Wirklich glücklich ist sie nicht

Langnau

Obwohl Chaiman Jamil Abdurrahman seit dreizehn Jahren hier lebt, fühlt sie sich noch nicht vollständig integriert.

Die 52-jährige Chaiman Jamil Abdurrahman würde gern mehr Menschen treffen.<p class='credit'>(Bild: Daniel Fuchs)</p>

Die 52-jährige Chaiman Jamil Abdurrahman würde gern mehr Menschen treffen.

(Bild: Daniel Fuchs)

Chaiman Jamil Abdurrahman musste ihre Heimat fluchtartig verlassen. «Es war wie ein Gefängnis», erinnert sich die Kurdin. Zusammen mit ihrem Ehemann und ihren Kindern flüchtete sie über Damaskus in die Schweiz und lebt nun seit dreizehn Jahren in Langnau. «Am Anfang habe ich mich auch vor ­jedem Polizisten in der Schweiz gefürchtet», sagt die 52-Jährige.

Doch sie floh nicht nur vor den harten Sitten der irakischen Regierung, sondern vor allem auch vor ihrer eigenen Familie. Mit Schläuchen und Pistolen habe ihr Bruder sie geschlagen, wenn sie ein Wort zu viel von sich gab. Doch dabei blieb es nicht: «Ein Arzt hat zwei Kugeln aus meinem Körper entfernt.»

Zurück ins «Gefängnis»

Chaiman Jamil Abdurrahman lebte bereits in den Neunzigern über acht Jahre in der Schweiz. Damals wohnte sie allein in Zürich, während einige ihrer Geschwister und die Eltern nach Schweden weiterreisen konnten. «Ich fühlte mich einsam und vermisste meine Heimat», sagt sie rückblickend.

Deshalb reiste sie im Jahr 2000 wieder zurück in den von Kurden bewohnten Teil des Irak. Hätte sie erahnen können, was sie dort erwartet, wäre sie in der Schweiz geblieben. «Mein Bruder hat mein Geld und die Ausweise beschlagnahmt.» Damit sorgte er dafür, dass die Frau nicht mehr ausreisen konnte. Er wollte die Schwester so rasch wie möglich mit dem Cousin des Vaters verheiraten. «Aber ich wollte keinen Mann», sagt Chaiman Jamil Abdurrahman.

«Ein Arzt hat zwei Kugeln aus meinem Körper entfernt.»Chaiman Jamil Abdurrahman

Sie habe in ­Zürich als Reinigungskraft gearbeitet und sei unabhängig gewesen. Doch die Heirat wurde vollzogen, wofür ihr Vater eigens von Schweden in den Irak zurückreiste.

2005 gelang der damals dreifachen Mutter schliesslich gemeinsam mit ihrem Mann, Abdullah Qadir, erneut die Flucht in die Schweiz. Auf der Reise habe die Familie um ihr Leben gefürchtet und viele bürokratische Hürden meistern müssen.

Das Leben selbst finanzieren

Heute fühlt sich Chaiman Jamil Abdurrahman in Langnau endlich «frei und erleichtert». Doch wirklich glücklich ist sie auch hier nicht. «Mein Mann und ich möchten endlich eine Arbeit finden und unser Leben selbst finanzieren können», sagt die heute vierfache Mutter. Ein paar Stunden pro Woche arbeite sie wieder als Reinigungskraft, aber ihr Mann habe noch keine Stelle gefunden. Meistens scheitere es an den mangelnden Deutschkenntnissen, aber auch schlicht daran, dass beide keine Schweizer Ausbildung absolviert hätten.

Regula Cermak vom Verein Langnau Interkulturell ist überzeugt: «Würde der Staat die Migranten, die das Recht haben, hierzubleiben, im ersten Jahr mehr unterstützen, könnten sie bald einmal auf eigenen Füssen stehen.» So sollten zum Beispiel beim Besuch eines Deutsch­intensivkurses auch Kenntnisse des Schweizer Alltags und der Arbeitswelt vermittelt werden. «Die Arbeitserfahrung und die Ausbildung der Migranten müsste in unserer Gesellschaft eine grössere Wertschätzung erhalten», sagt die Vereinspräsidentin.

Zu Hause statt im Dorfcafé

«Ich vermisse meine Heimat manchmal – vor allem das Klima und unser Essen», sagt Chaiman Jamil Abdurrahman. Sie ist deshalb froh über die Möglichkeiten, die ihr der Verein Langnau Interkulturell bietet: Im Frauentreff und im Café International kommt sie mit anderen Migrantinnen und auch einheimischen Frauen zusammen. Während ihre Kinder hier zur Schule gehen und sich dadurch automatisch integrieren, haben die Eltern noch kaum einheimische Freunde gefunden und verbringen ihre Tage hauptsächlich zu Hause. Auch deshalb wünscht sich die Kurdin eine feste Arbeitsstelle für sich und ihren Mann. Denn dann hätte sie mehr Geld, um ab und zu im Dorf einen Kaffee zu trinken und Menschen zu treffen.

Berner Zeitung

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