Stefan Berger: «Es droht eine Nulllösung»

Burgdorf

Stadtpräsident Stefan Berger kämpft nach der wieder aufgeflammten Standortdiskussion vehement dafür, dass ein Departement der Berner Fachhochschule in Burgdorf angesiedelt wird.

Er glaubt daran, dass seine Stadt ein Standort der Berner Fachhochschule ­bleiben kann: Stefan Berger.

Er glaubt daran, dass seine Stadt ein Standort der Berner Fachhochschule ­bleiben kann: Stefan Berger.

(Bild: Thomas Peter)

2012 hat der Grosse Rat entschieden, dass Burgdorf ein Standort der Berner Fachhochschule (BFH) bleibt. Doch ab 2022 wird dies nicht mehr der Fall sein. Dafür werden die Technische Fachschule (TF) und ein Bildungszentrum für erneuerbare Energien (Teclab) angesiedelt. Herr Berger, sind Sie damit nicht zufrieden?Stefan Berger: Wir sind schon zufrieden, aber es ist eine suboptimale Lösung. Dieser Kompromiss kam zustande, weil man sagte, man könne das Departement Wirtschaft, Gesundheit und Soziale Arbeit (WGS) nicht auftrennen. Und weil der Bereich Gesundheit nahe beim Inselspital bleiben soll, musste das ganze Departement in Bern bleiben. Dies war der Hauptgrund, weshalb Burgdorf als BFH-Standort auf der Strecke blieb.

Jetzt sticht dieses Argument nicht mehr, zumal der Schulrat der BFH das Departement WGS aufteilen will. Unsere Hoffnung ist es jetzt tatsächlich, dass die Bildungskommission des Grossen Rates die Frage der Standortkonzentration in Bern und Burgdorf noch einmal überprüft. Eine Lösung könnte sein, dass ein Teil des WGS in Burgdorf angesiedelt wird. Zusammen mit der TF und dem Teclab trüge man damit dem Entscheid des Grossen Rates von 2012 voll Rechnung, und Burgdorf bliebe ein «echter» Fachhochschulstandort.

Der nach wie vor geltende Kompromiss TF und Teclab würde in diesem Fall hinfällig. Ich will dem Entscheid der Bildungskommission nicht vorgreifen. Fakt ist, dass auch die Ansiedlung von TF und Teclab für Burgdorf ein gutes Päckli wäre. Dieser Kompromiss ist für uns nicht das Optimum, aber er ist besser als nichts.

Stefan Berger: «Der Kompromiss ist für uns nicht das Optimum, aber er ist besser als nichts.» Bild: Thomas Peter

Hätte es denn am Standort Burgdorf überhaupt Platz für TF, Teclab und zum Beispiel das ­Departement Wirtschaft? Problemlos.

In den bestehenden Räumen der heutigen Fachhochschule? In jedem Fall müssen auf dem Gsteig einige Gebäude abgebrochen und durch einen Campus ersetzt werden. Dort wird die TF und vielleicht das Wirtschafts­departement angesiedelt. Aber auch am Standort Tiergarten, wo heute der Fachbereich Elektro- und Kommunikationstechnik ist, braucht es für das neue Teclab wahrscheinlich einige bauliche Anpassungen.

Macht es denn Sinn, wenn das in drei Departemente aufgespaltene Departement WGS an zwei verschiedenen Standorten – Bern und Burgdorf – geführt wird? Wie gross das Synergiepotenzial unter den drei Departementen effektiv ist, ist schwierig abzuschätzen. Wenn die Synergie allein darin besteht, dass Kantine und Sitzungszimmer gemeinsam benutzt werden, dann ist das Potenzial an einem kleinen Ort.

Leidet nicht die Attraktivität der BFH, wenn sich die Schulstandorte eines Departements in zwei Städten befinden? In Olten ist der Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz zum Beispiel direkt neben dem Bahnhof. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat neben Olten noch andere Standorte, etwa in Basel. Wenn die BFH in Bern, Biel und Burgdorf geführt wird, sagt dies nichts über die Qualität und die Attraktivität einer Schule aus.

Der Gemeinderat hat dem Re­gierungsrat als Folge der neu entbrannten Standortdiskussion einen offenen Brief geschrieben. Was erhoffen Sie sich? Zentral ist für uns, dass wir für den abgesegneten Kompromiss – TF und Teclab in Burgdorf – eine Sicherheit haben wollen. Nicht akzeptabel wäre für uns, wenn zuerst der Campus in Biel, dann jener in Bern-Weyermannshaus gebaut und Burgdorf nach erfolgter Planung mangels fehlender Finanzen zwischen Stuhl und Bank fallen würde. Wir wollen die Sicherheit, dass das im Kompromiss Versprochene auch in Burgdorf gebaut und nachhaltig betrieben wird. Bei der neu entbrannten Diskussion um den Standort haben wir da ohne fixe Zusicherung unsere Zweifel. Kundtun wollen wir auch, dass die Stadt für die Kompromisslösung bereit ist. Und: Es würde uns freuen, wenn ein Departement der BFH im Emmental ansässig würde.

