Was Notfalldienst für den Hausarzt bedeutet

Edward Schober hat einen unruhigen ­Silvester hinter sich. Er hätte ausrücken müssen, wenn in seiner Region die Dienste eines Arztes nötig gewesen wären.

Längst nicht jede Nacht, wenn Edward Schober Notfalldienst hat, muss er seinen Koffer packen und losrennen. Entspannt schläft der Hausarzt von Lützelflüh in solchen Nächten trotzdem nicht.

Längst nicht jede Nacht, wenn Edward Schober Notfalldienst hat, muss er seinen Koffer packen und losrennen. Entspannt schläft der Hausarzt von Lützelflüh in solchen Nächten trotzdem nicht.

(Bild: Thomas Peter)

Susanne Graf

Richtig geniessen konnte Edward Schober den Jahreswechsel nicht. Denn Schober war der diensthabende Notfallarzt der Region Nord im oberen Emmental. Er war es, der hätte ausrücken müssen, wenn im Gebiet zwischen Lützelflüh, Affoltern-Weier, Sumiswald-Wasen bis hin­auf nach Trubschachen und Trub ein Hausarzt nötig gewesen wäre.

Die Silvesternacht sei dann aber relativ ruhig geblieben, erzählt er. Einer Patientin habe er mit ein paar Tipps am Telefon helfen können. Sonst hatte der Notfallarzt in dieser Nacht nichts zu tun.

Ein Glas Champagner um Mitternacht kam für ihn trotzdem nicht in­frage. «Man darf das nicht unterschätzen: Auch nur wenig Alkohol kann etwas müde machen, aber man muss wirklich jederzeit im vollen Besitz seiner Fähigkeiten sein.»

Hektischer Morgen

Schober, der in Lützelflüh mit seiner Frau Loni eine Hausarztpraxis betreibt, wohnt in Burgdorf. Die Silvesternacht hat er zu Hause verbracht. «Wenn es ruhig ist, versucht man zu schlafen», erklärt er.

Hausärztlicher Notfalldienst bedeute nicht, dass dauernd das Telefon klingelt. Denn in erster Linie sind es die Fachleute von Medphone, dem telefonischen Triagedienst, die beraten, was in welchem Fall zu tun ist. Können sie nicht selber weiterhelfen, verweisen sie tagsüber an den für den Notfalldienst eingeteilten Hausarzt.

Am Silvestermorgen habe das Telefon so häufig geklingelt, dass er seine ebenfalls Bereitschaftsdienst leistende medizinische Praxisassistentin hinzuziehen und eine Ad-hoc-Sprechstunde anbieten musste, so Schober.

In der Nacht aber werden die Patienten von Medphone in die Notaufnahme des Spitals geschickt. Deshalb bleiben die Notfallnächte für Hausärzte oft recht ruhig. Aber nicht immer: «Einmal wurde ich um ein Uhr nach Langnau gerufen», erzählt Schober. Die Frage nach häuslicher Gewalt sei im Raum gestanden, die Polizei vor Ort gewesen.

An ihm war es zu entscheiden, ob eine Person gegen ihren Willen hospitalisiert werden müsste. Diese Einsätze sind schwierig und kosten Zeit. Irgendwann gegen fünf Uhr sei er wieder zu Hause gewesen, erinnert er sich. Natürlich könnte er als Selbstständiger am Tag nach dem Notfalldienst freinehmen.

«Aber das würden die Patienten, die auf ihren Termin warten, wohl kaum goutieren.» Er und seine Frau seien mehr als ausgelastet. Notfalldienst schiebt er also nicht zu Werbezwecken, sondern weil jeder niedergelassene Hausarzt dazu verpflichtet ist.

Edward und Loni Schober trifft es 26-mal pro Jahr. Die Nachtdienste übernimmt er. «Es ist nicht ohne, wenn eine Frau in der Nacht über Stock und Stein ausrücken muss.» Selbst er habe schon mulmige Momente erlebt, als er zu Hausbesuchen aufbrechen musste.

«Da kann man schon in Situationen geraten, in denen man sich fragt, was wäre, wenn jetzt jemand käme, der angreifbarer ist als ich.» Zwar stehe es den Ärzten im Nachtdienst zu, die Polizei hinzuzuziehen, gerade bei psychiatrischen Einsätzen. «Die Frage ist dann einfach, ob man das machen will, da es das Vertrauensverhältnis zum Patienten er­heb­lich stören kann.»

Einst eine Woche am Stück

Als Schober vor bald elf Jahren die Praxis in Lützelflüh übernahm, galten noch andere Regeln. Der Hausarzt, den es traf, war für eine Woche am Stück erste Ansprechperson im Dienst.

Heute heisst es, an einem Tag von 7.30 bis 20 Uhr erste Ansprechperson zu sein, wenn Medphone eine Arztkonsultation empfiehlt. Und des Nachts ist man ebenfalls Ansprechpartner, wenn auch erst in zweiter Linie.

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