Kirchberg

Was aus der «Wäbi» wurde

Kirchberg Einst stellten Fabrikarbeiter in der Baumwollweberei Elsaesser und Cie. in Kirchberg Stoffe her. Heute finden sich auf dem Areal unter anderem Loftwohnungen, eine Crêperie und ein Fitnessstudio.

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Der Fabrikcharme ist noch immer zu spüren, heute noch prägen die Industriebauten das Ortsbild von Kirchberg. Es gab eine Zeit, da ­liefen in der Fabrikhalle die ­Webstühle auf Hochtouren. Die Baumwollweberei der Familie Elsaesser in der Lorraine war mehr als eine Tuchfabrik, sie war ein ganzes Fabrikdorf. Die Angestellten arbeiteten hier, sie wohnten hier, sie lebten hier. Die «Wäbi» galt seinerzeit als bedeutendes Unternehmen, im Bernbiet war sie die einzige Fein- und Weiss­weberei. Das war vor einem Jahrhundert. Die Webstühle stehen längst still, Fabrikarbeiter gehen längst keine mehr ein und aus.

Im Innern der Bauten hat sich vieles gewandelt: Im Hauptgebäude der unter Denkmalschutz stehenden Liegenschaften laufen derzeit Bauarbeiten, im Spätsommer soll ein Ärztezentrum eröffnet werden. Damit wird weitergeführt, was die Besitzerin, die Elsaesser Kirchberg AG, im Sinn hat: dem einstigen Fabrikdorf neues Leben einhauchen. Das sagt Petra Elsaesser, Geschäftsführerin der Immobilienfirma. Sie wirft einen Blick zurück und einen in die Zukunft des grossen Areals an der Eystrasse.

Die Begegnung

Ihren Anfang nahm die Geschichte der «Wäbi» in der Mitte der 1860er-Jahre. Damals, so steht es im Ortsbuch von Kirchberg, das 1994 von der Gemeinde herausgegeben wurde, begegneten sich die Töchter Louise Elsaesser aus Kirchberg und Barbara Oberholzer aus Wald im Zürcher Oberland bei einem Sprachaufenthalt in Lausanne. Später lernten sich die beiden Familien kennen und verbanden sich durch mehrere Heiraten.

1871 gründeten Ferdinand Oberholzer, der inzwischen Louise Elsaesser geehelicht hatte, und die Brüder Alexander und Emil Elsaesser die mechanische Baumwollweberei mit Fabrikgebäude, Fertigungs- und Hilfsanlagen sowie Energieversorgung mit Wasserrad und Dampfmaschine. Ferdinands Vater führte bereits Webereien in Wald. Ein Jahr nach der Gründung liefen die Webstühle an.

Das Fabrikdorf wuchs. Die Arbeiter kamen aus Kirchberg selbst, aber auch aus der Umgebung von Bern, dem Emmental und dem Oberaargau. Die Firma Elsaesser und Cie. AG baute insgesamt 64 Fabrikwohnungen. In einem Nebengebäude entstand ein grösserer Aufenthaltsraum. Darin unterhielt die Firma einen Kinderhort für den Tageshütedienst mit Mittagstisch, zur damaligen Zeit eine Pionierleistung. Der Raum diente zudem der Sonntagsschule, für Versammlungen und für Proben des Elsaesser-Chores.

Der Untergang

Die Blütezeit erlebte die Weberei in den 1920er-Jahren. Sie verfügte über 477 Weisswebstühle, verkaufte die Stoffe über Textilgrosshändler in Europa und Amerika. Wichtiger Markt war auch St. Gallen. Doch der Wirtschaftseinbruch von 1930 veränderte die Nachfrage: Die feinen Baumwollstoffe im höheren Preissegment wurden durch mittelfeine Produktionen für Heimtextilien wie Bettwäsche oder Vorhangstoffe abgelöst.

