Wo Augen Lieder singen

Burgdorf

Das neue Kunstvermittlungsangebot des Museums Franz Gertsch besticht alle Sinne: mit inspirirenden Meditationen und verlockendem Gesang.

Schauen und lauschen: Leila Zimmermann und Andreas Jahr schaffen neue Zugänge zu den Werken im Museum Franz Gertsch.

(Bild: Daniel Fuchs)

Draussen zeigt das Thermometer 35 Grad. Die Luft flimmert. Das Museum Franz Gertsch ist im Erweiterungsbaustellenmodus (wir berichteten). Im Innern des Gebäudes ist es etwas kühler. Zehn Leute treten nach und nach aus der nachmittäglichen Hitze in die Museumsräume. Sie kommen, um eine Kunsterfahrung der besonderen Art zu erleben. Augenlied ist eine Kunstführung für alle Sinne.

«Während einer Stunde begegnen sie ausgewählten Werken der aktuellen Ausstellung mit inspirierenden Meditationen und verführerischen Liedern im Ohr», verspricht der Museumsführer.Die Kunstvermittelnden sind Leila Zimmermann, die auch singt, sowie Andreas Jahn, ein Meister der lustvollen Rhetorik.

Augenlied beginnt in den Erdgeschossausstellungsräumen mit den Gemälden von Franz Gertsch, die ganz dem Thema Meer gewidmet sind. Inmitten der drei grandiosen Holzschnitte «Cima del Mar» aus dem Jahre 1990 erklärt Jahn die verschiedenen Möglichkeiten und Herangehensweise einer Bildbetrachtung.

«Wir haben hier eine Kultur des Sehens, wogegen in Japan die Kultur des Sagens eine zentrale Rolle spielt.» In Anlehnung an diese Philosophie zitiert Zimmermann ein japanisches Haiku-Gedicht mit typischen siebzehn Silben in drei Versen. Längst ist bekannt, dass Franz Gertsch weit mehr als nur eine Vorliebe für handgeschöpftes japanisches Papier hat.

Ausserdem suche der Rüschegger Künstler jeweils lange nach der richtigen Farbe für seine Holzschnitte, so Jahn. Dessen Werke seien stimmungsorientiert und nicht der Impression, sondern vielmehr der Modulation geschuldet. Jahns breit gefächerten philosophischen, kunsthistorisch-prosaischen Ausführungen setzen einen wachen Geist voraus.

Sphärische Fragmente

Das Eintauchen in die aufgewühlten Wogen des Meeres suggeriert das zuletzt fertiggestellte grandiose Werk von Franz Gertsch: «Meer». Passend dazu das von Zimmermann berührend vorgetragene Chanson «La mer» von Charles Trenet.

Dieses sei 1943 auf einer Zugfahrt nach Perpignan entstanden, inspiriert durch die vorbeigleitenden Landschaften. Während Jahn seine Bildbetrachtungen weiterspinnt, ist der Raum erfüllt von sphärischen Gesangsfragmenten. Beruhigend wie das sanfte Rauschen des Meeres.

Ein weiteres, alle Sinne anregendes Highlight auf der Reise durch die Bilderwelt sind die grossformatigen Landschafts- und Architekturaufnahmen des deutschen Künstlers Axel Hütte. Auch hier treffen berührende Töne; Leila Zimmermann trägt ein von Gitarre begleitetes, selbst komponiertes und getextetes Lied vor.

Die audiovisuelle Reise endet im Kabinett. Mit glasklarer, fein modulierter Stimme singt Zimmermann inmitten der vielseitigen Linolschnittwerke des deutschen Künstlers Sebastian Speckmann aus Schuberts Winterreise. «Es sind die Irrlichter, denen ich nachgehe, wie in einer Winterreise», zitiert Jahn abschliessend.

Langenthaler Tagblatt

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