Trubschachen

Wände statt Bildschirme

TrubschachenWährend der Filmabende im Open-Air-Kino Hof 3 in Trubschachen gibt es in diesem Jahr eine Fotoausstellung zu besichtigen. Vier Fotografen suchen im Unspektakulären ein Abbild der Gegenwart.

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Ein Bild etwa zeigt den Lang­nauer Werbemann und Schauspieler Hanspeter Buholzer in schwarzem Anzug, roter Krawatte an einem Tisch sitzend, vor sich ein grosses, schönes Bier. Ein anderes erlaubt einen Blick in einen Raum mit Schreibtisch, rotbraunem Schrank und dem typischen mit beigem Stoff überzogenen Bürostuhl. Es sind schöne, stille Bilder, irgendwie aus der Zeit gefallen.

Sie passen so gar nicht zu dieser lauten Welt von heute, in der tagein tagaus auf Facebook und Instagram Hunderte von Millionen von Bildern hochgeladen, gezeigt, geteilt, gelikt, um den ganzen Globus geschickt werden.

Welches Medium

Noch nie war die Welt so gut dokumentiert wie heute. Doch was zeigen diese Bilder eigentlich? Diese Frage hat sich Tom Turtschi, Betreiber des Open-Air-Kinos Hof 3, gestellt und sie mit seinem Freund, dem Fotografen ­Andri Pol, auch diskutiert. Was ist heute das passende Medium für Fotografien? Sind es Bücher? Bildschirme? Ist es überhaupt noch zeitgemäss, Aufnahmen an leere Wände zu hängen?

«Ich bin davon überzeugt», sagt Tom Turtschi, «dass dem Medium Fotografie nach wie vor ein ganz anderes Potenzial innewohnt.» Ihn habe die Frage interessiert, welche Bilder heutige Fotografen auswählten, um den Menschen einen Spiegel der Welt vorzuhalten. «Entsteht durch den Akt des Redigierens, des Auswählens ein Abbild unserer Welt, das mehr zeigt als ‹gefällt mir› und ‹gefällt mir nicht› der anonymen Massen?»

«Entsteht durch den Akt des Redigierens, des Auswählens ein Abbild unserer Welt, das mehr zeigt als ‹gefällt mir› und ‹gefällt mir nicht› der anonymen ­Massen?»Tom Turtschi
Betreiber des Kinos Hof?3

Sechs Begriffe

Seit zweiundzwanzig Jahren gibt es das Hof 3-Open-Air-Kino nun schon. Anfangs gehörten parallel zu den Filmabenden laufende Bilderausstellungen mit dazu. Nach einem Unterbruch von rund zehn Jahren hat Turtschi letztes Jahr diese Tradition wieder aufgenommen. Er zeigte Bilder des Kunstmalers Markus Waber. Und in diesem Jahr ist es nun also diese Fotoausstellung.

Die Fotografen waren schnell gefunden. Sie stammen alle aus Trutschis erweitertem Bekanntenkreis: Toni Frank, Christoph Pieren, Herbert Widler und Jan Ryser. Weniger rasch ging es, den Rahmen zu stecken. Denn: «Meine Idee war vielleicht noch etwas zu diffus», bekennt Tom Turtschi. So setzten sich die Männer zusammen und suchten nach Eckpfeilern, nach Begriffen, um die herum sie ihre Bilder auswählen konnten. Ein Dutzend seien zusammen gekommen, sagt Turtschi. Auf sechs hätte man sich dann einigen können: Heimat, Patchwork, peripher, Schnittstelle, Stadt-Land und zeitlos.

Verschiedene Stile

Die Bilder sind elegant in die Räumlichkeiten des Hofs integriert. Sie hängen etwa hinter den dampfenden Cateringbehältern im Restaurant, sie säumen den Treppenaufstieg, sie schmücken den Saal im oberen Stockwerk, und ein Bild ziert sogar die Toilettentüre.

So gross das Themenfeld und unterschiedlich die Fotografen, so vielfältig kommt auch die Ausstellung daher. Jan Rysers Bilder sind grafisch betonte, künstlerische Aufnahmen, oft mit gekonntem Zusammenspiel von Licht und Schatten. Mit Linien und Formen spielt auch Herbert Widler, der unter seiner Auswahl unter anderem skurrile Schnappschüsse vorzuweisen hat.

Ein Highlight der Ausstellung sind Christoph Pierens Porträts. Neben Hanspeter Buholzer zeigt eines beispielsweise den Langnauer Antiquariatinhaber Jürg Mäder, wie er für einmal ungewöhnlich und gar etwas bieder in seinem Einfamilienhausgarten steht. Unkonventionell und kreativ ist Toni Franks Zugang. Seine nach der Art der Stillleben gebauten Bilder etwa sind nicht nur künstlerisch interessant, sondern auch witzig.

«Ja, so leben wir heute»

Einen Wermutstropfen gibt es. Der Rahmen, wenn auch auf sechs Begriffe reduziert, wirkt zu gross. Der Eindruck entsteht, dass quasi alles erlaubt war. Der Akt des Auswählens hätte noch stärker durchgezogen werden können, um wirklich eine Aussage gegen die heutige Bilderflut zu machen.

Viele Fotos zeigen stille Landschaften, laute Städte, Häfen, Häuser, Fahrzeuge, verlassene Orte, Grenzregionen. Menschen sind eher selten im Zentrum. Nur wenige Aufnahmen sind datier- oder gar verortbar. Aber gerade jene Bilder, die man erkennt, weil sie aus der Umgebung sind, aus Bern, aus Langnau etwa, lassen den Gedanken aufkommen: «Ja, so leben wir heute, und eigentlich ist hinter dem Lärm vieles noch so, wie es schon immer war.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.08.2018, 06:59 Uhr

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