Wenn nichts hilft, kommt die Kesb

Verena Schwander leitet die Kesb Emmental. Manchmal, findet sie, liessen sich die Emmentaler zu lange Zeit, bis sie eine Gefährdungsmeldung machen würden.

Verena Schwander leidet, wenn ihr durch das Gesetz die Hände gebunden sind.

Verena Schwander leidet, wenn ihr durch das Gesetz die Hände gebunden sind.

(Bild: Thomas Peter)

Verena Schwander, wer beansprucht den Schutz der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) im Emmental am stärksten?Verena Schwander: Oft sind es Menschen mit psychischen und sozialen, aber auch finanziellen Problemen. Wer freiwillig Hilfe in Anspruch nimmt, etwa bei einer Beratungsstelle, landet meistens nicht bei der Kesb. Wenn jemand Hilfe nötig hat, sich aber nicht wirklich helfen lassen will, können wir eine Massnahme anordnen. Wir bewegen uns also in einem Zwangskontext.

Haben Sie ein Beispiel?Jemand hat psychische Probleme, trinkt viel Alkohol, wird den Angehörigen gegenüber aggressiv und ist nicht bereit, freiwillig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dann kommen wir ins Spiel.

Welche Druckmittel haben Sie?In einem erwachsenenschutzrechtlichen Fall wie diesem klären wir ab, ob es Richtung für­sorgerische Unterbringung geht oder ob wir eine ambulante Massnahme wie eine Beratung oder eine Therapie anordnen können. Wenn jemand gar keine Krankheitseinsicht hat, aber sich oder die Umgebung erheblich gefährdet, indem er Suiziddrohungen äussert oder gewalttätig wird, müssen wir ihn gegen seinen Willen in eine geeignete Einrichtung einweisen – etwa in die Psychiatrie. Wenn immer möglich ordnen wir ambulante Massnahmen an. Doch das setzt eine minimale Kooperationsbereitschaft der betroffenen Person voraus.

Wie häufig kommt es zu fürsorgerischen Unterbringungen?Etwa zwanzigmal pro Jahr.

Wie steht diese Zahl im Verhältnis zu den Zeiten vor der Reform?Vorher hat ja der Regierungsstatthalter fürsorgerische Freiheitsentzüge, wie sie damals hiessen, angeordnet. Die Anzahl bewegte sich etwa in der gleichen Grössenordnung.

Wie oft müssen Sie Kinder fremdplatzieren?Pro Jahr machen wir etwa zehn Obhutsentzüge, wenn weniger einschneidende Massnahmen, wie Weisungen zur Therapie oder zur Familienbegleitung, keinen Erfolg gebracht haben. Dann bringen wir die Kinder an einem geeigneten Ort unter. Möglichst in der Nähe. Das kann eine Pflegefamilie oder auch ein Heim sein.

Diese Fremdplatzierungen sind enorme Kostentreiber. Welche Rolle spielt das Geld beim Entscheid, wo ein Kind hinkommt?Wenn wir zwei gleich gut geeignete Plätze haben, entscheiden wir uns natürlich für den günstigeren. Aber das primäre Kriterium muss sein, dass das Kindeswohl sichergestellt ist.

Wie häufig ordnen Sie Beistandschaften an?Beistandschaften sind die mit Abstand häufigsten Massnahmen, pro Jahr sind es rund 150. Im Erwachsenenschutz gehen sie oft auf Gesuche von älteren Menschen zurück, die mit der Verwaltung ihrer Finanzen oder auch sonst nicht mehr zurechtkommen und Unterstützung brauchen. Im Kindesschutz werden Beistandschaften oft zur Unterstützung und Beratung der Eltern errichtet, dienen häufig aber auch der Regelung des Besuchsrechts von geschiedenen oder getrennt lebenden Eltern.

Sie haben vor drei Jahren die Dossiers der Laienbehörden übernommen. Haben diese die Fälle anders beurteilt, als Sie als Fachgremium es heute tun?Natürlich sind uns Sachen begegnet, die anders beurteilt wurden. Das heisst nicht, dass es falsch gemacht worden war, die Gesetzeslage war eben damals anders.

