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Täter oder Opfer?

Vor dem Berner Obergericht sitzt ein Wirt aus dem Emmental, der eine Angestellte vergewaltigt haben soll.

Johannes Hofstetter
Der Fall einer Vergewaltigung wurde bis ans Obergericht gezogen: der Angeklagte wurde vor einem Jahr zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten verklagt.
Der Fall einer Vergewaltigung wurde bis ans Obergericht gezogen: der Angeklagte wurde vor einem Jahr zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten verklagt.
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Für das Regionalgericht Emmental-Oberaargau war der Fall klar: Wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung verurteilte es vor knapp einem Jahr einen Beizer aus der Region Burgdorf zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten.

Die Frau hatte angegeben, dass sie sich in der Beiz einen Kaffee genehmigt habe, nachdem der letzte Gast gegangen sei. Wenig später sei ihr unwohl geworden. Deshalb habe sie ihren Chef gebeten, sie nach Hause zu fahren. Daraufhin habe der Kosovare sie in ein Hinterzimmer geführt, wo er über sie hergefallen sei.

Wehren habe sie sich nicht können, weil ihre Arme und Beine «wie gelähmt» gewesen seien, sagte die Frau – und deutete an, es bestehe die Möglichkeit, dass ihr Peiniger ihr kurz zuvor etwas ins Getränk gemischt habe. Nach dem Übergriff habe sie sich in ihren Wagen gesetzt, um nach Hause zu fahren. 20 Minuten später teilte sie ihrem Arbeitgeber per SMS mit, sie sei jetzt daheim.

«Es gibt Unstimmigkeiten»

Der Angeklagte räumte ein, in seiner und in ihrer Wohnung sowie in der fraglichen Nacht Sex mit der Frau gehabt zu haben. Die Initiative, behauptete er, sei aber immer von ihr ausgegangen.

Er und sein Pflichtverteidiger Bruno Lehmann zogen den Fall ans Obergericht weiter. Dort wiederholte der Mann gestern, was er schon in Burgdorf gesagt hatte. Auch die Frau blieb bei ihren Darstellungen. Der Rechtsbeistand des Beizers erklärte, mit der Glaubwürdigkeit der Frau sei es nicht ganz so weit her, wie vom Regionalgericht vermutet. Unstimmigkeiten gebe es nicht nur im zeitlichen Ablauf, sondern auch und ganz besonders hinsichtlich des Verhaltens des angeblichen Opfers vor, während und nach der angeblichen Tat.

Wie eine Frau, die sich eine Stunde lang nicht bewegen konnte, von einer Minute auf die andere in der Lage sein soll, ein Auto zu lenken, erschliesse sich ihm nicht. Weiter erwähnte der Verteidiger, dass der Mann und die Frau genau dann einen sehr intensiven fernmündlichen Verkehr gepflegt hätten, als die Freundin des Wirtes in den Ferien weilte. Und dass die Frau eine ganze Reihe von Textnachrichten des Beizers von ihrem Handy gelöscht habe, bevor die Polizei sich mit dem Gerät beschäftigen konnte.

«Aus Rache beschuldigt»

Für ihn, sagte Lehmann, stehe fest: Die Frau habe seinen Klienten zu Unrecht und aus Rache beschuldigt. Der Mann habe – nicht frei von sexuellen Eigeninteressen – versprochen, ihr finanziell aus der Klemme zu helfen, und ihr vorgegaukelt, sie zu lieben. Als sie merkte, dass er weder bezahlen noch sich von seiner Partnerin trennen würde, habe sie sich «ausgenutzt und im moralischen Sinne missbraucht» gefühlt.

Beweise für eine Schuld seines Klienten würden so oder so fehlen, fasste Lehmann zusammen. Er riet dem Obergericht unter dem Vorsitz von Hanspeter Kiener, den Wirt nach dem Grundsatz in dubio pro reo freizusprechen. Christof Scheurer, der ­stellvertretende Generalstaatsanwalt, empfahl dem Gremium, die in Burgdorf verhängte Strafe zu bestätigen. Das Urteil der zweiten Instanz steht noch aus.

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