Hindelbank

Stau auf der A1 bedeutet Stress im Dorf

HindelbankIst auf der Autobahn Stau, bekommen das die Hindelbanker sofort zu spüren. Dann wälzt sich eine imposante Blechlawine durch ihr Dorf – so wie damals, vor der Eröffnung der A1.

Der pensionierte Landwirt Rudolf Keller lebt direkt neben der Autobahn und der Bahn. Foto: Andreas Blatter

Der pensionierte Landwirt Rudolf Keller lebt direkt neben der Autobahn und der Bahn. Foto: Andreas Blatter

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«An diese Zeit erinnere ich mich noch gut», sagt Rudolf Keller. 1965, als der Autobahnabschnitt zwischen Schönbühl und Kirchberg in Betrieb genommen wurde, hatte er soeben das Bauernlehrjahr im Jura begonnen. Bis dahin lebte die Familie Keller auf einem Bauernhof mitten im Dorf Hindelbank. Der Bau der Autobahn löste dann eine grosse Landumlegung aus, von der auch Kellers betroffen waren. Sie bauten ausserhalb des Dorfs, neben der Autobahn, eine neue Siedlung: eine Scheune, ein Wohnhaus und ein Stöckli. Das Bauernhaus im Dorf verkauften sie.

Die Autobahn habe den Alltag stark verändert, «zum Guten verändert», stellt der heute 71-Jährige fest. Vor der Eröffnung sei der Verkehr durchs Dorf enorm gewesen. Die Bahnunterführung gab es damals noch nicht, dafür eine Barriere. «Wenn sie geschlossen war, stauten sich die Autos durch das ganze Dorf», berichtet Keller. Wenn er und seine Brüder abends die Gusti von der Weide holten, mussten sie sich mit den Tieren durch die Blechlawine mühen. Manche Autofahrer – «die unleidigen Zürcher» zum Beispiel – hätten das gar nicht goutiert und die Bauerngiele mit der Viehherde regelmässig abgedrängt. Keller schmunzelt. «Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.»

9400 Fahrzeuge pro Tag

Nach der Eröffnung der Autobahn nahm die Verkehrsbelastung auf der Hauptstrasse schlagartig ab. «Die Leute konnten wieder gut schlafen», sagt Rudolf Keller. 1976 übernahm er den elterlichen Bauernbetrieb, den er später im Nebenerwerb führte. Er engagierte sich in der Dorfpolitik, war von 2000 bis 2004 Gemeinderatspräsident. Wie das Leben in Hindelbank ohne Autobahn aussehen würde, mag er sich gar nicht erst vorstellen. «Ohne die A1 wäre der Verkehr durchs Dorf nicht mehr erträglich.» Auch trotz der A1 habe der Durchgangsverkehr wieder zugenommen. «Mittlerweile fahren gefühlsmässig gleich viele Autos durchs Dorf wie vor der Eröffnung der Autobahn.»

«Mittlerweile fahren gefühlsmässig gleich viele Autos durchs Dorf wie vor der Eröffnung der Autobahn.»Rudolf Keller

Die letzte Verkehrszählung des kantonalen Tiefbauamts in Hindelbank datiert aus dem Jahr 2017. Damals waren auf der Dorfstrasse im Zentrum pro Tag durchschnittlich 9400 Fahrzeuge unterwegs. Bis im Jahr 2030 sollen es laut Hochrechnungen 11’500 Fahrzeuge sein. Doch auch dann wird Hindelbank nicht zu den am stärksten belasteten Orten zählen. Durch Hasle und Oberburg zum Beispiel rollen schon heute über 18’000 Fahrzeuge pro Tag, im Lyssachschachen sind es sogar 20’000.

Ortsdurchfahrt sanieren

Den Verkehr durch Hindelbank nachhaltig zu reduzieren, sei kaum realistisch, erklärt Roger Schibler, Kreisoberingenieur beim kantonalen Tiefbauamt. Das Ziel sei vielmehr, die Verkehrssicherheit und die Verträglichkeit zu erhöhen. Deshalb arbeitet der Kanton momentan am Projekt «Sanierung Ortsdurchfahrt». Geplant sind unter anderem Schutzinseln für die Fussgänger, Mehrzweckstreifen und neue Kreisel. Auch eine Temporeduktion wird diskutiert. Die Bauarbeiten beginnen laut Schibler frühestens in drei Jahren.

Deutlich länger wird es dauern, bis der angedachte Ausbau der A1 auf sechs Spuren in Angriff genommen wird. Danach soll es auf diesem Autobahnabschnitt weniger Staus geben. Das würde auch Hindelbank entlasten. Wenn auf der A1 zwischen Schönbühl und Kirchberg nämlich Stau herrscht, weichen viele Automobilisten auf die Hauptstrasse aus. Dann reiht sich in Hindelbank Fahrzeug an Fahrzeug.

Nein zur Umfahrung

Vor vier Jahren reichten 185 Hindelbankerinnen und Hindelbanker, denen der Verkehr durch das Dorf Sorgen bereitet, eine Petition ein. Ihr Anliegen: Die Behörden sollen den Bau einer Umfahrungsstrasse prüfen. Doch die Petitionäre erhielten negativen Bescheid vom Kanton. Auch Rudolf Keller, der ehemalige Gemeindepräsident und pensionierte Landwirt, gibt zu bedenken: «Eine Umfahrung wird wohl nicht so schnell gebaut – wenn man nur schon sieht, wie das stärker belastete Oberburg kämpfen muss.»

Ist auf der A1 Stau, steigt der Umsatz an der Landi-Tankstelle sofort. Foto: Christian Pfander

Es gibt auch die andere Seite. Für Geschäfte und Restaurants sind die Leute, die auf der Hauptstrasse durch Hindelbank fahren, eine wichtige Einnahmequelle. Zum Beispiel für den Landi-Tankstellenshop eingangs Dorf. «Wenn auf der A1 Stau ist, steigt der Umsatz sofort», sagt Werner Nadenbousch, Ur-Hindelbanker und Leiter Detailhandel/Energie bei der Landi Moossee. Allein im Shop betrug der Umsatz letztes Jahr 2,8 Millionen Franken, wie im Geschäftsbericht nachzulesen ist. Dazu wurden an der Agrola-Tankstelle 3,6 Millionen Liter Benzin und Diesel verkauft. Das gilt als hoher Wert.

«Eine Lebensader»

Der Erfolg der Agrola-Tankstelle hat auch mit der Autobahn zu tun. «Bei uns ist ein Liter Diesel etwa 10 Rappen günstiger als an einer Autobahntankstelle», erklärt Werner Nadenbousch. Das falle bei einer Lastwagentankfüllung durchaus ins Gewicht und habe sich entsprechend herumgesprochen. Viele Camionchauffeure würden die A1 in Kirchberg oder Schönbühl deshalb kurz verlassen, um über Hindelbank zu fahren. Um hier zu tanken und in der Krone, dem Gasthof mit dem grossen Lastwagenparkplatz, zu Mittag zu essen. Dann fahren sie zurück auf die Autobahn.

Vor der Eröffnung der A1 gab es in Hindelbank drei EG-Lebensmittelläden und ein Konsum. Nach 1965 seien diese mehr oder weniger schnell verschwunden, berichtet Rudolf Keller. Auch Markus Bartlome von der gleichnamigen Bäckerei mitten im Dorf sagt: «Strassen sind Lebensadern.» Würde die Hauptstrasse durch Hindelbank dereinst von einer Umfahrung abgelöst – «ich weiss nicht, ob das unser Geschäft überleben würde».

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Erstellt: 27.09.2019, 15:53 Uhr

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