen.

Dann ist es so weit. Der mit Spannung erwartete Augenblick des fallenden Baumes tritt ein. Wie erwartet, ist das Resultat für Amstutz gut. Nur gerade 18 Zentimeter fehlen zur Bestmarke.

Mit der Säge aufgewachsen

«Bei der WM in Brienz lief es für mich noch besser. Da fiel der Stamm nur gerade einen Zentimeter am Stab vorbei», erinnert sich Philipp Amstutz nach dem Wettkampf. Einigermassen zufrieden ist er aber trotzdem, auch wenn wegen einer leichten Zeitüberschreitung noch einige Punkte abgezogen wurden. Wie sein Bruder Urs hat er das «Holzfällergen» vom Vater geerbt. Von dessen Arbeit als Förster fasziniert, griffen auch die Söhne bald einmal zur Kettensäge. Ein bisschen gar früh sogar. «Als der Gemeindepräsident davon erfuhr, hatte er gar keine Freude», sagt Urs Amstutz schmunzelnd.

Für ihn lief es am Samstag nicht so gut wie für seinen Bruder. Der Forstwart aus Moutier verfehlte das Ziel um 63 Zentimeter und dürfte es daher schwer haben, im August den Sieg zu holen. «Man muss nur weiterhin daran glauben», meint Urs Amstutz aber zuversichtlich. Den Sieg hat er jedenfalls noch nicht abgeschrieben.

Berner Zeitung

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