Tinu und die Dead Riders

Martin Burkhard und die «Dead Riders» stehen hinter dem internationalen Bikerfest der Schweiz. Der Sumiswalder im BEsonders-Porträt.

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Sandra Rutschi

Kreuz und quer flitzen Motorräder und Mofas über das Festgelände in Sumiswald. Ein Boot mit Rädern tuckert vorbei, später ein Gefährt mit Tisch. Auf dem Rücksitz eines fahrenden Töffs balanciert eine Frau eine Holzstange mit zehn vollen Bierbechern. Zwischen den Festbänken vor dem grossen Zelt schlendert ein Mann mit Glatze, Ledergilet und Bärtchen durch die Menge. Alle drei Meter bleibt Martin Burkhard stehen, umarmt jemanden, klopft auf Schultern, schüttelt Hände. Auf der Bühne spielt die Band Harlekin Mundartpunk. Motoren heulen, Rauch steigt auf: Beim Burn-out-Stand lassen zwei Töfffahrer Gummi liegen. Laut ists am Töfftreff in Sumiswald – und wer die Ohren schützen will, findet am Infostand Oropax. Auch Martin Burkhard ist auf dem Weg dorthin – aber nicht, weil es ihm zu laut ist. Sondern weil er dort der Hauptverantwortliche ist.

Gemeinsam mit den neunzehn anderen Mitgliedern des Töffclubs Dead Riders organisiert Martin Burkhard alle zwei Jahre in Sumiswald die mittlerweile grösste internationale Bikerparty der Schweiz. Dieses Wochenende strömten wiederum über 30 000 Besucher aus aller Welt ins Emmental und gesellten sich zu den Einheimischen, für die der Töfftreff auch ein Volksfest ist.

Die Freunde

Martin Burkhard hat sein Leben dem Töfffahren verschrieben. Wie alle anderen Dead Riders nimmt er jeweils zwei Wochen Ferien, um beim Töfftreff mitzuhelfen. Martin Burkhard ist zuständig für den Infostand, packt aber wie alle anderen jeweils dort mit an, wo Not am Mann ist. Ausserdem ist Tinu, wie ihn alle nennen, Road Captain des Clubs – nebst dem Präsidenten eines der langjährigsten Mitglieder: Wenn die Dead Riders auf Ausfahrten gehen, plant der Sumiswalder die Routen und fährt vornweg.

Ein ratternder Konvoi folgt dann seiner Harley durch die Emmentaler Hügel oder ins nahe Ausland. Die matt schwarze Spezialanfertigung ist der fünfte Töff in Burkhards Garage – nebst dem Enduro, dem Töff seiner Frau, jenem für seine Fahrschule und einem Reisetöff. Bis in die USA war er bereits mit den Dead Riders unterwegs. In jüngeren Jahren oft mit den Zelten, heute eher anders.

Es waren Freunde und Schulkollegen von Martin Burkhard, die 1989 beim Bräteln auf der Lueg den Club gegründet haben. Er heisst Dead Riders («Dead» auch im Sinn von «Stille, ruhige» Reiter), weil Motorradfahrer auf der Strasse besonders gefährdet sind. Wenige Monate später stiess auch Tinu dazu und half mit, 1990 auf gut Glück das erste Bikertreffen zu organisieren. Volkstümliche Musik sollte freitags gespielt werden, so war die Auflage der Gemeinde. Die Festhütte blieb leer. Samstags hingegen, als es rockig zu- und herging, wie es zu den Bikern passt, strömten die Leute herbei. «Es bedeutet mir sehr viel, dass wir paar Jungs so ein grosses Fest etablieren konnten», sagt Martin Burkhard 28 Jahre und fünfzehn Feste später.

