Burgdorf

Sie wollen Raum ohne Zwänge

BurgdorfSeit einer Woche ist ein Teil eines abbruchreifen Hauses im Bahnhofquartier besetzt. Das Ultimatum steht: Bis heute Abend muss das Kollektiv Zundhöuzli abziehen.

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«Leerstand umarmen und beleben»: Der Slogan prangt an der ergrauten Fassade, daneben ein weiteres Banner «Besetzt, belebt, bewohnt». Die bunten Proklamationen hängen, seit in der Nacht auf Donnerstag vor einer Woche hier ein Kollektiv namens Zundhöuzli eingezogen ist. Seither sind die leer stehenden Teile der vernachlässigten Liegenschaft an der Hunyadigasse 2 besetzt.

Das Kollektiv «für ein belebtes und buntes Burgdorf» – rund dreissig Leute aus der Region Burgdorf und darüber hinaus zwischen 18 und 35 Jahren – hat im Haus einen Infoladen eingerichtet, der kulturellen Projekten eine Plattform bieten soll. Die Gemeinschaft verfolgt das Ziel, in Burgdorf Wohn- und Kulturraum «unabhängig von kapitalistischen Zwängen» zu schaffen.

Verdrängung überall

Mit der Besetzung der zentralen Liegenschaft soll aber auch auf den Leerstand aufmerksam gemacht werden, hält das Kollektiv fest: In der Schweiz stehe so viel Wohnraum leer wie nie zuvor. Zudem schreite der Strukturwandel in den Städten weiter voran, wodurch weniger zahlungskräftige Einwohnerinnen und Einwohner verdrängt werden. «Diese sogenannte Aufwertung lässt immer mehr Kulturraum verschwinden.» Auch in Burgdorf seien diese Tendenzen zunehmend, was das Kollektiv nicht akzeptieren will.

Mit der Eigentümerin der Liegenschaft will das Kollektiv verhandeln, nachdem gemäss ihren Angaben das Obergeschoss der Liegenschaft seit über zehn Jahren leer steht. Die Moser und Partner AG in Ittigen habe den konstruktiven Dialog allerdings abgelehnt, halten die Besetzer fest.

Auf eigenes Risiko

Das stellt die juristische Vertretung der Eigentümerschaft in einem Schreiben in Abrede: Am Tag nach dem Einzug sei ein Vertreter den ganzen Nachmittag vor Ort gewesen, um die konkreten Umstände zu besprechen. Dazu ist es laut dem Kollektiv nie gekommen. Die Möglichkeit, angehört zu werden, sei dem Kollektiv gegeben worden. Dabei sei den Besetzern auch mitgeteilt worden, dass sie ein baufälliges Haus bewohnen würden, wodurch sie die eigene und die Sicherheit von anderen gefährdeten. «Ein Verhandlungsspielraum hat bereits aus diesem Grund leider für uns nie bestanden.»

«Ein Verhandlungsspielraum hat bereits aus diesem Grund leider für uns nie bestanden.»Aus dem Schreiben des Anwalts

Gleichzeitig wurde ein Antrag auf polizeiliche Räumung eingereicht. Hat das Kollektiv das Haus nicht bis heute Freitag um 17 Uhr verlassen, wird die Kantonspolizei das Gebäude räumen lassen.

Die Reaktionen

Bis zur Eskalation will es das Kollektiv nicht kommen lassen. Es ist davon auszugehen, dass die Besetzer das Ultimatum nicht ungenutzt verstreichen lassen – um nicht künftige Projekte in Burgdorf zu gefährden. Die «vielen, sehr positiven Rückmeldungen» aus der Nachbarschaft ermutigten das Kollektiv, aktiv zu bleiben.

Zumindest eine Reaktion fällt davon deutlich ab. Im Erdgeschoss der Liegenschaft ist das junge Feinkostgeschäft Lavanda eingemietet. Bei Mitinhaberin Barbara Blaser stösst die politische Aktion im Haus nicht auf Gegenliebe – zumal es sich nicht um ein leer stehendes Haus handle. Der Tumult ums Haus sei geschäftsschädigend, stellt sie fest. Seit dem Einzug der Besetzer seien die Kunden ausgeblieben – und das mitten im Weihnachtsgeschäft. Für sie und ihre Geschäftspartnerin bedeuteten die «Scherereien» Stress pur. Freiraum hin oder her. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 18:18 Uhr

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