Burgdorf

So liebevoll tönt Burgdorf

BurgdorfDas Frühlingsfest der SRF-Serie «bi de Lüt» auf dem Burgdorfer Kronenplatz: ein inszeniertes Spektakel, das allen Beteiligten viel abverlangte. Auch den Sängerinnen und Sängern, die sich für den Ad-hoc-Chor formierten.

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Die Minuten davor sind quälend lang. Die Anspannung ist an unseren Gesichtern abzulesen: die Augen weit, die Mienen ernst. Die Bewegungen fahrig, die Herzen klopfend. Die kollektive Nervosität erfasst auch die scheinbar Coolsten unter uns. Hinter der Bühne, eingepfercht zwischen den Zuschauerinnen und Zuschauern, warten wir auf das Zeichen, das uns hinaufbefehligt.

Halten uns an langstieligen roten Rosen fest, zupfen ein letztes Mal am weissen Hemmli. Kontrollieren gegenseitig, ob nicht doch noch ein Sandwichrest zwischen den Zähnen klebt oder Lippenstift darauf haftet.

Die Chormitglieder verfolgen den Beginn der Sendung. Video: Chantal Desbiolles

Auf ein Winken hin setzen wir uns in Bewegung und lächeln. Wir reihen uns auf der Bühne hinter- und nebeneinander ein, als hätten wir nie etwas anderes getan. Die Scheinwerfer nehmen uns den grössten Teil der Sicht auf das Publikum. Gut so! Die Kapelle Echo vom Leutschenbach beginnt zu spielen. 2 ... 3 ... 4 ... Der Chor setzt ein. «Love is in the air» schallt es verstärkt aus 27 Kehlen über den Platz.

Die Blicke auf Chorleiterin Therese Lehmann Friedli fixiert, trotzen wir Texthängern und Tonpatzern. Mit einem Lächeln auf den Lippen und Bewegung im Körper stehen wir vor Tausenden Leuten auf dem Kronenplatz und in den umliegenden Gassen und werden in noch mehr Wohnzimmer schweizweit live übertragen.

Die Kameras haben unser Tun von Beginn weg verfolgt. Szenen aus der ersten von sechs Proben nach dem offiziellen Casting Anfang April werden zu einem Einspieler zusammengeschnitten und am Samstag zu bester Sendezeit gezeigt. Damals klammerten wir uns noch an Notenblättern fest und trafen nicht alle Töne, stellen wir verschämt fest, überzeugen jedoch mit viel Motivation. Therese Lehmann Friedli wirkte zuversichtlich, uns innert weniger Stunden auf einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu bringen.

Die Ausgangslage dafür war nicht allzu schlecht: Die allermeisten der Gecasteten sind oder waren in einer Formation aktiv. Ein Drittel unseres Ad-hoc-Chores besteht aus Mitgliedern des gemischten Burgdorfer Chors Cantabella. Ihn dirigiert auch unsere Chorleiterin.

Was habe ich mir dabei bloss gedacht? Zu dritt haben wir uns im März auf den Aufruf hin um ein Plätzli im Chor beworben. Drei Freundinnen hatten eine ernsthaft weinselige Idee. Alle drei verfügen über einen musikalischem Background, aber nicht alle sind gleich aktiv.

Das Lied von John Paul Young, vorgegeben von den Sendungsmachern, erscheint mir nicht als die beste Wahl. Schon lange vor der Aufzeichnung mag ich den Evergreen nicht mehr hören. Aber der Groove im Chor gefällt mir ausnehmend gut.

Das Gemeinschaftserlebnis hilft über die gefühlt endlosen und mit Verve geführten Auftrittsoutfitdiskussionen hinweg. Gehört denn nun das weisse Hemd in die Hose, oder darf es auch darüber getragen werden? Muss die Jeans dazu heller oder dunkler sein? Wenn ja: wie dunkel? Auch Frust gehört dazu, ist doch der Aufwand für jene drei Chormitglieder, die exemplarisch porträtiert werden, noch um einige Stunden höher. Zu sehen, dass daraus Beiträge von wenigen Minuten Länge entstanden sind, verkraften nicht alle gleich gut.

Ja, wir sind im Fernsehen. Für uns bedeutet das «heisse Probe» und Durchlaufprobe am Freitag, Generalprobe und Liveauftritt am Samstag. Im selben Outfit, versteht sich. Immer mit einer Rose in der Hand, Rosenblüten in der Jeanstasche, wacher Stimme und offenem Herzen. Regieanweisungen («Ihr müsst viel schneller von der Bühne!»), Scheinwerferlicht und die Hitze treiben uns Schweissperlen auf die Stirn. Und schnell wieder zurück ins Theater Z zum Abkühlen und Abpudern. Nach der Pause gehts weiter: Fokussieren, einsingen, aufhübschen. Die Nerven behalten. Und den Humor nicht verlieren.

Proben des ad-hoc-Chores am Samstagnachmittag für die Sendung SRF bi de Lüt im Theater Z. Video: Chantal Desbiolles

In der Inszenierung, die an echten Emmentaler Werten und Traditionen anknüpft, kommt in meinen Augen das moderne Burgdorf zu kurz. Sie lässt sich zu stark von Klischees leiten, auch wenn sie hinterfragt werden. Auch wenn sie noch so ­liebevoll den Emmentalerinnen und Emmentalern nachspürt: «Chnorz» ist und bleibt eben «Chnorz».

«Love is in the air!» Das Klatschen der Menge begleitet uns. Es ist so laut, dass ich einen kurzen Moment fürchte, meine Mitsängerinnen und -sänger nicht mehr hören zu können. Keine drei Minuten später stürmen wir von der Bühne, begleitet vom tosenden Beifall der unüberschaubar grossen Menschenmenge vor uns. Links und rechts huschen wir vorbei an Moderator Nik Hartmann. Eine Kusshand, ein Winken, ein Lächeln in Richtung Kamera.

Die meisten sind froh, den Scheinwerfern entronnen zu sein. Auf dem Weg zurück ins Theater Z pulsiert das Adrenalin in unseren Adern. Ein jeder und eine jede von uns hat ein Ziel erreicht: Die einen wollten Teil einer grossen Fernsehproduktion sein. Die anderen wollten an einem zeitlich beschränkten Chorprojekt ohne viele Probestunden teilnehmen.

Die Erkenntnis, dass der Applaus den Schlusspunkt unter ein einmaliges Erlebnis setzt, erfüllt mich mit Genugtuung, mit Erleichterung. Ein wenig Wehmut ist auch dabei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.05.2017, 17:22 Uhr

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