Waren die Vormundschafts­behörden strenger?Sie mussten aufgrund der damaligen Gesetzeslage rascher jemandem die Handlungsfähigkeit entziehen. Das machen wir heute nur noch selten. Damals sprach man von Vormundschaften, heute von umfassenden Beistandschaften. Solche ordnen wir bedeutend seltener an. Das hat damit zu tun, dass das Gesetz heute mehr Möglichkeiten zulässt. Wir können Beistandschaften «massschneidern», um auf den Schutzbedarf des Einzelnen zugeschnittene Lösungen zu treffen. Gleich geblieben ist, dass nicht jede Handlung von Menschen kontrollierbar und voraussehbar ist. Damit können wir – wie schon die Vormundschaftsbehörden – dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung nie ganz gerecht werden.

Können Sie noch auf die Mitarbeit privater Beistände zählen?Wir haben etwa 560 private Mandatstragende, die Beistandschaften im Erwachsenenschutz führen. Deren Zahl blieb in den drei Jahren immer etwa gleich.

Hat sich die damalige Angst, die Professionalisierung der Behörde werde das private Engagement bremsen, also nicht bewahrheitet?Mit dem Systemwechsel sind einige zurückgetreten, dafür sind andere neu dazugekommen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Sozialdiensten angelaufen?Die Sozialdienste führen im Auftrag der Kesb Abklärungen aufgrund von Gefährdungsmeldungen durch und führen Beistandschaften, vor allem im Kindesschutz. Es gibt also viele Schnittstellen zwischen uns. Wir arbeiten aber nahtlos zusammen, treffen uns regelmässig und tauschen uns aus. Ich bin hochzufrieden, wie dieser Austausch funktioniert.

Bevor Sie überhaupt aktiv ­werden können, brauchen Sie eine Gefährdungsmeldung. ­Geschieht das oft?Pro Jahr gehen bei uns etwa 300 Meldungen ein. Die meisten kommen von der Polizei, der bei Einsätzen auffällt, wo es wichtig wäre, dass man kindes- oder erwachsenenschutzrechtlich genauer hinschaut, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt. Daneben erhalten wir Meldungen von Schulen, Institutionen – etwa Altersheimen und der Spitex – und auch von Privatpersonen, besonders von Angehörigen.

Gehen die Emmentaler vernünftig mit den Meldungen um?Generell versucht man sich auf dem Land, mit den traditionell noch intakten Strukturen, zuerst selber zu helfen, bevor man eine Meldung macht. Es gab den einen oder andern Fall, wo ich den Eindruck hatte, es wäre gut gewesen, man hätte uns früher informiert. Aber insgesamt läuft es gut.

Unterscheiden sich die Fälle der Kesb Emmental von denen in ­anderen Regionen?Es gibt wohl generell einen Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Kesb. Die Stadt hat eine andere Bevölkerungsstruktur und viel mehr Beratungsangebote. Im Kindesschutz zum Beispiel haben wir im Vergleich mit der Stadt mehr Dossiers. Dort ist das familienergänzende Unterstützungsangebot mit Beratungsstellen, Spielgruppen et cetera tendenziell grösser und leichter erreichbar. Damit sinkt für Betroffene vielleicht auch die Hemmschwelle, früher und freiwillig Hilfs- und Entlastungsangebote wahrzunehmen.

Gibt es Fälle, die Sie im Kopf mit nach Hause nehmen?Das gibt es. Am schlimmsten ist es, wenn uns das Instrumentarium fehlt, um wirklich helfen zu können.

Wann zum Beispiel?Wenn Menschen für ihr Umfeld eine grosse Belastung sind, weil sie zum Beispiel aggressiv sind, ihnen aber die Psychiatrie nicht helfen kann und sie auch nicht straffällig geworden sind. Da können wir nicht viel machen, weil uns das Gesetz nur beschränkte Mittel zur Verfügung stellt. Solche Fälle fallen in einem gewissen Sinn durch das Raster.

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