Wenn Zeichnungen ins All fliegen

Die Werke von fünf Kindern aus dem Emmental werden ab Ende Jahr an Bord eines Satelliten um die Erde kreisen. Möglich gemacht hat dies Physiker Guido Bucher.

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Mehr als 8000 Kinder aus ganz Europa haben sich am Wettbewerb beteiligt und dabei zu Filzstiften und Malkasten gegriffen. Gezeichnet wurden Raketen, Astronauten, Planeten und Ausserirdische.

Die Begeisterung war so gross, weil die Chance, sich als Dreikäsehoch an einem Weltraumprojekt zu beteiligen, einmalig ist. Die Vorstellung, dass gerade ihre Zeichnung durch das Weltall sausen wird, beflügelte die jungen Künstler. 2700 Werke der 8- bis 14-jährigen Wettbewerbsteilnehmer wurden ausgewählt.

Zu den Glücklichen gehörten auch fünf Kinder aus dem Emmental: je eines aus Burgdorf, Oberburg und Hasle sowie zwei aus Grünenmatt. Sie alle wissen, dass das Wort Cheops nichts mit dem zweiten Pharao von Ägypten, der vor 4600 Jahren lebte, zu tun hat, sondern mit einem ­Weltraumprojekt der Universität Bern.

Vor vier Jahren erhielt die Hochschule von der Europäischen Weltraumagentur ESA grünes Licht für die industrielle Umsetzung des sogenannten Cheops-Projekts (Characterising Exoplanet Satellite).

Will heissen: An Bord eines Satelliten wird ab Ende 2018 ein Weltraumtele­skop in einer Höhe von 700 Kilometern die Welt umrunden und dabei Planeten ausserhalb des Sonnensystems erforschen. Der Satellit wird mit einer russischen Sojusrakete vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana in eine Erdumlaufbahn gebracht. Die Mission soll dreieinhalb Jahre dauern.

Das Makroformat

Das Besondere an diesem mit Hightech vollgepackten Objekt ist, dass daran auch die 2700 Zeichnungen der Kinder befestigt sind – allerdings weder in der ursprünglichen Grösse noch aus Papier. Sondern als Miniaturen auf einem Titanblech. Bis das Produkt vorlag, war ein enormer Kraftakt nötig. Zuerst wurden die Zeichnungen von Mitarbeitern der Universität Bern im ­Format A4 eingescannt.

Dann machte sich Guido Bucher an die Arbeit. Der Dozent für Physik an der Berner Fachhochschule in Burgdorf stellte aus dem Graustufenbild zuerst ein Schwarz-weissbild und danach ein Pixelbild in Schwarz und Weiss her. «Das war monatelange Programmierarbeit», betont der heute ­50-Jährige, der Maschinenbau-, Elektro- und Informatikstudenten unterrichtet.

«Das war ­monatelange Programmierarbeit.»Guido Bucher

Bucher, ein Spezialist für Laser- und Oberflächentechnik, wurde von der Uni Bern die Aufgabe übertragen, die Kinderzeichnungen im Makroformat mittels Laser auf zwei je etwa 25 mal 20 Zentimeter kleine Titanplatten zu brennen – 1350 Zeichnungen pro Platte.

Eine nicht verrückbare Befestigung wäre nicht möglich gewesen, weil sich die Titanplatte aufgrund der ­hohen Temperaturunterschiede von minus 40 bis plus 70 Grad stark zusammenzieht beziehungsweise ausdehnt.

Gelöst wurde das Problem mit Klett. Die beiden Platten werden also quasi auf den Satelliten geklebt. Die Angst, dass diese weggeweht werden könnten, weil die Sonde mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit durchs All kreuzt, ist unbegründet, zumal es keinen Luftwiderstand gibt.

Die Begeisterung

Bleibt die Frage: Warum wurden die teilweise bunt bemalten Zeichnungen als Schwarzweissdarstellungen auf die Platten gebrannt? «Als ich vor vier Jahren mit meiner Arbeit begann, war es technisch schlichtweg nicht möglich, die Zeichnungen farbig zu duplizieren», antwortet Guido Bucher. Aber auch so habe er am Limit gearbeitet.

Von der Idee, Kinderzeichnungen zum Bestandteil des Projekts Cheops zu machen, war der Physiker sofort angetan, «denn die kleinen Kunstwerke sind ein Sympathieträger für die Mission». Guido Bucher ist geradezu begeistert, wenn er von dieser Arbeit spricht, «denn das Projekt finde ich sehr gut». Dies auch ­darum, weil er sich im Verein Natech – Naturwissenschaft und Technik – engagiert.

«Die kleinen Kunstwerke sind ein Sympathieträger für die Mission.»Physiker Guido Bucher

«Es geht darum, bei Kindern das Verständnis für dieses Fachgebiet zu fördern», erklärt der Physiker, der auch Veranstaltungen für Schulen zu diesem Themenkreis macht, zum Beispiel mit der ­Berufsfachschule in Langenthal. Denn: «Wir Wissenschaftler müssen unser Wissen hinaustragen, damit man erkennt, was wir hier an der Berner Fachhochschule machen.»

Der Praxisbezug

Der gebürtige Luzerner war aus verschiedenen Gründen prädestiniert für diese Arbeit. Nach einer Lehre als Elektroniker und vier Jahren in der Praxis erwarb Bucher die Matura, studierte Physik und doktorierte. Auf eine universitäre Laufbahn hat er bewusst verzichtet. Denn nicht die reine Theorie ist sein Ding, sondern die angewandte Forschung und Entwicklung.

«In meiner beruflichen Laufbahn habe ich mir Fähigkeiten angeeignet, die ich jetzt brauchen kann», sagt Bucher und ergänzt: «Als Elektroniker kann ich Leiterplatten herstellen.» An der Fachhochschule sei der Praxis­bezug gegeben. Auch darum ­plädiert er dafür, «dass Fachhochschulen nicht zu kleinen Universitäten werden».

Von der Arbeit rund um die Titanplatten habe nicht nur das Projekt Cheops der Universität profitiert, sondern auch die Berner Fachhochschule, ist der promovierte Physiker überzeugt – in verschiedener Hinsicht. Die Uni Bern hätte die Titanplatten – sogenannte Cheops Competition Plates – fertig zugeschnitten geliefert, «doch ich sagte: ‹Nein, das mache ich zusammen mit unserem Mechaniker in Burgdorf›.».

Die Nähe zu diesem Fachmann habe sich dann als sehr vorteilhaft herausgestellt, zumal zahlreiche Probleme aufgetreten ­seien: «Plötzlich haben sich die Platten durchgebogen, ohne dass wir wussten, wieso. Gemeinsam haben der Mechaniker und ich dann die Lösung gefunden.»

Positiv waren die spezielle Bearbeitung und das Übertragen der Kinderzeichnungen auf die Titanplatten auch darum, weil sich der Fachhochschule damit ein neues Geschäftsfeld öffnen könnte: eine Zusammenarbeit mit der Uhrenindustrie. Buchers Fazit ist klar: «Der Cheops-Auftrag war eine Investition, die noch Früchte tragen dürfte.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 13:50 Uhr

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