Die Harley

Die Dead Riders sind für den Sumiswalder wie eine zweite Familie. Jeden Mittwoch trifft sich die Gruppe im Clublokal in Grünen, sitzt beisammen, fährt aus, heisst Besucher willkommen. Doch nicht nur das Zelten hat sich mittlerweile geändert: Dass Tinu heute ausgerechnet mit einer Harley unterwegs ist, sorgt bei seinen Freunden immer wieder für Amüsement. Denn früher betonte er immer wieder, er wolle nie eine Harley. Damit könne man nicht richtig Gas geben, nicht in die Kurven liegen. «Unrecht habe ich noch heute nicht», sagt Martin Burkhard und schmunzelt. Aber als zweifacher Familienvater sei er nun gern mal gemütlich unterwegs.

Früher, mit 18 und blonder Lockenmähne, gab es für Tinu nichts anderes als Töfffahren. «Ich konnte mir kein Auto leisten, deshalb fuhr ich bis 23 ausschliesslich Töff», erinnert er sich, während er in alten Fotoalben blättert. Der Vorteil, so früh zum Club gestossen zu sein, liegt auf der Hand: Martin Burkhard war nie Knecht. Knechte nennen die Dead Riders jene Männer, die neu zum Club kommen möchten und sich zuerst bewähren müssen – etwa, indem sie nicht mit auf eine Ausfahrt gehen, sondern im Clubhaus den Grill und die Fritteuse anwerfen. Die Dead Riders haben strenge Aufnahmeregeln: Jedes Mitglied muss damit einverstanden sein, dass das neue Mitglied aufgenommen wird. «Das mag hart klingen – aber so können wir sicher sein, dass es nie Ärger geben wird.»

Der Frieden

Ein friedlicher Töffclub – eine Vorstellung, die nicht dem gängigen Klischee entspricht. Oft werden Biker als zwielichtige Gestalten betrachtet, die auch mal zuschlagen. Die Dead Riders grenzen sich auch deshalb bewusst von der Motorradclub-Szene ab, die streng hierarchisch organisiert ist. Einst mischten sie in diesem MC-Gefüge mit, heute stehen sie aber aussen vor. «Wir verstehen uns gut mit den anderen Clubs und schätzen einander. Aber es ist gut so, wie es jetzt ist», sagt Martin Burkhard.

Der Fahrlehrer

Rücksicht nehmen aufeinander: Das liegt dem 47-Jährigen nicht nur in der Bikerszene am Herzen, sondern auch, wenn er als Fahrlehrer Junglenkern das Auto- und das Töfffahren beibringt. Dann sitzt er im Hemd auf dem Beifahrersitz seines grasgrünen Audi Quattro und gibt in aller Seelenruhe Anweisungen. «Links in Richtung Interlaken», «Achtung, ein Töff», «Nicht zu weit rechts fahren» – Hektik kommt kaum je auf in «Tinus Fahrschule», nicht einmal im dreispurigen Burgernzielkreisel in Bern. Martin Burkhard war gelernter Schreiner, als er mit Mitte 20 auf die Fahrschule setzte. Weshalb ausgerechnet darauf, weiss er nicht mehr. Vielleicht war es die Liebe zur Strasse, die ihn in diesen Bereich zog. Mittlerweile hat er Hunderten von Leuten das Auto- und das Töfffahren beigebracht – unter anderen seinen Eltern.

Weit hatten sie nicht, um in die Theoriestunde zu gehen: Das Lokal hat Martin Burkhard im Haus eingerichtet, in dem er aufgewachsen ist und in dem heute seine Eltern sowie er selbst mit seiner Frau Christina, den beiden Buben Alessio (3) und Mischa (1) und zwei Hunden wohnen. Und genau genommen stehen in seiner Garage nicht nur fünf Töffs – sondern sechs. Denn das Töfffieber grassiert in der Familie: Alessio hat mittlerweile vom Like-a-Bike auf einen ersten kleinen Elektrotöff umgesattelt. Früh übt sich, wer ein Biker werden will.

Berner Zeitung

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