Zangengeburt Kindertagesstätte

In Rüegsauschachen hätte die erste und einzige Kita in der Region entstehen sollen. Die Gemeinden scheuten das Risiko – keine wollte rechtzeitig die Verantwortung übernehmen.

Die Grossüberbauung in Rüegsauschachen: Für eine subventionierte Kindertagesstätte ist es zu spät.

Die Grossüberbauung in Rüegsauschachen: Für eine subventionierte Kindertagesstätte ist es zu spät.

(Bild: Thomas Peter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es ist eine Geburt mit Komplikationen. Mit der ersten Kindertagesstätte im mittleren Emmental dauert es noch.Auf der Gerbematte in Rüegsauschachen realisiert Blaser-Swisslube-Chef Peter Blaser derzeit das wohl grösste Baupro­jekt der Gemeindegeschichte: 62 Wohnungen, Ladengeschäfte und eine Arztpraxis werden bald bezugsbereit sein. Eines wird fehlen: eine Kita. Der Grund ist, dass eine öffentliche Kindertagesstätte, wie sie in Rüegsau geplant war, eine sogenannte Sitzgemeinde aufweisen muss.

Zur Enttäuschung von Bauherr Blaser will die Gemeinde Rüegsau diese Verantwortung nicht übernehmen. Auch umliegende Gemeinden wie etwa Sumiswald oder Lützelflüh haben gezögert. Die Eingabefrist bei der Gesundheits- und Fürsorgedirektion Bern ist Ende Januar abgelaufen. Eine öffentliche, also subventionierte, Kita könnte daher erst 2018 eröffnet werden. «So lange wollen wir keine Räume freihalten für eine Kita, die man in der Gemeinde scheinbar nicht will», sagt Regina Blaser, Ehefrau des Bauherrn.

Eltern sollen die Wahl haben

Die Idee einer Kindertagesstätte ist damit aber noch nicht vom Tisch. Eine Projektgruppe, bestehend aus dem Sumiswalder Dienstleistungszentrum DLZ und dem Verein Kibe Mittleres Emmental (vorher Tageselternverein), will unter dem Namen Verein Kita Mittleres Emmental den weissen Fleck auf der Landkarte doch noch ausfüllen – mit einer Kita in Rüegsau oder Sumiswald. Und die Gruppe hat schlagkräftige Argumente im Gepäck: Eine Umfrage in zehn Gemeinden in der näheren Umgebung hat ergeben, dass ein Bedarf von mindestens 35 Kita-Plätzen ab dem Jahr 2018 vorhanden wäre (siehe Kasten).

Trotz des Bedarfs harzt es immer noch mit dem Projekt. Erstens scheuen die Gemeinden immer noch die Verantwortung. Zweitens ist es im Emmental Tradition, dass die externe Kinderbetreuung mit Tageselternvereinen geregelt wird.

Zur Projektgruppe gehört auch Renate Strahm, Vizepräsidentin von Kibesuisse, dem Verband für Kinderbetreuung in der Schweiz. Mit Tageselternvereinen und Kindertagesstätten sei es wie mit Äpfeln und Birnen. «Die einen mögen Birnen, die anderen lieber Äpfel, manche beides und wieder andere sind allergisch auf das eine oder das andere.»

Was Strahm damit meint: Eltern sollten die Wahl haben. Nicht alle wollen ihr Kind zu Tageseltern geben. «Im mittleren Emmental hat man diese Wahl noch nicht, das wollen wir ändern.» Dass die Gemeinden in Kindertagesstätten ein Risiko sehen, kann Renate Strahm nicht nachvollziehen.

20 Prozent Selbstbehalt

Ob die Scheu berechtigt ist, das weiss Esther Christen von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF). Sie sagt: «Eine Kita ist für eine Gemeinde kein Risiko. Der Aufwand ist kalkulierbar.» Laut den Zahlen der GEF kostet ein Kita-Platz pro Jahr knapp 26'000 Franken. Die Eltern zahlen im Schnitt 8500 Franken selber.

Jede Gemeinde, die einen Platz beansprucht, muss einen Selbstbehalt von 20 Prozent übernehmen. Das sind 3700 Franken pro Jahr und Platz. Den Rest können die Gemeinden über den Lastenausgleich abrechnen. Verzichtet nun die Sitzgemeinde in der Leistungsvereinbarung mit der Kita zudem auf eine Defizitgarantie, bleibt in finanzieller Hinsicht kaum ein Risiko mehr übrig.

Natürlich geht es beim Thema Kinderbetreuung nicht nur ums Geld, sondern auch um Qualität, um Sorgfalt und daher um Kontrolle. Was, wenn etwas schiefgeht? Wer trägt die Verantwortung? Laut Esther Christen fungiert eine Sitzgemeinde lediglich als Aufsichtsbehörde und kontrolliert, ob die kantonalen Vorgaben der GEF eingehalten werden.

Geringer Aufwand

Was das für eine Gemeindeverwaltung an Aufwand bedeutet, das weiss Barbara Diethelm. Sie steht dem Sozialdienst Oberes Emmental vor. In Langnau gibt es eine Kita mit 15 subventionierten Plätzen. Auf «ein paar Tage im Jahr» beziffert Diethelm ihren Aufwand. Inbegriffen sind administrative Arbeiten wie das Reporting, die Lastenausgleichsabrechnung mit dem Kanton, die Leistungsvereinbarung mit der Kita, Zusammenarbeitsverträge mit umliegenden Gemeinden. Dazu gehören Brandschutz- und Sicherheitskontrollen in den Räumen der Kita.

Für alle weiteren Aufgaben und Verantwortlichkeiten sind die Betreiber der Kita zuständig. In diesem Fall der Verein Kita Mittleres Emmental. So gesehen, ist eine öffentliche Kindertagesstätte nichts anderes als ein kleines Unternehmen, das sauber arbeiten und wenn möglich keine roten Zahlen schreiben sollte.

Berner Zeitung

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