Ausgangs der 1950er-Jahre wurde der Wettbewerbsdruck übermächtig. Die automatischen Webmaschinen waren schliesslich der Untergang der mechanischen Webstühle. Hans-Beat und Anne-Marie Elsaesser, die 1973 in der dritten Generation die Führung übernahmen, konzentrierten sich auf das Handelsgeschäft mit Heimtextilien, Vorhang- und Dekorationsstoffen.

Weil die beiden Kinder Michael Elsaesser und Susanne Schlund-Elsaesser beruflich andere Wege gingen – er ist Finanzchef, sie Ärztin –, übergaben sie 2008 das Vorhanggeschäft samt Belegschaft und Inventar an die Créasphère-Gruppe mit Sitz in Wädenswil. Bis Ende 2015 mietete sie die Laden- und Lagerräume der ehemaligen Weberei, schon im Herbst letzten Jahres aber bezog sie einen neuen Standort im Kirchberger Dorfzentrum, in der alten Migros-Filiale an der Schulstrasse.

Der Wandel

Mit dem Wegzug von Créasphère nimmt die Textilgeschichte auf dem «Wäbi»-Areal ein Ende. «Wir fragten uns, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll», sagt Petra Elsaesser. «Unsere Idee: das Fabrikdorf in den Bereichen Lifestyle und Gesundheit auszubauen.» Auf dem Areal befinde sich seit 2004 ein Fitnessstudio, das nach einem Mieterwechsel eben wieder aufgegangen sei. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite böten Tierärztinnen Komplementärmedizin für Vierbeiner an, erklärt Elsaesser weiter.

Nach dem Tod von Hans-Beat Elsaesser im Jahr 2011 setzten Sohn und Tochter vor gut drei Jahren das geplante Projekt des Vaters um, wie Michaels Ehefrau Petra Elsaesser sagt. Im Hauptgebäude wurden vier Loftwohnungen eingebaut, ausserdem ist die Spielgruppe Zipfelwitz im Nebengebäude beheimatet. Sie wird ab August dieses Jahres von der Familiengruppe Kirchberg und Umgebung weiterbetrieben.

In der unteren Etagen befinden sich ein Friseursalon und ein Tattoostudio. Im ehemaligen Kosthaus sind bereits 2004 fünfzehn Wohnungen entstanden. Im Sonntagsschulstöckli, das im Mai 2009 ein Raub der Flammen wurde und vermutlich einem Brandstifter zum Opfer fiel, wurde später eine Maisonettewohnung eingerichtet; unten wird seit 2013 eine kleine Crêperie geführt.

Nun geht die Entwicklung mit einem Gesundheitszentrum im Hauptgebäude weiter. «Das Einzugsgebiet ist gross. Das Elsaesser-Areal mit Parkplätzen und eigener Bushaltestelle bietet sich geradezu dafür an», hält Petra ­Elsaesser fest. «In der Region herrscht ein Ärztemangel.»

Das Problem sei akut geworden, als Ende 2014 der letzte Hausarzt in Ersigen, Heinz Bähler, seine Praxis altershalber aufgab. Das Dorf verlor seine ärztliche Grundversorgung (wir berichteten). In Kirchberg hätten, so Petra Elsaesser, die Rehlipark- und die Emme-Praxis zu viele Patienten, zum Teil sei sogar ein Patientenstopp verfügt worden.

Das Zentrum

In einem halben Jahr soll das Ärztezentrum mit Allgemein- und Spezialärzten im Erdgeschoss, wo zuvor das Vorhanggeschäft ein­gemietet war, aufgehen. Namen wollte Petra Elsaesser noch keine nennen. Geplant sei nebst einem weiteren grossen Loft auch eine Chiropraxis und eine Ernährungsberatung. «Für eine allfällige Erweiterung wäre noch Lagerraum vorhanden.» Sobald das Zentrum fertig ist, wird im Spätsommer ein Tag der offenen Türe stattfinden, an dem die einzelnen Geschäftsmieter besucht werden können. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.02.2016, 09:26 Uhr

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