«Wohl die meisten der Grossräte, die jetzt für den Standort Burgdorf eintreten, sind dannzumal nicht mehr dabei.»

Deshalb fordert der Gemeinderat, dass die Kredite für die BFH-Bauten in Burgdorf und Bern miteinander zur Abstimmung kommen. Genau. Wenn die Kredite nicht verknüpft werden, droht Burgdorf 2023 eine Nulllösung. Nicht zu vernachlässigen ist, dass es bis dann zweimal Grossratswahlen geben wird. Wohl die meisten der Grossräte, die jetzt für den Standort Burgdorf eintreten, sind dannzumal nicht mehr dabei. Wie sich dies auf das Abstimmungsverhalten auswirken wird, kann heute nicht gesagt werden. Wir haben Angst, dass wir hinten vom Karren fallen.

Was würde dem Gemeinderat die geforderte Sicherheit geben? Wenn der Grosse Rat jetzt für den Bau des Campus Burgdorf 200 Millionen Franken bewilligt. (lacht) Im Ernst: Die Politiker in Bern müssen sich jetzt ernsthaft überlegen, welche Sicherheiten sie uns geben werden.

Zweifeln Sie daran, dass der gefundene Kompromiss mehr als ein Lippenbekenntnis ist? Die Tatsache, dass die Politik von der BFH hinters Licht geführt wurde, zeigt doch, dass man sich mit Fug und Recht fragen darf: Gilt der Kompromiss noch oder gilt er nicht mehr?

Der Gemeinderat ist in einer etwas ungemütlichen Situation: Er hat den Spatz in der Hand, aber er hätte lieber die Taube auf dem Dach. Die Krux besteht für uns tatsächlich darin, dass wir die Kompromisslösung TF und Teclab nicht durch die zusätzliche Forderung nach einem BFH-Departement gefährden wollen, aber wir gerne ein «echtes» Departement der BFH in Burgdorf hätten.

Mit seinem offenen Brief an Erziehungsdirektor Bernhard Pulver ist der Gemeinderat in die ­Offensive gegangen. Folgen jetzt noch weitere Schritte? Jetzt warten wir einmal ab, wie sich die Bildungskommission entscheiden wird.

Der Gemeinderat bleibt aber am Ball? Wenn es heisst, man rolle den ganzen Standortentscheid nochmals auf, dann bringen wir uns und die Region sicher wieder in die Diskussion ein.

Will heissen, Sie bringen die von der Stadt erarbeitete Studie wieder auf den Tisch. Genau. Mit dieser Studie haben wir belegt, dass in Burgdorf eine so grosse Fläche zur Verfügung steht, dass man darauf einen ganzen WGS-Campus bauen könnte. Zurzeit laufen Planungsstudien für die Areale Gsteig und Tier­garten.

Was ist dort geplant? Basierend auf dem Kompromiss, dass die TF und das Teclab nach Burgdorf kommen sollen, werden wir zusammen mit dem Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons erörtern, wie und wo die beiden Bildungsinstitutionen auf den Arealen angesiedelt werden könnten. Dabei muss auch berücksichtigt werden, wie gross die Platzansprüche des Gymnasiums sind. Darauf basierend werden dann auf den Arealen entsprechende Baukörper geplant.

Das Departement Wirtschaft wird bei diesem Projekt nicht eingeplant? Nein, bei diesem Projekt noch nicht. Das können wir nicht, weil wir nicht wissen, welches ­Bildungsangebot schlussendlich nach Burgdorf kommt. Alles hängt davon ab, ob die Bildungskommission den ganzen Prozess nochmals aufrollen will.

«Wir können nur zeigen, dass wir bereit und offen sind», so Stefan Berger. Bild: Thomas Peter

Wenn Sie entscheiden könnten, wie würde der Bildungsstandort Burgdorf in zehn Jahren aus­sehen? Dann hätten wir ein starkes Gymnasium, das Departement Wirtschaft, die TF und das Teclab – nebst der obligatorischen Volksschule natürlich. Das wäre die ­optimale Lösung für Burgdorf, die Region und den Kanton. Für Burgdorf und die Region, weil wir dann ein echter Fachhochschulstandort wären. Und für den Kanton wäre es kostengünstiger, hier etwas zu machen.

Ist der Zug für Burgdorf also noch nicht abgefahren?Der Zug wurde angehalten. Vielleicht kann man ihn noch hinter die Weiche zurückstossen. Aber der Entscheid muss in Bern getroffen werden. Wir können nur zeigen, dass wir bereit und offen sind. Die Entscheidungsträger sollten sich gut überlegen, ob sie für kantonale Angebote längerfristig nicht besser auf kantonseigenem Land bauen wollen, statt sich für die notwendigen Flächen bei einem privaten Investor einzumieten. Letztlich geht es aber auch um die Frage: Wie viel sind dem Kanton seine Regionen wert?

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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