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Trompetenklänge bei gefühlten 50 Grad

Wie vielfältig aktueller Jazz von jungen Musikern daherkommt, zeigte das Eröffnungskonzert der Jazz Nights.

Theo Crocker eröffnete mit seiner Trompete die Jazz Nights Langnau.
Theo Crocker eröffnete mit seiner Trompete die Jazz Nights Langnau.
Manuel Zingg

Es passte perfekt: Festivalgründer Walter Schmocker erinnerte in einer kurzen Eröffnungsrede an den verstorbenen Trompeter Roy Hargrove und bat danach, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, mit Theo Croker einen der hoffnungsvollsten jungen Bläser und zugleich stärksten Vertreter der afro-amerikanischen Jazztradition auf die Bühne. Die Jazz Nights in Langnau sind eröffnet.

Die gelbe Jakobinermütze, in der Theo Croker seine Haarpracht versteckt, deutet auf Revolution. Der optische Anblick täuscht. Das schwarze Energiebündel vertritt seine Anliegen nicht verbissen wie ein Black-Power-Revolutionär mit erhobener Faust, sondern charmant mit einem herzerwärmenden Verhalten.

Erinnerung an Wynton Marsalis

Die lang anhaltenden, wunderschön klingenden Töne aus seiner Trompete, die er an den Anfang seines Auftritts stellt, erinnern an den jungen Wynton Marsalis. Wie einst Marsalis scheint auch er sich auf diese Weise von Schnellfeuer- und Hochtonartisten unterscheiden zu wollen.

Dicht gestrickte Klangnetze

Im Unterschied zu Marsalis aber gibt sich Croker weniger formalistisch. Er setzt in seinem Spiel mehr auf Wärme (bei gefühlten 50 °C in der Kupferschmiede), menschliche Nähe und Lockerheit.

Der Titel «Escape Velocity» seines Albums, aus dem er zitiert, weist darauf hin. Über dicht gestrickten Klangnetzen der Mitmusiker kann Croker seinen Ideen freien Lauf lassen und dem Geschehen zwischen Jazz, Rock und Funk mit der Trompete stets neue Impulse verleihen. Besonders viel schwarzes Soulfeeling geht von Mike Kings Piano aus. Wie so oft bei schwarzen Musikern wurzelt es in jugendlichen Gospelerfahrungen.

Das Flügelhorn hat Theo Croker erst vor ein paar Stunden von Instrumentenbauer Inderbinen erhalten.

Als Croker für die Ballade «Never Let Me Go» zum Flügelhorn greift und mitteilt, dass er es erst vor einigen Stunden von Instrumentenbauer Inderbinen erhalten habe, gibts gleich mehrere historische Bezüge: zu Roy Hargrove, der den Song vom Nicht-gehen-Lassen stets mit viel Inbrunst zelebrierte, zu Wynton Marsalis, der an einem der Berner Jazzfestivals ebenfalls ein neues Inderbinen-Horn präsentierte, und schliesslich zu Chet Baker und zu Crokers Grossvater Doc Cheatham, die beide als erklärte Balladenliebhaber gerne süsse Worte mit zarter Stimme ins Mikrofon hauchten.

Engere Kreise

Während im Zentrum von Crokers Musikschaffen stets die Wurzeln und damit die ganze Geschichte seiner afroamerikanischen Brothers und Sisters stehen, zieht die zweite Gruppe des Abends engere Kreise.

Mit seiner Seasons Band beschäftigt sich der kanadisch-amerikanische Saxofonist Ben Wendel mit einem eigenen Musikprojekt, das er als Suite von zwölf Youtube-Videos 2015 veröffentlicht hat. Inspiriert nicht etwa von den berühmten «Vier Jahreszeiten» von Vivaldi, sondern von den selten aufgeführten zwölf Klavierstücken von Peter Tschaikowsky, widmete der Amerikaner 140 Jahre nach dem Russen jedem Monat eine Komposition und versuchte, typische Stimmungen einzufangen.

Seit der Publikation entwickelt Wendel die ursprünglich für ein Duo geplanten Werke immer weiter,

Seit der Publikation entwickelt Wendel die ursprünglich für ein Duo geplanten Werke immer weiter, eine Art «Work in Progress» also, woran nun auch das Publikum in Langnau teilgenommen hat. Mit viel Applaus endete das Eröffnungskonzert kurz nach Mitternacht.

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