Emmental

Wenn die Heilung chancenlos ist

EmmentalBei der Pflege von Todkranken ist die Spitex besonders gefordert. Um noch besser auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen, wird im Emmental ab 2019 vernetzter gearbeitet.

Zu Hause sterben können möchten die meisten Schweizer. Dafür braucht es aber auch daheim eine Rundumbetreuung.

Zu Hause sterben können möchten die meisten Schweizer. Dafür braucht es aber auch daheim eine Rundumbetreuung. Bild: Thomas Peter

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Eine Patientin leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, Metastasen haben sich gebildet, eine ­Heilung ist chancenlos. Sie wird aus dem Spital entlassen, kommt am Wochenende nach Hause. Wie lange sie noch zu leben hat und wie sie mit der Situation umgehen soll, weiss die Frau nicht. Die Ungewissheit quält sie und die Angehörigen. Die Spitex übernimmt die Pflege der Patientin. Doch eine solch komplexe Situation kann die Pflegefachfrau, die an diesem Sonntag Dienst hat, nicht allein handhaben. Und der Hausarzt hat am Wochenende seine Praxis geschlossen.

Ein Fall, der sich kürzlich im unteren Emmental ereignet hat. «Bis zum Montag kann man in einem solch komplexen Fall nicht warten», sagt Bianca Dolf, Teamleiterin Utzenstorf und Fach­verantwortliche Palliative Care der Spitex Aemmeplus. So zog man das Onkologie- und Pallia­tive-Care-Team der Spitex Bern bei. Ein Team, das spezialisiert ist auf die Begleitung schwer kranker Menschen mit unheilbarer Krankheit. Der Palliativmediziner habe der Frau dann mit klaren Worten gesagt, wie es um sie stehe. «Dafür waren ihm die Patientin und die Familie sehr dankbar», sagt Bianca Dolf.

Konzept wird erstellt

In Zukunft sollen aber nicht mehr Spezialisten aus Bern beigezogen werden. Ab Mitte 2019 wird das Team ASPE (Ambulante spezialisierte Palliative Care) die Spitex in solchen Situationen unterstützen. Das Team wird das ganze Emmental abdecken. Derzeit wird am Konzept gefeilt. ­Einiges steht bereits fest. Etwa, welche Experten es braucht: Fünf Pflegefachpersonen mit einer Spezialausbildung in Palliative Care werden dem Team ange­hören.

«Nebst der Pflege ist es ihre Aufgabe, rasch ein Netzwerk rund um den Patienten zu organisieren», sagt Ursina Weber, Geschäftsführerin der Spitex Aemmeplus. Dazu gehören Ärzte und Pflegepersonen und je nach Bedürfnissen der Kranken auch Seelsorger, Ergo- oder Physiotherapeuten. Mit an Bord sind die Spitex-Organisationen Aemmeplus, Burgdorf Oberburg, Region Emmental, Region Lueg und Region Konolfingen.

Ziel sei es, bei der Pflege von schwer kranken Menschen mehr Unterstützung zu bieten, hält Weber fest. Sowohl die Patienten wie auch deren Angehörige würden davon profitieren. Doch gehe es genauso um die Entlastung der Pflegefachpersonen, so Weber. Zudem würden diese vom Ex­pertenteam geschult – etwa in der Anwendung einer Schmerzmittelpumpe: Über eine Infusion gelangen die Schmerzmittel ins Blut oder ins Gewebe. Welche Menge wann abgegeben wird, ist programmiert.

Selbst berappen

Zwar werden die Einsätze des Palliativteams über die Krankenkassen und die Versicherten finanziert. «Wie gross das finanzielle Engagement der öffentlichen Hand sein wird, ist allerdings noch offen», sagt Ursina Weber. Fest stehe hingegen, dass die Organisationen die Schulungen selbst berappen müssten.

Und auch die massiven Koordinationsaufwände seien nicht alle finanziert, beispielsweise, wenn Ärzte und Spitex-Angestellte vor der Entlassung aus dem Spital die weitere Pflege planen. So werde allein die Spitex jährlich Kosten von 200 000 Franken übernehmen. «Weil diese auf die fünf involvierten Spitex-Organisationen verteilt werden, können wir das tragen», betont die Aemmeplus-Geschäftsführerin.

Immer älter

Dass Palliative Care immer mehr an Bedeutung gewinne, liege daran, dass die Menschen immer ­älter würden, sagt Ursina Weber. «Man kann nicht die Spitzenmedizin weiterentwickeln und die Pflege aussen vor lassen.» Und gerade der Spitex kommt eine besondere Rolle zu: Denn 73 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer möchten zu Hause sterben. Das zeigte eine Studie des Bundesamts für Gesundheit. 11 Prozent sind sich nicht sicher, wo sie sterben wollen, und lediglich 8 Prozent möchten ihre letzten Stunden im Spital oder Pflegeheim verbringen. In der Realität verhält es sich gerade umgekehrt: Am häufigsten sterben die Schweizer im Pflegeheim, am zweithäufigsten im Spital und erst an dritter Stelle folgt das Zuhause.

«Man kann nicht die Spitzenmedizin weiterentwickeln und die Pflege aussen vor lassen.»Ursina Weber, Spitex Aemmeplus

Dass jemand bis zu seinem Tod daheim bleiben kann, hängt zu einem grossen Teil vom Umfeld des Kranken ab. «Alle Patienten, die wir bis zuletzt zu Hause pflegen, werden durch Angehörige betreut», sagt Ursina Weber. Dass die Schwerkranken trotzdem in ein Pflegeheim oder ein Spital wechseln, hat laut Weber zwei Gründe. In gewissen Fällen brauche es rund um die Uhr eine medizinische Betreuung. Die Spitex könne zwar vier- bis fünfmal ­täglich vorbeigehen, doch eine 24-Stunden-Betreuung könne nicht gewährleistet respektive oft nicht finanziert werden.

Angehörige überfordert

In manchen Fällen liegt es aber nicht an der medizinischen Versorgung. «Einige Menschen halten es zu Hause irgendwann nicht mehr aus und brauchen einen klaren Schnitt.» Vielfach seien aber auch die Angehörigen mit der Situation überfordert, so Weber. Die Spitex kann zwar ent­lasten, und es gibt Angebote wie die Sitznachtwache.

Dass die Angehörigen trotz Unterstützung nicht abschalten können, beobachtet Bianca Dolf von der Spitex Aemmeplus immer wieder. «Einige verlassen das Zimmer auch dann nicht, wenn der Patient von uns gepflegt wird.» Die Angehörigen sensibi­lisieren und vor Überbelastung schützen, auch eine Aufgabe, die das Team ASPE in Zukunft angehen wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.10.2018, 06:22 Uhr

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