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Von eitlen und mutigen Männern

Mike Blaser und Agied Issa sind keine dreissig und bereits ihre eigenen Chefs. In Burgdorf führen sie gemeinsam das Restaurant Zum Koch. Am Montag eröffnen sie an der Dorfstrasse in Langnau ihr zweites Geschäft: einen Barbershop.

Zuerst ein eigenes Restaurant und jetzt einen Barbershop: Mike Blaser (links) und Agied Issa gefällt das Leben in der Selbstständigkeit.
Zuerst ein eigenes Restaurant und jetzt einen Barbershop: Mike Blaser (links) und Agied Issa gefällt das Leben in der Selbstständigkeit.
Hans Wüthrich

Wer sich in Langnau umsieht, weiss: Hier dominiert der Schnauz. Der berühmte Hipster-Bart scheint noch nicht ins obere Emmental vorgedrungen zu sein. Zwei junge Männer sind da aber anderer Ansicht. Beide sind 29 Jahre alt, und beide haben eine Kochlehre im Schloss Hünigen hinter sich. Einer heisst Michael «Mike» Blaser, der andere Agied Issa. Mike Blaser kommt aus Schüpbach, und Agied Issa ist 1999 aus Syrien in die Schweiz geflüchtet und dann in Aeschau aufgewachsen. Neben dem Alter und dem beruflichen Werdegang haben die beiden noch eine andere Gemeinsamkeit: keine Angst davor, etwas zu wagen.

Letzten Sommer haben sie das Restaurant Zum Koch an der Oberburgstrasse 5 in Burgdorf eröffnet – in den Räumlichkeiten der ehemaligen Metzgerei Hofer. Hier stehen sie an diesem Tag in T-Shirts und mit Baseballcaps hinter der Theke und machen einen unverschämt entspannten Eindruck.

Etwas für die Jungen

Die Mittagszeit ist gerade vorbei. Das Tagesgericht, Curry-Reis mit Poulet, war vorzüglich. Auf der Karte finden sich verschiedene Burger, orientalische Grillsandwiches, Flammkuchen ­– und Shisha-Pfeifen. Issas und Blasers Küche kommt gut an. Auf der Internetplattform Tripadvisor gehen die Bewertungen durch die Decke. Trotz der grossen Terrasse hinter dem Haus sind die beiden aber mit dem Standort ihres Restaurants nicht zufrieden. In der Innenstadt wärs besser, finden sie. Aber derzeit haben sie sowieso anderes im Kopf.

Denn heute eröffnen die beiden ihr zweites Geschäft: Zum Barber Shop, einen Herrencoiffeur an der Dorfstrasse 3 in Langnau. Jawohl, jenes Langnau im Emmental, wo die Männer nur Schnäuze tragen und es laut Onlinetelefonbuch bereits mindestens 18 Coiffeurläden gibt. Aber solche Zahlen bringen die beiden nicht aus dem Konzept. Agied Issa sagt es mit ruhiger Stimme: «Wie schon im Restaurant bieten wir hier etwas für die Jungen, vor allem auch für jene mit Migrationshintergrund.»

Und ja, die Jungen von heute, mit oder ohne Migrationshintergrund, tragen Bärte. Und die wollen gehegt und gepflegt werden. Wer keinen oder noch keinen Bart hat, den wird mit Sicherheit die Eitelkeit in den Barbershop treiben, davon sind die beiden überzeugt. «Die jungen Männer von heute sind schlimmer als Frauen», sagt Issa. «Sie geben mehr für das Styling aus als für das Essen.»

Agied Issa ist bereits an drei weiteren Herren-Coiffeurläden beteiligt, zwei in Bern und einer in Burgdorf. Er weiss: Was diese anbieten, fehlt in Langnau. Ein Ort für den Bart, für den Mann, ja ein Ort für die männliche Eitelkeit, ganz ohne Frauen. Denn wie in Issas Heimat üblich wird es auch im Langnauer Barbershop keine weiblichen Angestellten geben.

Ohne zwanghaftes Geplauder

Vielleicht haben die beiden wirklich eine Marktlücke gefunden. Und vielleicht kommen sogar die hiesigen Schnauzträger auf den Geschmack. Vor allem all jene Männer, die zwar nichts gegen weibliche Friseure haben, aber das zwanghafte Geplauder nicht mögen. «Bei uns musst du nicht reden, wenn du nicht magst. Hier kannst du schweigen, ein Bier oder einen Whisky trinken und dich pflegen lassen», sagt Mike Blaser.

Die Aussichten in Langnau sind gut. Jedenfalls besser als etwa in Bern, wo Barbershops wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Agied Issa spricht aus Erfahrung, wenn er sagt, dass es bereits zu viele gebe. «Jeder will sein eigener Chef sein», erklärt er. «Das ist nicht gut. Die Qualität leidet. Gutes Personal ist selten.»

Mittels Inserat und über Facebook haben Blaser und Issa in den letzten Wochen nach guten und erfahrenen Friseuren für ihr Geschäft gesucht und sind fündig geworden: zwei junge Männer, aus Afghanistan und dem Irak. «Wir wollen eigentlich niemanden mit einer Schweizer Coiffeurausbildung. Wir wollen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund eine Chance geben», sagt Blaser. Wichtig sei, dass die Person in ihrem Land bereits als Friseur gearbeitet habe.

14 Jahre lang gespart

Ab heute ist der erste Langnauer Barbershop sechs Tage in der Woche geöffnet. Alles läuft ohne Voranmeldung. Günstige rund 30 Franken kostet der Haarschnitt inklusive Bartpflege (siehe Kasten). Ob sich das rechnet? «Ja», sagt Agied Issa, «weil die Jungen heute nicht dreimal im Jahr, sondern manchmal dreimal im Monat zum Friseur gehen.»

Apropos Geld: Viel geben die Jungunternehmer über die Finanzierung nicht preis. Nur das: «Wenn du 14 Jahre lang als Koch gearbeitet hast, bist du selber schuld, wenn du nichts auf die Seite legen konntest.» So schauen die jungen Männer entspannt in die Zukunft und hoffen, dass die jugendliche Eitelkeit blüht und die Barthaare noch lange ­spriessen.

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