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Windlichter, Würste und Warten

Um etwas in weihnächtliche Stimmung zu kommen, half Redaktor Benjamin Lauener einen Tag auf dem Weihnachtsmarkt mit.

Benjamin Lauener als Verkäufer: Die Windlicht-Flaschen sind alle handgefertigt. Rund 45 Minuten Arbeit stecken in jedem Stück.
Benjamin Lauener als Verkäufer: Die Windlicht-Flaschen sind alle handgefertigt. Rund 45 Minuten Arbeit stecken in jedem Stück.
Marcel Bieri
Eine Scheibe Wurst gefällig? Die Kleinen greifen zu.
Eine Scheibe Wurst gefällig? Die Kleinen greifen zu.
Marcel Bieri
Besucher flanieren über den Ranflühmärit. Man kennt sich.
Besucher flanieren über den Ranflühmärit. Man kennt sich.
Marcel Bieri
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«Auso, seisch am Ma, weles das de wosch», meint die Mutter zu ihrer Tochter und sucht in der Handtasche nach dem Portemonnaie. Die Tochter, vielleicht vier Jahre alt, lächelt schüchtern und hält mir den Anhänger ihrer Wahl hin. «Das mit dem Tannenbaum», raunt sie mir zu. Ich stutze. «Auf dem ist aber ein Delfin drauf», entgegne ich. Sie schüttelt den Kopf: «Nein, das ist ein Tannenbaum», kontert sie. Ich gebe mich geschlagen. «Wie viel macht das?», erkundigt sich die Mutter. Keine Ahnung, so einen habe ich bisher noch nicht verkauft.

«Nichts ist unmöglich»

Zum Glück eilt mir Astrid zu Hilfe. Sie und ihre Kollegin Doris sind heute meine Chefs. Ihre Idee war es, aus gebrauchten Flaschen Windlichter zu basteln und diese an Weihnachtsmärkten und anderswo anzubieten. Die Sujets auf den Flaschen – ich tendiere dazu, zu glauben, dass früher mal Schnaps in ihnen war – variieren: Vom SCL-Logo über einen Alpabzug bis zu Schneemännern gibt es alles. Mehrmals an diesem Tag sagt eine der beiden Frauen zu einem potenziellen Kunden: «Nichts ist unmöglich.»

Neben den Windlichtern umfasst das Sortiment des Standes inmitten des Ranflühmärit Mützen mit reflektierenden Flächen, Geschenkpapier, Armbänder, Kerzen und die bereits erwähnten Buttons. Bei Letzterem muss ich nachfragen, wozu man die überhaupt braucht. Die könne man an Rucksäcken, Velos und so weiter befestigen. Ach so.

SCL läuft am besten

Die Frauen wissen haargenau, was sie tun. Jeder Handgriff sitzt, jeder Tannenzapfen, Tannenast und jede flauschige Decke passt.

Die beiden Frauen wissen haargenau, was sie tun. Das merke ich schon beim Aufbauen. Jeder Handgriff sitzt, jeder Tannenzapfen, Tannenast und jede flauschige Decke passt. Viel helfen kann ich da nicht. Oder doch. Meine Mitarbeiterinnen sind sehr froh, als ich mich als dermassen gross entpuppe, dass ich in der Lage bin, den Scheinwerfer über dem Ladentisch zu montieren – zwar mit einer Leiter, aber immerhin. Dann heisst es warten. Der Weihnachtsmarkt füllt sich allmählich, und manch einer bestaunt die kunstvollen Windlichter oder schliesst gar einen Kauf ab. Da ist zum Beispiel eine Frau, die eine SCL-Flasche reserviert. Sie komme sie dann später abholen, wenn sie es nach dem einen oder anderen Glühwein noch wisse. Gut, wunderbar, bis später.

Am Abend fällt mir mehr und mehr auf, dass immer die gleichen Personen auf dem Weihnachtsmarkt zirkulieren. Das sei alle Jahre so, erklärt mir Doris. Der Märit in Ranflüh sei eher ein Dorffest. Entsprechend kennt man sich: In mir keimt der Verdacht, dass man hier gar nicht unbedingt hinter dem Ladentisch stehen muss, denn geklaut wird sowieso nicht, und jeder weiss, wen er auf dem kleinen Areal finden muss, um an einem bestimmten Stand etwas zu kaufen. «Ah, du hesch ume vo dine Gütter», stellt ein älterer Herr fest und lässt sich über den SC Bern aus, dessen Logo ebenfalls eine Flasche ziert. Die Windlichter mit dem Wappen der Emmentaler SCB-Konkurrenz laufen am besten. Gleich vier oder fünf sind am Abend verkauft oder vorbestellt.

Glühwein hilft

Unmittelbar nebenan ist der Stand der Metzgerei Gygax in Lützelflüh. Da Doris dort arbeitet und in der Freizeit die Windlicht-Flaschen bastelt, wechselt sie fliessend zwischen den beiden Ständen hin und her. Eigentlich wäre gedacht gewesen, dass ich auch beim Metzgereistand mithelfe. Viel gibt es aber auch dort für mich nicht zu tun. Der Sohn des Metzgermeisters am Nachmittag und dessen Vater am Abend haben die Sache zusammen mit Doris im Griff.

Am Abend fällt mir mehr und mehr auf, dass immer die gleichen Personen auf dem Weihnachtsmarkt zirkulieren..

Also warte ich noch ein Weilchen in der Kälte, probiere immer wieder etwas Wurst und versorge meine Mitarbeiterinnen mit Glühwein. Dass ich meine Füsse nicht mehr spüre, ist nicht so schlimm, denke ich mir, so werden sie wenigstens nicht kalt. Sogar die Frau, die hinter uns ihre Strickwaren verkauft und am Anfang nur eine Strickjacke getragen hat, attestiert dem Tag Mitte Dezember eine gewisse Kälte. Am Abend wird auch sie dick eingemummelt ihre Mützen, Stofftiere und Handgelenkwärmer feilbieten.

Zufriedene Chefs

Und der Abend kommt schneller als erwartet. Plötzlich leert sich das Gelände – die meisten zieht es in den geheizten Bären. Stände werden zusammengeräumt, oft «bis nächstes Jahr» gesagt, und der Ranflühmärit ist Geschichte. Astrid und Doris sind zufrieden mit dem, was wir verkauft haben. Von allem ging etwas weg, und eine YB-Mütze müssen sie noch nachproduzieren, weil wir die benötigte Grösse nicht hatten. Ich selbst bin auch zufrieden, jetzt kann Weihnachten kommen. Ich bin bereit für das Fest mit dem Tannenbaum. Oder war es doch ein Delfin?

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