Lützelflüh

Wachs heilt alle Wunden

LützelflühDer Bauer Johann Bärtschi hat vor über einem Jahrhundert «Bärtschi’s Baumwachs» erfunden. Hergestellt wird das Wundmittel nicht mehr im Emmental, ­sondern im Kanton Solothurn. Doch die Zutaten sind die­selben wie anno dazumal.

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«Wird bei Frost nicht rissig und tropft im Sommer nicht ab. Unbeschränkt haltbar.» So stehts auf der Verpackung von «Bärtschi’s Baumwachs» geschrieben. Erfunden wurde das Veredlungs- und Wundmittel für Bäume im Emmental. Genauer gesagt in Waldhaus bei Lützelflüh. Dort tüftelte Johann Bärtschi im Jahr 1872 an einem besonderen Wachs. Er war Bauer, leidenschaftlicher Baumschulist und Tüftler.

Eigens für die Herstellung des Baumwachses erstellte Johann Bärtschi rund hundert Meter unterhalb seines Hofes zwei sogenannte Baumwachshüsli. Alfred Bärtschi, der in dem Bauernhaus aufgewachsen ist und mittlerweile den Betrieb mit seiner Frau Heidi führt, erinnert sich noch gut an die zwei Baumwachshüttli, die einst sein Urgrossvater erstellt hatte und die vor etlichen Jahren abgerissen wurden.

«Ich habe dort manchmal mit meinen Geschwistern Verstecken gespielt.» Ein Gebäude sei eine Art Schopf gewesen, das andere aus gemauerten Backsteinen. Im Innern hätten sich ein grosser und zwei kleinere Kessel befunden, die mit Holz beheizt worden ­seien, erzählt er.

Abfüllstation und Packraum

Auch Elisabeth Brändli-Bärtschi, die Enkelin des Erfinders, war als Kind oft in den Hütten anzutreffen. «Wir streckten jeweils die Finger in das Wachs. Wenn es abgekühlt war, gab es ein Hütchen auf den Fingerspitzen.»

Auch später blieb ihre Faszination für das Baumwachs. So produzierte sie mit ihrem Mann Otto, der im letzten Jahr verstorben ist, anfangs das Wundmittel noch in den alten Baumwachshüttli.

Dann zügelten sie die Produktion in den eigens dafür erstellten Fabrikationsraum mit Abfüllstation, Packraum und Büro im Untergeschoss ihres Wohnhauses in Waldhaus.

Kochkessel umfunktioniert

Für die Produktion kauften Brändlis einen elektrischen Kartoffeldämpfer. Solche Geräte benutzten früher die Landwirte, um Kartoffeln zu schwellen, die sie an die Schweine verfütterten. Doch für die Wachsproduktion bedurfte es noch kleiner Anpassungen.

«Der Kochkessel wurde in der Lieferfirma mit elektrischen Steuer- und Temperaturmessgeräten ausgestattet, danach funktionierte er einwandfrei für die Herstellung von Wachs», erzählt Elisabeth Brändli. Das Ehepaar fertigte, wie bereits der Grossvater von Elisabeth Brändli, kaltflüssiges Baumwachs an und füllte dieses in ­Dosen ab.

Und wie einst Johann Bärtschi tüftelte auch das Ehepaar. «Das flüssige Wachs ist klebrig. Gemeinsam mit einem Chemiker haben wir darum eine Wachstafel und eine Blumensteckmasse entwickelt», erzählt Elisabeth Brändli und fügt hinzu, dass dieses Produkt «Steck-Hit» als Grundlage für Blumengestecke verkauft wurde.

Sämtliche Produkte wurden ausschliesslich an Grossisten wie Coop, Landi, Hobby-Center und Samenhandlungen geliefert. Dennoch, ob Tafel oder Flüssigwachs: Beides ist zum Schliessen von Baumwunden und zum Veredeln von Bäumen geeignet.

Rezeptur im Kopf

«Es ist nach wie vor schweizweit das einzige Produkt, das aus Naturmaterial besteht. Darum ist es auch für den biologischen Anbau geeignet», erklärt Elisabeth Brändli. Und sie erzählt, dass das Baumwachs zu einem Grossteil aus Fichtenharz und Bienenwachs bestehe. Mehr jedoch verrät sie nicht von der Rezeptur.

Im Kopf hat sie diese jedoch noch genau, obwohl die letzte Herstellung rund vierzehn Jahre zurückliegt. Damals verkauften Brändlis das Patent und die ganze Infrastruktur an Peter und Jacqueline Borer im solothurnischen Grindel.

«Wir waren altersbedingt gezwungen, schweren Herzens die Fabrikation zu verkaufen, da unser Sohn an der Produktion nicht interessiert war», erklärt Elisabeth Brändli.

Borers stellen das Wachs immer noch nach der gleichen Rezeptur her. Sie verwenden auch immer noch die gleiche Verpackung und dasselbe Logo: einen dicken Ast mit zwei mit Bast fixierten Edelreisern. Sie beliefern ebenfalls die Landi und Coop Bau + Hobby. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.01.2018, 16:51 Uhr

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